Gedenkveranstaltung im Gemeinschaftshaus

Bombenangriff auf Kleinensee - Eine Zeitzeugin erinnert sich

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Wollen die Erinnerung wachhalten: Susanne Schimmelpfennig, Lieselotte Ißlieb, Michael Tann und Paul Schäfer (von links) haben zahlreiche Fotos und Dokumente zu den Kriegstoten aus Kleinensee zusammengetragen.

Vor genau 75 Jahren wurde das Dorf Kleinensee während des Zweiten Weltkriegs von Fliegerbomben getroffen. Der Angriff galt eigentlich einem anderen Ziel.

Der 4. Dezember 1944 hat sich bei Lieselotte Ißleib tief ins Gedächtnis eingebrannt. Als Erstklässlerin befindet sich die damals Sechsjährige an diesem nebligen Tag gerade in der Dorfschule von Kleinensee, als in der Mittagszeit die Luftschutz-Sirene aufheult.

„Unser Lehrer hat noch gesagt, dass uns der Angriff nicht treffen wird“, erinnert sich die 81-Jährige. Tatsächlich gibt es damals in dem Dorf am Fuße des Seulingswaldes keine Ziele von strategischer Bedeutung.

Kurz darauf klirren jedoch die Fensterscheiben, ist ein bedrohliches Dröhnen zu vernehmen. „Es kam uns vor, als würden die Flugzeuge direkt über die Dächer hinwegfegen“, erzählt Lieselotte Ißlieb. 

Fliegerbombe trifft ein Wohnhaus

Die Schulklasse sucht Schutz im Keller, vernimmt von dort die Detonationen. Als der Lehrer die Kinder nach dem Angriff ins Freie führt, wird dessen Ausmaß deutlich: Neben mehreren Brandbomben-Einschlägen ist eine Scheune zerstört worden. Weitaus schlimmer jedoch: An der heutigen Berkaer Straße hat eine Fliegerbombe ein Wohnhaus getroffen. 

In den Trümmern des komplett zerstörten Gebäudes sterben sieben Menschen. Unter den Toten ist neben den beiden Kindern der Bewohner auch eine Verwandte, die nach dem Schlachten gerade Fleischbrühe vorbeibringen wollte. 

Bochumer Familie ereilte tragisches Schicksal

Getötet werden außerdem zwei Erwachsene und zwei Kinder einer Familie aus Bochum. Besonders tragisch: „Sie waren ins vermeintlich sichere Kleinensee gekommen, um den schweren Bombenangriffen in ihrer Heimatstadt zu entgehen“, erklärt der Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins, Paul Schäfer.

Ein weiteres Kind dieser Familie befindet sich während des Angriffs mit Lieselotte Ißleib in der Schule. Das Mädchen entgeht so zwar dem Tod, verliert aber seine Angehörigen.

Warum die Bomben ausgerechnet über dem beschaulichen Kleinensee abgeworfen wurden, habe lange Zeit nicht abschließend geklärt werden können. „Inzwischen verfügen wir über Unterlagen, die belegen, dass Kleinensee nicht getroffen werden sollte“, verdeutlicht Paul Schäfer. 

Demnach galt der Angriff der amerikanischen B 24-Bomber eigentlich dem Eisenbahn-Knotenpunkt Bebra. Durch Wind und Nebel verfehlten viele Bomben jedoch ihr eigentliches Ziel. 

63 Kriegstote aus Kleinensee

100 von 299 Flugzeugen brachen den Angriff ab. Während die Schäden an den Bahnanlagen vergleichsweise gering ausfielen, seien durch den Angriff zwischen Bebra und Dippach insgesamt 85 Menschen zu Tode gekommen, so Schäfer. „Das hat mich ein Leben lang begleitet“, sagt Lieselotte Ißleib über die Ereignisse dieses Dezembertages vor 75 Jahren.

Millionen von Menschen hat der Krieg das Leben gekostet, aus Kleinensee gelten insgesamt 63 Personen als gefallen oder vermisst. Von 60 dieser Kriegstoten haben die Mitglieder des Heimat- und Verkehrsvereins inzwischen Fotos zusammengetragen.

Sie sollen heute anlässlich des 75. Jahrestages des Luftangriffs in einer Ausstellung im Gemeinschaftshaus „Schlottentreff“ gezeigt werden. „Es geht darum, den Namen auf den Gedenktafeln ein Gesicht zu geben“, erklärt Michael Tann, der an einer ähnlichen Sammlung auch für die Gemeinde Wildeck arbeitet. 

Mit dem heutigen Gedenktag, der erstmals in dieser Form begangen wird, wollen die Organisatoren die Erinnerung an die Ereignisse vor 75 Jahren wachhalten – auch um der jungen Generation aufzuzeigen, welches Leid der Fanatismus jener Zeit über die Menschheit gebracht hat.

Gedenkfeier heute ab 12 Uhr in Kleinensee

An den Luftangriff vor 75 Jahren soll am heutigen Mittwoch, 4. Dezember, von 12 Uhr bis 18 Uhr im Gemeinschaftshaus „Schlottentreff“ in Kleinensee erinnert werden. 

Erstmals werden die Toten des Bombenangriffes und die Toten des Zweiten Weltkrieges aus Kleinensee in einer Bilderausstellung gezeigt. 

Um 12.10 Uhr sollen zum Klang der Kirchenglocken auf dem Friedhof weiße Rosen auf den Gräbern der Kriegsopfer niedergelegt werden. Ab 15 Uhr gibt es im Schlottentreff Kaffee und Kuchen.

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