Ohne Umwege ans Ziel

Bahnverbände halten Lückenschluss im Werratal ohne viel Aufwand für möglich

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Opfer der Teilung: Im Januar 1975 wurde das Gleis in Philippsthal zunächst zwischen der innerdeutschen Grenze und dem Bahnübergang Brückenstraße (unser Bild) sowie kurz darauf bis zum Bahnhof demontiert. Bis ins Jahr 2008 folgten schrittweise auch Schienen und Brücken zwischen Philippsthal und Werk Hattorf. Obwohl das Gleisfeld des Philippsthaler Bahnhofs inzwischen teilweise bebaut ist, wäre die Schienenverbindung nach Vacha nach Ansicht des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen vergleichsweise kostengünstig wieder herzurichten. Foto: Wilhelm Bleitner/HZ-Archiv

Eine Reaktivierung der Bahnstrecke von Vacha über Philippsthal und Heringen nach Gerstungen wäre nach Einschätzung von Experten ohne großen Aufwand möglich. 

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und die Allianz pro Schiene haben kürzlich ihre Vorschläge für die Wiederinbetriebnahme von stillgelegten Eisenbahnstrecken aktualisiert und erweitert.

Neu in diese Reaktivierungsliste aufgenommen wurde auch die Bahnstrecke von Vacha über Philippsthal und Heringen nach Gerstungen. „Die Strecke wurde aufgrund der einfachen Reaktivierbarkeit, der vergleichsweise hohen Bevölkerungsdichte im Einzugsbereich sowie der Möglichkeit der Durchbindung von Verkehren auf der Hauptstrecke Bebra-Eisenach ausgewählt“, erklärt Dr. Martin Henke, Geschäftsführer für Eisenbahnverkehr beim VDV.

Gleise sind ohnehin in Betrieb

Der Großteil der Gleise sei im Güterverkehr zu den Kaliwerken ohnehin in Betrieb und habe einen akzeptablen Ausbaustandard. Der Abschnitt zwischen Philippsthal und Vacha, der durch die innerdeutsche Grenze unterbrochen wurde, wäre nach Einschätzung des VDV-Geschäftsführers trotz Demontage ebenfalls kostengünstig wieder herzurichten. „Insgesamt gehört dieser Reaktivierungsvorschlag zu denjenigen, die mit dem bundesweit geringsten Aufwand Bürgern wieder Anschluss an das Netz des Eisenbahnpersonenverkehrs gewähren würde“, ist Henke überzeugt. Eine Elektrifizierung sei dabei kein Muss, jedoch aufgrund des Güterverkehrs zu rechtfertigen. Anderenfalls könnten aber auch Batterietriebwagen fahren, die ihre Akkus auf der angrenzenden Hauptstrecke aufladen.

Der Bahnsteig ist verwaist: Am Heringer Bahnhof gibt es zwar noch regen Güterverkehr, der letzte planmäßige Personenzug hielt hier allerdings schon vor Jahrzehnten. Foto: Jan-Christoph Eisenberg

Mit der Aufnahme auf die VDV-Vorschlagsliste finden die Reaktivierungsbemühungen in der Region weitere Unterstützung. Nach einem entsprechenden Vorstoß des Heringer Bürgermeisters Daniel Iliev haben sich bereits die Ortsgruppe Bebra der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), das Heringer Stadtparlament und die Philippsthaler Gemeindevertretung für die Wiederaufnahme des Personenverkehrs ausgesprochen (unsere Zeitung berichtete). Auch der Grünen-Regionalverband Wartburgkreis/Eisenach begrüßt inzwischen das Vorhaben.

Vorschlag aus Heringen

Der Heringer Rathauschef hatte Anfang des Jahres die geplante Wiederinbetriebnahme der Bahnstrecke zwischen Vacha und Unterbreizbach für den Güterverkehr des Düngemittelherstellers K+S aufgegriffen. Durch diesen Lückenschluss wird die Schienenverbindung durchs Werratal voraussichtlich bereits gegen Ende des Jahres wieder durchgängig befahrbar sein – allerdings mit Umweg über die K+S Grubenanschlussbahn nach Unterbreizbach sowie die steile Grenzumgehungsstrecke über Sünna.

Dr. Martin Henke spricht sich jedoch ausdrücklich für die Reaktivierung der ursprünglichen Trasse zwischen Philippsthal und Vacha aus: „Die Streckenführung über Unterbreizbach ist für den Personenverkehr unbrauchbar, da mit extremen Umwegen verbunden. Sie wurde ohnehin nur als Notlösung geschaffen, um die innerdeutsche Grenze, die die direkte Strecke durchschnitten hatte, zu umfahren. Die zusätzliche Erschließung Unterbreizbachs würde durch eine erhebliche Fahrzeitverlängerung erkauft und wäre nicht zu rechtfertigen.“

"Verlängerung sinnvoll"

Mittelfristig hält Henke die Verlängerung des Personenverkehrs von Vacha nach Bad Salzungen für sinnvoll – „insbesondere, wenn unsere Vorschläge zur Durchbindung der Werrabahn nach Coburg und zu deren Elektrifizierung zum Tragen kommen. Dann wäre die Strecke Gerstungen-Bad Salzungen beidseitig gut angebunden und würde noch attraktiver.“ Zwischen Vacha und Bad Salzungen war der Verkehr im Jahr 2001 komplett eingestellt worden. Inzwischen fahren dort wieder Güterzüge.

Hintergrund

Im Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sind die Betriebe des öffentlichen Personennahverkehrs und des (Eisenbahn-)Güterverkehrs organisiert. Zum gemeinnützigen Verkehrsbündnis Allianz pro Schiene haben sich unter anderem Umweltverbände, Eisenbahnergewerkschaften, Verbraucherverbände, Kammern, Hochschulen, Bahnhofsmission und Unternehmen aus der Bahnbranche zusammengeschlossen. 

Beide Verbände schlagen in ihrer aktualisierten Liste 238 Bahnstrecken mit insgesamt 4 016 Kilometern Länge zur Reaktivierung vor. Dadurch könnten nach Angaben des VDV 291 Städte und Gemeinden mit mehr als drei Millionen Menschen wieder ans deutsche Schienennetz angebunden werden. Rund 70 Prozent der Menschen in Deutschland leben laut der Verbände in Mittel- und Kleinstädten oder im ländlichen Raum. 

Von rund 900 in Deutschland als Mittelzentren eingestuften Orten seien 123 und mit ihnen rund 1,778 Millionen Einwohner nicht an das im Personenverkehr betriebene Bahnnetz angeschlossen. 45 davon haben noch einen Eisenbahnanschluss, der aber nicht regelmäßig im Personenverkehr bedient wird – dazu zählt auch die Stadt Heringen. Mit der Änderung des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG) seien laut einem Positionspapier des VDV seitens des Bundes die Rahmenbedingungen für Reaktivierungsprojekte im Personenverkehr erheblich verbessert worden – nicht nur im Hinblick auf die Höhe der bereitgestellten Mittel, sondern auch auf die Förderbedingungen. 

Die Wiederinbetriebnahme der Strecken steigere die Attraktivität des klimafreundlichen Verkehrsträgers Bahn. Sie sei ausdrücklich kein Votum gegen den Busverkehr, sondern führe im Idealfall auch zur Belebung neugeordneter und auf die Züge abgestimmter Buslinien, argumentieren die Verbände.

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