Serie: Die Kirche im Dorf lassen

Kirche in Niederaula ist für Pilger und Radfahrer geöffnet

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Ein beliebter Anlaufpunkt für Radfahrer und Pilger: Die evangelische Kirche in Niederaula ist ausgezeichnete Radwanderkirche. Pfarrer Werner Ewald (Foto) freut sich über die Besucher. 

Die Kirchen sind der Mittelpunkt eines Dorfes. Es sind Orte voller Geschichte und Geschichten. In unserer Serie stellen wir Gotteshäuser  vor – heute die Kirche in Niederaula.

Niederaula – Jeden Morgen macht sich Martha Lerch auf den Weg zur Evangelischen Kirche in Niederaula, um die Türen zu öffnen für Pilger, Radfahrer, Gemeindemitglieder und alle anderen, die die Kirche besuchen wollen. Die 87-Jährige ist die gute Seele des Hauses, so Pfarrer Werner Ewald. Die Offene Kirche war Anlass für die Landeskirche, Niederaula offiziell als Radwege- und Pilgerkirche auszuzeichnen. Auch die günstige Lage am Fuldaradweg und am Lutherweg führt dazu, dass viele Menschen den Weg in die Niederaulaer Kirche finden.

Eine Informationstafel gibt es vor der Kirche und auch Möglichkeiten sein Rad anzuschließen. Unter einer großen Linde finden Pilger und Radfahrer Schutz vor Regen und Sonne. „Es sind häufig Leute da für eine stille Minute“, freut sich Ewald.

Wenn er nach längerer Zeit durch das im Kirchenschiff ausliegende Gästebuch blättert, findet Ewald fast immer neue Einträge, auch von Besuchern aus der ganzen Bundesrepublik oder aus dem Ausland. „Bald werden wir ein neues Gästebuch auslegen müssen,“ meint er. Ein neues Buch hat die Kirche bereits – das gab es als Geschenk der Landeskirche zur Auszeichnung als Radwegekirche. Daneben liegt ein Stempel der Kirchengemeinde, mit dem Pilger ihren Besuch in Niederaula in ihrem Pilgerpass verewigen können.

Pfarrer Werner Ewald freut sich über die vielen Einträge im Gästebuch.

Einen Geburtstag, der keiner war, feierte die Kirche im Jahr 1998: Am Pfingstwochenende feierte die Gemeinde den 500. Geburtstag ihrer Glocke „Jesus Nazarenus rex Judarum“, die aus dem Jahr 1498 stammt – angeblich. Ein Schriftenforscher fand jedoch vor einigen Jahren heraus, dass sich hinter den römischen Zahlen in der Inschrift der Glocke ein anderes Datum als bisher angenommen verbirgt. Die Glocke stammt demnach aus dem Jahr 1942. Nichtsdestotrotz ist diese Glocke die älteste von drei des Niederaulaer Geläuts und auch das große Gemeindefest an Pfingsten, das seit dem runden Geburtstag zur Tradition wurde, wird weiterhin gefeiert.

Die zweite Glocke „Osanna heiß ich“ sowie die damals größte Glocke wurden während des Zweiten Weltkrieges abgehangen, um sie für Kriegszwecke einzugießen. 1948 wurde „Osanna heiß ich“ jedoch auf einem Glockenfriedhof bei Hamburg wiedergefunden und nach Niederaula zurückgebracht. Die zweite, verschollene Glocke wurde im Jahr 1955 ersetzt und neu gegossen.

Eine vierte, unbewegliche Glocke schlägt zur vollen Stunde im Kirchturm. Ein Friedenslicht sowie das Symbol eines brennenden Davidsterns im Kircheninnenraum erinnern an die Reichspogromnacht. Bereits einen Tag vorher, am 8. November 1938, wurde die nahegelegene Synagoge in Niederaula verwüstet, geschändet und die Einrichtung zerstört. Eine jährliche Andacht im November erinnert an dieses Ereignis.

Hintergrund

Die Evangelische Kirche in Niederaula

Zwei Mal wurde die Kirche in Niederaula abgerissen und neu errichtet. Das erste Mal um 1500 und das zweite Mal im Jahr 1775. Im Innenraum finden auf den Bänken im Kirchenschiff und auf der Empore etwa 300 Menschen Platz. Die Orgel wurde ursprünglich 1779/81 von Johannes Schlottmann gebaut und wurde 2007 generalrestauriert. Die Kanzel ist dem Hochbarock nachempfunden und stammt aus dem Jahr 1845. Die Gottesdienste finden immer im Wechsel mit Kerspenhausen statt. Zur Kirchengemeinde gehören auch die Dörfer Kleba und Solms. Hilperhausen wiederum zählt zu Kerspenhausen.

Von Laura Hellwig

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