„Ich habe nichts zu verlieren“

Bürgermeisterwahl in Niederaula: Interview mit Gerhard Eckstein

Sie stehen voll hinter der Kandidatur von Gerhard Eckstein: Sohn Markus (29) mit Freundin Manjana Galle, Sohn Jannick (24), Ehefrau Heidi und Hund Cora.
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Sie stehen voll hinter der Kandidatur von Gerhard Eckstein: Sohn Markus (29) mit Freundin Manjana Galle, Sohn Jannick (24), Ehefrau Heidi und Hund Cora.

In der Marktgemeinde Niederaula wird am 1. November der Bürgermeister gewählt. Gegen Thomas Rohrbach tritt der Erste Beigeordnete Gerhard Eckstein an.

Herr Eckstein, mit 61 Jahren sind Sie in einem Alter, in dem sich andere auf den wohlverdienten Ruhestand vorbereiten. Warum kandidieren Sie jetzt noch für den schwierigen Posten des Bürgermeisters?

Ich bin in Mengshausen geboren und aufgewachsen, kenne in ganz Niederaula die Strukturen, habe hier Fußball gespielt, bin in vielen Vereinen, habe Ehrenämter. Daher weiß ich auch um die Sorgen und Nöte der Menschen. Weil ich mit einigen Entscheidungen nicht einverstanden war, bin ich 2015 mit der neu gegründeten Bürgerliste in die Kommunalpolitik eingestiegen, und wir haben auch gut abgeschnitten und einiges erreicht. Im Interesse der Bürger möchte ich mit meiner langjährigen Erfahrung in der Verwaltung daran weiterarbeiten.

Für eine Amtszeit?

Mit 61 Jahren kann man noch einiges bewegen. So lange es meine Gesundheit zulässt, traue ich mir das Amt zu – auch länger als eine Amtszeit. Meine Familie trägt das auch voll mit.

Der Streit um die Straßenausbaubeiträge dominiert die Gemeindepolitik und er ist noch längst nicht beigelegt. Wie wollen Sie den so oft beschworenen Dorffrieden wieder herstellen?

Das geht nur mit Kommunikation. Man muss die Bürger gut informieren und mitnehmen, aber auch die Aufsichtsbehörden, die Juristen des Hess. Städte und Gemeindebundes und die Gemeindegremien an einen Tisch zusammen holen. Dann gilt es, viele Gespräche zu führen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ich bin immer noch guter Hoffnung, dass dadurch eine außergerichtliche Einigung gelingen kann.

In Niederaula wird doch eine ganze Menge geredet. Ich habe zuweilen das Gefühl, dass man einander nur nicht zuhören will?

Das sehe ich nicht so! Ich habe bereits in 2017 einen Vergleichsvorschlag gemacht, der leider abgelehnt wurde. Ich hätte mir von Thomas Rohrbach gewünscht, dass er sich intensiver damit beschäftigt hätte, dann wäre das Problem längst bereinigt.

Aber nicht nur Herr Rohrbach, sondern auch die Kommunalaufsicht hat Bedenken gegen die eingeschlagenen Wege?

Wenn man die Empfehlungen der Kommunalaufsicht richtig liest, dann steht dort alles wenig konkret im Konjunktiv. Deshalb glaube ich fest daran, dass man Lösungen finden kann. Was bislang fehlt, sind klare Aussagen!

Auch um den Standort für ein neues Feuerwehrgerätehaus wird gestritten. Das zeigt auch die Zerrissenheit der Politik. Was wollen Sie hier tun?

Klar ist: Wir brauchen ein neues Feuerwehrgerätehaus. Einige behaupten, ich wolle das nicht, aber das ist völliger Unsinn. Allerdings sage ich auch, dass der Standort gut durchdacht werden muss. Denn wir haben 1998 ein Feuerwehrhaus ohne Erweiterungsmöglichkeit gebaut. Das rächt sich jetzt, obwohl das Gebäude noch längst nicht abgeschrieben ist. Berücksichtigt werden muss aus meiner Sicht beim favorisierten Standort des Planungsteams auch, dass ein Ausbau des Verbindungsweges zur B 62 notwendig ist und schätzungsweise eine Million Euro kosten wird. Außerdem geht es mir hierbei auch um Nachhaltigkeit. Anstatt auf bestem Ackerland neu zu bauen, sollten wir lieber prüfen, ob es nicht bereits versiegelte Flächen in zentraler Lage an der B 62 gibt. Dies wird ja gerade auch von den beiden Ausschüssen der Gemeindevertretung in Zusammenarbeit mit den Feuerwehrkameraden geprüft.

Das klingt sehr vernünftig und moderat. Auch Bürgermeister Rohrbach hat gute Argumente. Warum ist in Niederaula die Stimmung so vergiftet, warum gelingt es nicht, gemeinsam Lösungen zu finden?

(denkt lange nach) Wenn ich das wüsste, aber ich weiß es nicht. Ich selbst habe es mehrfach versucht, Lösungsvorschläge zu machen. Auch Landrat Dr. Koch hat zwei Vermittlungsversuche unternommen ...

... als Bürgermeister müssten Sie Lösungen finden. Sie werden von der Bürgerliste, CDU und Grünen unterstützt, aber die SPD könnte gestärkt aus den Kommunalwahlen hervorgehen. Dann hätten Sie dasselbe Problem, wie jetzt Thomas Rohrbach?

Jetzt wird aber erst mal der Bürgermeister gewählt. Auch bei veränderten Machtverhältnissen nach der Kommunalwahl setze ich auf Kommunikation. Ich kenne viele Leute aus der SPD, mit denen ich ganz vernünftig und gut reden kann. Da sehe ich keine Probleme. Das kriege ich hin!

Wir hören von vielen Bürgern, dass sie gerade der Bürgerliste massive Eigeninteressen gerade beim Thema Straßenbeiträge unterstellen. Stimmt das?

Es gibt in Niederaula tatsächlich eine Ungleichbehandlung bei den Straßenbeiträgen, weil es zunächst keine Beitragssatzung gab, dann eine eingeführt wurde, die jetzt wieder ausgesetzt wird. Das führt zu Ungerechtigkeit und Unmut. Genau deshalb hat sich die BLN gegründet, das stimmt – aber nicht nur aus Eigeninteresse. Wir sprechen hier von über 600 Anliegern, die alle betroffen sind und sich unfair behandelt fühlen. Vom Vorwurf des Eigennutzes bei weit über 600 betroffenen Bürgerinnen und Bürgern kann sicherlich hier nicht mehr die Rede sein.

Wäre es im Interesse des Dorffriedens nicht besser gewesen, einen unbelasteten Kandidaten von außerhalb aufzustellen.

Mir geht es vor allem darum, ein neues Miteinander in Niederaula zu gestalten. Genau deshalb wollte ich auch eigentlich, gemeinsam mit der SPD, einen ganz anderen, jungen Kandidaten ins Rennen schicken. Dazu gab es bereits im Vorfeld der Bürgermeisterwahl ein Gespräch mit dem SPD-Ortsvereins- und Fraktionsvorsitzenden.

Dabei ging es um Tobias Heipel aus Breitenbach?

Genau, aber er hat mir mitgeteilt, dass eine Kandidatur für ihn nur mit Nominierung der SPD Niederaula in Frage käme. Diese unterstützt aber Thomas Rohrbach. Ich habe somit durchaus versucht, einen gemeinsamen, außenstehenden Kandidaten aufzustellen, um hier die Lagerbildung im Interesse des Dorffriedens zu vermeiden. Leider ohne Erfolg.

Nun müssen Sie selber ran. Wie wollen Sie punkten?

Ich möchte gern etwas für junge Familien tun. Deshalb brauchen wir zusätzlich Kita-Plätze, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Eine Idee wäre zum Beispiel die Einrichtung einer Waldkindergartengruppe. Das ginge relativ schnell und kostengünstig. Auch die Dorfmoderation nach dem Abriss des alten Kindergartens wäre mit mir ganz anders abgelaufen. Ein weiteres Anliegen ist die Einrichtung eines Bürgerbusses, weil Solms, Hilperhausen und Hattenbach schlecht angebunden sind. Außerdem brauchen wir neue Radwege, speziell zwischen den einzelnen Dörfern. Das betrifft auch die Infrastruktur in den Gewerbegebieten, da passt einiges hinten und vorne nicht mehr. (siehe auch Info-Kasten Ecksteins Ziele)

Ihr Konkurrent Thomas Rohrbach kandidiert mit dem Amtsbonus. Wie stark schätzen Sie ihn ein?

Ich habe immer gesagt, dass ich mindestens 40 Prozent der Wählerstimmen erreichen will, das traue ich mir auch zu. Nach wie vor ist mein Ziel natürlich ein Wechsel im Rathaus. Dies ist aber gegen einen amtierenden Bürgermeister bekanntlich sehr schwer.

Aber wenn Rohrbach dann 60 Prozent hat, bleibt er Bürgermeister?

Dann ist das so. Für mich geht die Welt deshalb nicht unter. Ich habe ja nichts zu verlieren.

Gesetz den Fall, Sie werden nicht gewählt: Bleiben Sie dann im Parlament als Erster Beigeordneter? Da sind Sie doch eigentlich falsch besetzt und sollten eher Oppositionsführer sein, oder?

Ich würde dann auf jeden Fall wieder kandidieren. Welche Position ich dann einnehmen werde, ist aber noch völlig offen. Das muss ich auch mit den Mitgliedern der Bürgerliste besprechen. Jetzt ist aber erst mal Bürgermeisterwahl. Ich habe mir fest vorgenommen, einen fairen Wahlkampf zu führen. Ich stehe für Aufrichtigkeit und Menschlichkeit und werde bemüht sein, alle Bürgerinnen und Bürgern gerecht und fair zu behandeln.

Zur Person

Gerhard Eckstein (61) ist in Mengshausen geboren und aufgewachsen. Nach der Mittleren Reife hat er eine Ausbildung als Maschinenschlosser und eine als Landwirt absolviert. Dann hat er die Technikerschule mit Meisterausbildung absolviert. Seit 1989 arbeitet er beim Veterinäramt. Dort hat er sich um die Kontrolle von Tiertransporten und landwirtschaftlichen Betrieben gekümmert. Seit 1990 ist Eckstein Verdi-Mitglied und seit 2008 im Personalrat im Landratsamt. Seit 2012 ist er Vorsitzender des Gremiums. Gerhard Eckstein ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen. 

Ecksteins Ziele kurz zusammengefasst

• Mehr Bürgerbeteiligung, Bürgersprechstunden in allen Stadtteilen, bessere Zusammenarbeit mit allen Fraktionen in den gemeindlichen Gremien.

•Schaffung eines selbstverwalteten Jugendraums. Stärkung der Ortsjugendpflege.

• Betreutes Wohnen im Ortskern gemeinsam mit freiem Träger schaffen.

• Bürgerbus und Mitfahrbänke in allen Ortsteilen

• Ausbau des Radwegenetzes zum Beispiel mit neuem Radweg nach Hattenbach, bessere Verkehrsführung im Gewerbegebiet, Fußwege in den Ortsteilen erhalten und sanieren

• Krippen- oder Kitaplätze für jedes Kind, Spielplätze in allen Ortsteilen

• Klimaschutzbeirat, Blühflächen ausbauen, Lärmschutz erweitern.

• Gleichbehandlung aller Bürger, sowie verstärkte und einheitliche Förderung von Vereinen.

Leserfragen: Was möchten Sie von den Bewerbern wissen?

Die in der Vergangenheit gut besuchten Wahlforen unserer Zeitung müssen dieses Jahr aufgrund der Corona-Pandemie leider ausfallen. Wir geben Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, trotzdem die Gelegenheit, den Kandidaten Fragen zu stellen. Senden Sie diese bitte bis zum 22. Oktober 2020 per E-Mail an redaktion@hersfelder-zeitung.de. Bitte geben Sie in der E-Mail nicht nur an, an wen sich Ihre Frage richtet, sondern auch Ihren Namen und Ihren Wohnort. Und: Die Fragen sollten nicht bereits in unseren Interviews gestellt worden sein. Ihre Fragen und die Antworten der Kandidaten werden dann in der HZ veröffentlicht. (Mario Reymond/Kai A. Struthoff)

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