Kassenärztliche Vereinigung: Geschäftsführer macht Oberaulaern wenig Hoffnung

Neuer Arzt? Fehlanzeige

Wolfgang

Oberaula. „Auf dem Land einen Nachfolger für eine Arztpraxis zu finden, ist sehr, sehr schwer“: Wolfgang Wiegand, Geschäftsführer der Bezirksstelle Marburg der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, macht wenig Hoffnung, dass sich in Oberaula ein neuer Allgemeinmediziner finden lässt. In der Knüllgemeinde hatte jüngst die Gemeinschaftspraxis Pistor geschlossen (wir berichteten).

Dieser Arztsitz werde voraussichtlich bis zu einem dreiviertel Jahr in der Bedarfsplanung bleiben. Generell gelte der Schwalm-Eder-Kreis derzeit mit seinen insgesamt rund 185 000 Einwohnern und rund 120 Ärzten in Sachen Allgemeinmedizin als unterversorgt: Zwei Hausärzte und ein Kinderarzt könnten sich theoretisch im Landkreis neu niederlassen.

Im Gespräch mit Kommunen

Mit den Bürgermeistern von Oberaula, Ottrau, Neukirchen und Schwarzenborn habe er das Thema der ärztlichen Versorgung bereits besprochen. „Da sitzen wir mit den Kommunen in einem Boot“, sagt Wiegand. Um Anreize für einen Arzt zu schaffen, wäre es etwa denkbar, dass die Kommunen Grundstücke für den Hausbau finanzieren oder Praxisräume für einen gewissen Zeitraum mietfrei zur Verfügung stellen. Doch indirekt würden so wieder die Menschen in den Gemeinden über die Steuern belastet. Und weil sie ohnehin hohe Krankenversicherungsbeiträge zu tragen hätten, seien damit viele Bürgermeister nicht einverstanden.

Der Dorfarzt alter Prägung sei bald Vergangenheit, meint Wiegand. Die Umsätze auf dem Land seien nicht sehr hoch. Der Großteil des raren Medizinernachwuchses seien außerdem Frauen, die später an einem attraktiven Standort mit mehr Lebensqualität auch eine Familie gründen wollten – und das sei eher die Stadt als das Land. Außerdem bröckele die Wertschätzung für die Hausärzte. „Viele fühlen sich nur noch als Schreiberling für Überweisungsscheine“, meint Wiegand. Außerdem sei die Bürokratie ausgeufert. Die Dokumentationen für chronisch kranke Patienten und Gutachten würden viel Zeit fressen. „Bald braucht es allein eine vierseitige Dokumentation, wenn der Arzt mit dem Reflexhammer gegen das Knie schlägt“, unkt der KV-Geschäftsführer. Die Folge: Junge Mediziner gingen lieber ins Ausland oder in die Forschung als aufs flache Land.

Außerdem gehe der Trend weg von der Einzel- zur Gemeinschaftspraxis, um die Bürokratie in den Griff zu bekommen.

Das Modell Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) sei auf dem Land aber unrealistisch, weil es dafür mindestens zwei verschiedene Facharzt-Zweige bräuchte.

Trotz allem: „Wir können uns die Ärzte nicht aus dem Wald schnitzen“, sagt Wiegand zur Nachwuchssuche. Die Gesundheitspolitik sei gefordert, wieder annehmbare Möglichkeiten für junge Ärzte zu schaffen. Foto: nh

Das sagt ...

Von Jürgen Köcher

Kommentare