Die kleine Fachwerkkirche in Gehau: Gotteshaus ohne Gottesdienst

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Georg Stiebing ist einer der letzten, der noch die Glocke per Hand läutet.

Klein, aber fein: Die Fachwerkkirche in Gehau ist etwas Besonderes. Gottesdienste werden hier allerdings seit Jahren nicht mehr gefeiert.

Dass einige Gehauer bis etwa vor einem Jahrzehnt trotz der Enge und Kargheit noch in der kleinen Fachwerkkirche heirateten oder darin ihre Kinder taufen ließen, mag belegen, dass den Gehauern „ihre Kirche“ viel bedeutet, dass sie sich damit verbunden fühlen, ja dass diese ihnen ans Herz gewachsen ist. 

Als letztes Brautpaar ließen sich im September 2006 Sandra Becker und Thorsten Hofmann in dem Kirchlein trauen, und die große Hochzeitsgesellschaft musste in den Bänken arg zusammenrücken und Kinder sogar auch noch auf der Treppe zur Empore Platz nehmen – „aber es war in dem schön geschmückten Kirchlein eine besondere, eine unvergleichliche Atmosphäre bei der Trauung“, meint Anneliese Becker, Mutter der Braut.

Auch Taufen oder Gottesdienste, etwa anlässlich von Silberhochzeiten, wurden in der kleinen Fachwerkkirche noch bis vor etwa zehn Jahren gefeiert – als letztes Kind taufte man Tim Allendorf im August 2006 darin.

Lesegottesdienste bis in die 1960er-Jahre

Georg Stiebing ist einer der letzten, der noch die Glocke per Hand läutet.

Regelmäßige Lesegottesdienste wurden von den Lehrern hier im Sommer bis Mitte der 1960er-Jahre gehalten, bei Kälte jedoch mangels Heizmöglichkeit in den Schulraum verlegt. In der Kirche stand und steht noch heute der schlichte Holzaltar, die Anzeigetafel für die Lieder und eine Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges hängen noch an der Wand, und das Harmonium, auf dem der Gesang begleitet wurde, steht auch noch einsatzbereit – und manch einem Gehauer mag dabei in den Sinn kommen, dass sie damals als Konfirmanden gerne bei der Luftzufuhr zum Harmonium den Lehrer in Bedrängnis brachten, weil sie beim Kurbeln nachlässig waren.

Wenn auch in den letzten Jahren kein Gottesdienst mehr in der 1712 erbauten Kirche gefeiert wurde, so wird doch noch nach einem Todesfall durch ein außerplanmäßiges Läuten der Tod eines Mitbürgers angezeigt und die Glocke zu Beerdigungen auf dem angrenzenden Friedhof geläutet. Da in der Kirche kein Strom ist, muss die Glocke per Hand geläutet werden, das heißt, dass man an einem im Kirchenraum hängenden Strick ziehen muss. Bis vor zwei Jahren machte dies neben anderen vor allem der 85-jährige Georg Stiebing, der über zwei Jahrzehnte Kirchenvorstandsmitglied war.

Bis 2008 wurden die Glocken geläutet

Bis etwa in 2008 wurde auch noch täglich um 11 und um 17 Uhr geläutet. Und zu diesem zweimaligen Tagesgeläut stieg die 1923 geborene Anna Heß über viele Jahrzehnte eigens auf den Hang, um durch Ziehen an dem Strick die Glocke in Bewegung zu setzen. Als Anna Heß dann im Alter schwer erkrankte, hatte ihre Tochter Anita nochmals anderthalb Jahre diesen Dienst übernommen.

Doch dann hatte diese in Alsfeld eine Arbeit angenommen und konnte nicht mehr läuten. Und niemand anderes fand sich zum zweimaligen Läuten bereit, und somit ist das Tagesgeläut in Gehau seit einem Jahrzehnt Geschichte. 

Zeichen der Zeit nagt am "Kirchlein von Gehau"

Und einen Blick zum Wetterhahn auf dem Türmchen wirft in den letzten Jahrzehnten wohl auch niemand mehr – Wettervorhersagen über Rundfunk und Fernsehen sind nun für jedermann schnell abrufbar. So verliert „das Kirchlein von Gehau“, wie es in einem Gedicht liebevoll genannt wurde, immer mehr an Bedeutung und die Zeichen der Zeit nagen immer mehr an dem Gotteshaus – leider. Aber vielleicht finden sich doch noch einige Gehauer, die „ihre Kirche“ wieder mit neuem Leben füllen wollen.

Die Fachwerkkirche von Gehau im Überblick:

Baujahr/-zeit:

1712

Turmhöhe:

8 Meter

Anzahl der Glocken:

1

Sitzplätze:

50

Konfession:

protestanisch

Von Brunhilde Miehe

HZ-Serie: Die Kirche im Dorf lassen

Die Kirchen sind der Mittelpunkt eines jeden Ortes. Es sind Orte voller Geschichte und Geschichten. In unserer Serie stellen wir in loser Folge Gotteshäuser aus unserer Region vor.

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