Allgemeinmedizinische Gemeinschaftspraxis Pistor in Oberaula ist geschlossen

Der Abschied der Ärzte

Rückkehr ins Privatleben: Margarete Pistor hat zum 30. Dezember die allgemeinmedizinische Praxis in Oberaula geschlossen. Die ärztliche Versorgung in der Gemeinde wird schlechter. Foto: Köcher

Oberaula. Zum Ende ihrer Zeit als Allgemeinmedizinerin in Oberaula hätte Margarete Pistor einen Verkehrspolizisten gut gebrauchen können. Dutzendweise parkten die Patienten ihre Autos vor der Gemeinschaftspraxis und verstopften die Lohnstraße. Rund 1350 Patientenakten zählte die Kartei, und zur Weiterbehandlung bei anderen Ärzten konnten die Befunde Zug um Zug abgeholt werden.

Mit dem Ende der Arztpraxis Pistor geht eine über 60 Jahre lange Medizingeschichte zu Ende. Helmut Pistor hatte sich vor 60 Jahren niedergelassen, vor 30 Jahren hatte sein Sohn Wolfgang die Praxis übernommen.

Kennen gelernt im Studium

Während des Medizinstudiums in Mainz lernte der Ober- aulaer seine spätere Ehefrau kennen. Die gebürtige Neuulmerin stieg in die Praxis mit

„Arzt ist ein toller Beruf, aber die Dinge haben sich enorm gewandelt.“

Margarete Pistor

ein. Fünf Kinder zogen die beiden groß. Aus gesundheitlichen Gründen musste Wolfgang Pistor 2008 ausscheiden, bis zum Ende vergangenen Jahres führte die 61-Jährige die gut gehende Praxis allein weiter. Zur rechten Zeit, bilanziert die Allgemeinmedizinerin, hat sie Stethoskop und Rezeptblock aus der Hand gelegt und sich ins Privatleben zurückgezogen. „Ich habe das gern gemacht“, sagt Margarete Pistor, „Arzt ist ein toller Beruf, aber die Dinge haben sich enorm gewandelt.“

Immer mehr Vorschriften, komplizierte Abrechnungen und immer wieder Bereitschaftsdienste an jedem zweiten Wochenende – die Belastungen für einen Landarzt sind groß. Noch im letzten Wochenenddienst war Margarete Pistor vier Mal in Neukirchen, allein zwei Mal in der Nacht. Zu solchen Zeiten „schläft man schlecht“, sagt die Ärztin.

Hunderte Patienten, viele Familien haben die Pistors jahrzehntelang medizinisch begleitet, manchmal auch seelsorgerisch. „Der Mensch im Ganzen ist wichtig“, meint Pistor, und dazu gehört auch zu wissen, was auf der Seele brennt.

Selbst wenn Herzinfarkte und Schlaganfälle längst nicht mehr tödlich enden, wenn schnell behandelt wird – die Pistors wissen um viele Schicksalsschläge und sind froh über das gute Vertrauensverhältnis zu den ehemaligen Patienten.

Einen Nachfolger für die Gemeinschaftspraxis gibt es nicht. Ausschreibungen im Ärzteblatt blieben ohne Erfolg. Das Angebot, eine gut ausgelastete Praxis ohne finanzielle Belastungen in reizvoller Landschaft übernehmen zu können, reizte niemanden ernsthaft.

Es gibt zu wenig Nachwuchs. Junge Ärzte gehen lieber ins Ausland, als sich aufzureiben in deutschen Krankenhäusern und Landpraxen mit ungeregelten Arbeitszeiten und ohne Privatleben, weiß Pistor: „Die Politik hätte viel früher gegensteuern müssen“, meint die Ärztin.

Sparen mit Kalkül

Dass entsprechend die ärztliche Versorgung auf dem Land immer schlechter werde, um Kosten zu sparen, sei gesundheitspolitisch wohl so gewollt. Wer weite Wege habe, gehe weniger zum Arzt, laute das Kalkül. Zwar gibt es in Oberaula noch eine weitere Praxis mit zwei Allgemeinmedizinern, aber die sei ebenso ausgelastet wie die von Kollegen im benachbarten Neukirchen oder Kirchheim.

Wer alt sei, sich kein Taxi leisten könne oder Kinder und Nachbarn habe, die einen zum nächsten Arzt fahren, sei schlecht dran, sagt Margarete Pistor. Sie selbst will nun in ihrer freien Zeit viel lesen und wieder malen. Ohne Ärger blickt sie zurück: „Mir tut nichts leid, es war eine schöne Zeit.“

Von Jürgen Köcher

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