Streben nach tolerantem Miteinander

Ein Haus voller Erinnerungen: Im gemütlichen Wintergarten schöpft Werner Schnitzlein Kraft für seine Aufgaben.

FRIEDLOS. „Ein halbes Jahr meines Lebens habe ich in China verbracht“, erklärt der 73- jährige Werner Schnitzlein voller Vorfreude auf die nächste China-Reise in vier Wochen. 1992 hat er zum ersten Mal das aufstrebende Land erlebt, das zeitversetzt eine ebenso beispielhafte technische und wirtschaftliche Entwicklung durchgemacht hat wie Israel.

Israel, dieses „faszinierende Land“, hat er inzwischen 25- mal bereist und berichtet von seinem letzten Aufenthalt direkt an der Grenze zum Gaza. Private Urlaube und Gruppenreisen mit CAR – Christlicher Arbeitskreis Reisen – führten ihn in mehr als sechzig Staaten.

„Nett und freundlich sein hilft immer, auch wenn es sprachlich hapert“, weiß Schnitzlein aus Erfahrung, der nicht nur Vorsitzender von „CAR“ ist, sondern auch die geistliche Leitung der Studienreisen übernimmt. Sprachliche Probleme gab es bei den immer ausgebuchten Seniorenfreizeiten unter seiner Leitung in über 30 Jahren nicht.

Seine Reiseerlebnisse sind unerschöpflich, doch Werner Schnitzlein hat noch viel mehr zu erzählen. Von seiner Heimatstadt Dortmund, seinem Elternhaus, in dem im Jahr 1944 eine Bombe detonierte und von dem nur Schutt und Asche übrig blieb, von seinem Einsatz als junger Mann beim CVJM, dessen jüngster Vorsitzender seit Jahrzehnten er war.

Die Menschen begleiten

In Dortmund studierte er Betriebswirtschaft und kam 1966 aus beruflichen Gründen nach Bad Hersfeld. 14 Jahre arbeitete er bei Schilde in der Organisation und in der EDV. 1980 machte er sein Hobby zum Beruf. Als Beauftragter der evangelischen Kirche und als Prädikant wollte er in Gottesdiensten und anderen Initiativen die Menschen begleiten und erreichen, aber auch zwischenmenschlich vermitteln.

Seit 1968 hat er mehr als 1000 Gottesdienste gehalten, zumeist im Kirchenkreis Hersfeld, aber auch in verschiedenen Ländern der Erde. „Für die ehrenamtliche Schiene in Friedlos hat mich der damalige Pfarrer August Hunze entdeckt“. Hunze war es auch, der Werner Schnitzlein als Reisebegleiter für die Israel-Reise mit dem Jugendteam begeistern konnte. „Hier kamen wir mit ehemaligen deutschen Juden in Verbindung“.

Sein Interesse war geweckt. 1985 war Werner Schnitzlein Mitbegründer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hersfeld-Rotenburg, deren Vorsitzender er bis heute ist. Seit vergangenem Herbst leitet er auch die neue Arbeitsgemeinschaft Christlich-Jüdischer Gesellschaften in Hessen. Der Prädikant verfasst regelmäßig die „Gedanken zum Sonntag“ in unserer Zeitung und ist Herausgeber des Evangelischen Gemeindebriefes in Ludwigsau. Gemeinsam mit seiner Frau Gitti wohnt er seit 1972 im eigenen Haus in Friedlos. Tochter Karin lebt in Berlin. Sohn Bernd, Schwiegertochter Beate und Enkeltochter Juliane wohnen in Langgöns.

Bevor Werner Schnitzlein wieder den Koffer packt, gestaltet er gemeinsam mit Pfarrer Jörg Scheer und Simone Zell den Osternacht-Gottesdienst in der Friedloser Kirche.

Gudrun Schmidl

H I N T E R G R U N D

Kaum noch Zeitzeugen

Der Gesellschaft für Christlich- Jüdische Zusammenarbeit Hersfeld-Rotenburg ist es wichtig, Wissen über die jüdischen Menschen, ihre Geschichte und Religion weiterzugeben, mit ehemaligen jüdischen Mitbürgern in Kontakt zu kommen und für ein tolerantes Miteinander aller Menschen einzutreten, ohne Unterschied des Glaubens, der Herkunft oder des Geschlechts. „Es gibt leider kaum noch Zeitzeugen“, erläutert Werner Schnitzlein und beobachtet, dass die jüngere Generation die Dinge mit Abstand sieht. Wie in einem Film, aber es ist mehr dahinter, wie aktuell die tragischen Ereignisse in Toulouse beweisen“. Werner Schnitzlein findet es wichtig, über Grenzen hinweg Verständnis füreinander zu entwickeln. „Wer miteinander redet, der wird so schnell nicht aufeinander bomben“. (gs)

 

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