„Wir brauchen dringend Wohnraum“

Sommerinterview mit dem Neuensteiner Bürgermeister Walter Glänzer

Der Rosengarten auf Schloss Neuenstein mit dem weißen Hochzeitspavillon (rechts) gehört zu den Lieblingsorten von Bürgermeister Walter Glänzer. An heißen Tagen kümmert er sich abends oft selbst darum, dass die Rosen genügend Wasser haben.
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Der Rosengarten auf Schloss Neuenstein mit dem weißen Hochzeitspavillon (rechts) gehört zu den Lieblingsorten von Bürgermeister Walter Glänzer. An heißen Tagen kümmert er sich abends oft selbst darum, dass die Rosen genügend Wasser haben.

Neuenstein gehört zu den Gemeinden im Kreis, die von der zentralen Lage besonders stark profitieren. GLS, IDS, Precitool und andere Logistiker haben sich dort angesiedelt und zahlen Gewerbesteuer. Im Sommerinterview sprach Bürgermeister Walter Glänzer mit Christine Zacharias über die aktuelle Lage.

Herr Glänzer, Ministerin Priska Hinz hat Ihnen jetzt eine Urkunde zur Aufnahme der Gemeinde in das Dorfentwicklungsprogramm überreicht. Gibt es schon konkrete Pläne und Prioritäten?

Für uns als Gemeinde stehen die Innenentwicklung und der Wohnungsbau im Vordergrund. Dieser Bescheid hilft aber vor allem den Bürgerinnen und Bürgern, die Unterstützung für ihre Vorhaben erhalten können.

Wie geht es jetzt weiter?

Zunächst wird jetzt ein Planungsbüro ausgesucht, dann eine Steuerungsgruppe gebildet, die nicht nur aus Politikern bestehen sollte und auch nicht nur aus Männern. Wir haben genügend Projekte, die wir angehen können. Diese Projekte, die wir uns sonst nicht hätten leisten können, müssen nachhaltig für die ganze Gemeinde wirken. Wir wollen Innenentwicklung und möglichst wenig Flächen verbrauchen, werden aber aufgrund der Nachfrage nach Wohnraum auch neue Baugebiete brauchen. Wir haben alleine im letzten Jahr 70 Bürger dazugewonnen.

Wann können die Neuensteiner loslegen?

Ich wünsche mir, dass sich möglichst viele Bürger einklinken. Es geht aber erst Mitte nächsten Jahres los, wenn unsere Konzeption steht. Mein großes Interesse ist, dass wir möglichst bald loslegen. Wir können sechs Jahre lang Dinge umzusetzen.

Was für eine Bedeutung hat die Dorfentwicklung für Neuenstein?

Das ist eine Riesenchance, vieles zu machen, was sonst nicht in Frage käme. Die Dorfentwicklung ist für den ganzen ländlichen Raum eine wichtige Geschichte. Es ist nicht immer einfach, Leben mitten im Dorf zu erhalten, Menschen zu überzeugen, ihr Fachwerkhaus auszubauen und dazubleiben und nicht in ein Neubaugebiet zu ziehen. Da bedarf’s außer guter Worte auch Mittel und die haben wir jetzt. Wir sollten aber aufpassen, dass wir nur das machen, was wir wirklich brauchen. Und was wir brauchen, ist Wohnraum, Wohnraum, Wohnraum. Wir haben hier jeden Tag Anfragen. Wenn hier ein Haus zur Verfügung steht, ist es innerhalb von wenigen Wochen weg.

Neuenstein ist ja eine der wenigen Kommunen mit Bevölkerungswachstum. Was kann eine Gemeinde tun, um sowohl für junge Familien attraktiv zu sein als auch Senioren möglichst lange ein Leben in der vertrauten Umgebung zu ermöglichen?

Wir haben in den letzten Jahren ohne großes Aufsehen viel für den Ausbau des Arbeitsplatzvolumens getan. Das zieht sofort Arbeitnehmer und auch deren Familien nach. Zudem liegen wir strategisch gut an der A7 und nicht weit entfernt von der Kreisstadt. Wir müssen sehen, dass unsere Kindergärten immer den Platzbedarf hergeben, den Kinder und Eltern brauchen. Wir brauchen auch eine gute Schule vor Ort und Freizeitangebote. Schule, Mehrzweckhalle und Sportplätze sind alle neu gemacht worden. Das Zusammenspiel mit dem Landkreis funktioniert hier bei uns richtig gut.

Welche anderen Freizeitangebote gibt es in Neuenstein?

Die Menschen, die hier leben und arbeiten, wollen auch was erleben. Wir sind gerade dabei, ein neues Konstrukt zu schaffen, den Naturpark Knüll. Da gehört der Wildpark Knüll dazu, Wanderwege oder der Ferienpark Frielendorf. Auch der Seepark, der deutlich mehr aktiviert werden müsste und mehr hergeben könnte. Wir brauchen unbedingt bessere Fahrradwege und eine bessere Anbindung an die Kreisstadt. Wirklich gut genutzt werden die Wege auf dem Eisenberg. Da haben wir ehrenamtlich für wenig Geld in Zusammenarbeit mit dem Forst und einigen Sponsoren etwas richtig Gutes geschafft.

Und was bietet die Gemeinde für Senioren?

Wir haben einen sehr aktiven Seniorenbeirat. Da gibt es zum Beispiel eine Seniorenfahrradgruppe. Die sind jede Woche unterwegs. Der Bürgerbus ist ein Angebot für diejenigen, die nicht so mobil sind, und wird sehr gut genutzt. So etwas funktioniert aber nur, wenn es nicht von der Gemeinde organisiert werden muss, sondern wenn sich engagierte Bürger darum kümmern.

Welche Versorgungsangebote gibt es?

Wichtig für das Leben in der Gemeinde ist, dass man ein Stück Infrastruktur erhalten kann. Da appelliere ich auch an die Verantwortlichen der Unternehmen im Landkreis, die für die Versorgung mit Lebensmitteln und Finanzen zuständig sind. Wir haben jetzt wieder zwei Lebensmittelmärkte und eine ganze Reihe von Gaststätten. Bei den Banken gäbe es aber ganz bestimmt noch mehr Möglichkeiten, die Versorgung aufrechtzuerhalten, wenn man nur wollte, zum Beispiel Geldautomaten, die von den Kunden der beiden regionalen Institute genutzt werden können. Doch da fehlt der Wille.

Trotz der Zuwächse stellt sich für eine kleine Gemeinde die Frage, ob und wie lange noch sie eigenständig bleiben kann. Gibt es Überlegungen zu einer intensiveren Zusammenarbeit mit anderen Kommunen?

Ansätze für interkommunale Zusammenarbeit gibt es, zum Beispiel bei der Jugendarbeit Aulatal-Geistal. Ich war schon immer der Meinung, dass die A7-Connection Niederaula-Kirchheim-Neuenstein mehr kann, als sie bisher tut. Gerade in den Bereichen, wo es um digitale Sachen geht – Dokumentenmanagement, Rechnungswesen und mehr – gibt es durchaus Kooperationsmöglichkeiten. Ob man am Ende Kommunen zusammenlegen muss, weiß ich nicht. Wenn man sich zusammenrauft und sagt, wir können alle ein Stück eigenes Terrain aufgeben, ohne die Leistungen zu reduzieren, kann man viel tun zum Wohle aller.

Zusammenarbeit ist auch bei der Feuerwehr ein großes Thema. Wie sieht es derzeit mit der Einsatzbereitschaft der Neuensteiner Wehren aus, gibt es Überlegungen für Fusionen und wie ist es mit dem Investitionsbedarf?

Der Investitionsbedarf ist hoch. Wir werden in nächster Zeit siebenstellige Beträge investieren müssen. Und da ist die Frage, wie wir sinnvoll und richtig investieren wollen. Dazu wurde jetzt ein runder Tisch ins Leben gerufen, der auch schon getagt hat. Ich weiß nur: Wir dürfen nicht länger warten. Was bei uns aber wirklich fortschrittlich ist, das ist die Tagesalarmbereitschaft. Alle Feuerwehrleute aus dem Kreis, die hier in Obergeis arbeiten, stehen bei Bedarf zur Verfügung. Das geht nur, weil die Unternehmen mitspielen. Wir haben jetzt eine Tagesalarmbereitschaft von 18 Personen, eine richtig starke Truppe.

Wie ist Neuenstein bisher durch die Corona-Krise gekommen?

Die Logistiker haben deutlich mehr Pakete, aber auch deutlich mehr Kosten. Bei denen ist jetzt schon Weihnachten. Auf jeden Fall hat der Verkehr massiv zugenommen. Finanziell habe ich im Moment jedenfalls keine großen Bauchschmerzen. Uns geht’s nicht schlecht. Wir haben genügend Potenzial und genügend Rücklagen. Wie es nächstes Jahr aussieht, muss man dann sehen.

Wie schaut’s mit dem Schloss aus?

Schwierig. Wir konnten ja keine Veranstaltungen machen. Es gab aber für das Schloss auf jeden Fall schon deutlich schwierigere Zeiten. Wir sind ja dabei, einen Naturpark Knüll zu gründen, und für mich ist Schloss Neuenstein das Tor zum Naturpark Knüll. Ich könnte mir die Zentrale sehr gut auf dem Schloss vorstellen.

Wie läuft es mit den aktuellen Großprojekten?

Bei der Senioreneinrichtung warten wir auf die Baugenehmigung. Ich hoffe, dass da bald angefangen werden kann. Der andere Großbau, die Neuansiedlung eines Medizintechnikhandels, hat angefangen. Im Dezember soll Richtfest sein. Die Firma will jedoch immer noch nicht genannt werden.

Und wie geht es Ihnen persönlich?

Ich bin sehr entspannt.

Sie wollen keine weitere Amtszeit mehr anschließen?

Nein (lacht). Das kann ich definitiv ausschließen. Das habe ich auch schon so mitgeteilt. Das ist aber nicht der Grund, warum ich so entspannt bin. Ich weiß, dass ich nicht alles bewegen kann. Ich weiß, dass ich viele Menschen brauche, die mich unterstützen, und das tun die meisten auch. Ich versuche, weitgehend mit jedem Frieden zu halten. Ich hab eine gute Verwaltung, eine ganz kleine Mannschaft, und einen guten Bauhof. Ganz stolz bin ich auf unsere Kindergärten und die Mitarbeiterinnen. Auch die ehemaligen waren jetzt alle da, als wir mehr Personal brauchten. In den letzten Jahren konnten wir richtig viel nach vorne bewegen. Richtig stolz bin ich auch auf meine Jungs (zeigt auf ein großes Foto der SG Neuenstein). Die haben den Zusammenschluss hinbekommen. Eine richtig starke Truppe.

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