SOMMERINTERVIEW mit Bürgermeister Walter Glänzer (CDU) aus Neuenstein

„Hochwasserschutz ist eine stetige Aufgabe“

Das Foto zeigt Bürgermeister Walter Glänzer im Rosengarten von Schloss Neuenstein.
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Die Rosenschere hat er immer dabei: Bürgermeister Walter Glänzer im Rosengarten von Schloss Neuenstein.

In unserem Sommerinterview spricht Neuensteins Bürgermeister Walter Glänzer (CDU) über den Hochwasserschutz, den Logistikboom und seine Pläne für die verbleibende Amtszeit.

Neuenstein – Schloss Neuenstein gehört für Walter Glänzer zu den Orten in seiner Gemeinde, die ihm besonders am Herzen liegen. Wenn er dort nach dem Rechten sieht, hat er immer eine Rosenschere in der Jackentasche, um bei Bedarf im zauberhaften Rosengarten ein paar verblühte Rosen abschneiden zu können. Dort traf er sich zum Sommerinterview mit Christine Zacharias.

Herr Glänzer, Sie gehören schon seit Jahren zu den Warnern vor der Hochwassergefahr auch kleiner Flüsse. Wie sieht es aktuell an der Geis aus?

Wir machen im Moment Renaturierungsmaßnahmen an der Geis zusammen mit Hessen mobil und der neuen Autobahn GmbH. Renaturierung heißt, das teilweise tief eingeschnittene Flussbett der Geis flacher zu legen und Ausdehnung zu ermöglichen. Auch kleinere Rückstaubereiche sollen entstehen. Oberhalb von Gittersdorf ist ein Hochwasserdamm geplant. Wir haben 2009 einen Vertrag mit dem damaligen Bürgermeister Hartmut H. Boehmer geschlossen. Seitdem ging es viel hin und her zwischen Hochwasser- und Trinkwasserschutz.

Werden diese Pläne irgendwann umgesetzt?

Die Stadt hat uns jetzt alle angeschrieben. Ende September ist eine nächste Gesprächsrunde zusammen mit dem RP Kassel geplant. Wir werden auf jeden Fall als Gemeinde Neuenstein versuchen, den Hochwasserschutz noch zu verbessern. Das ist eine stetige Aufgabe. Allerdings ist es Träumerei zu glauben, man könne jetzt ein Konzept aus der Tasche ziehen und alle Problem seien dann für alle Zeit gelöst. Wir brauchen Maßnahmen, die langfristig wirken. Die liegen in der Kombination von Forst und Landwirtschaft oder bei Rückstaubereichen.

Wann gab es das letzte Hochwasser an der Geis?

Wir hatten 2018 ein Hochwasser, sind aber relativ glimpflich davongekommen. Das letzte große Hochwasser ist 1956 gewesen. Da stand schon in Raboldshausen das Wasser 1,20 Meter hoch auf der Straße und hat sich dann das Geistal runtergewälzt.

Was kann man tun, damit schlimme Hochwasser gar nicht erst entstehen?

65 Prozent unseres Gemeindegebiets sind Waldflächen. Grundsätzlich gilt: Alles, was unten im Tal gar nicht erst ankommt, braucht auch nicht wegtransportiert zu werden und richtet keine Schäden an. Wir haben immer geschaut, dass wir nicht jedes Wasser in die Geis reinlenken. Wir müssen gemeinsam sehen, dass der Waldbewuchs in Ordnung bleibt. Wichtig sind auch große Grasflächen an den Hängen. Die nehmen unheimlich viel Wasser auf. Maisfelder an Hängen sind dagegen problematisch, weil da das Wasser durchschießt. Wir können mit vielen kleinen Maßnahmen viel erreichen. Ich habe jetzt z.B. die Landwirte angeschrieben, dass sie keine Heuballen an der Geis lagern sollen, die dann im Falle einer Überflutung weggespült werden und an Hindernissen wie Brücken eine Barriere bilden könnten. Auch Gras und Heckenschnitt sollte schon aus diesem Grund nicht in der Natur abgelagert werden. Vor allem nicht in Gräben oder am Rand von Bachläufen. Jeder kann durch verantwortungsvolles Handeln zum Schutz aller beitragen, nicht nur im Hochwasserbereich.

Bei der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen war ja ein Problem, dass die Alarmierung nicht funktioniert hat. Wie sieht das bei uns aus?

Wir haben hier eigentlich eine ganz gute Warnkette über unsere Feuerwehren und Brückenpaten. Wenn ich merke, dass wir hier oben Unwetter und viel Wasser haben, dann fahre ich los und schaue, wo das Wasser herkommt und was an den Brücken los ist. Wenn wir in den Grenzbereich kommen, rufe ich in Bad Hersfeld an und warne, damit Alarm ausgelöst werden kann. Wir haben an der Geis immer eine Stunde von Brücke zu Brücke.

Ist denn die Autobahn ein Problem in Bezug auf Hochwasser?

Die Autobahn ist der Hauptwasserbringer fürs ganze Geistal. Es gibt aber keine Vorschrift, für bestehende Strecken Rückstaubecken zu bauen. Das wird nur gemacht, wenn neu gebaut wird. Wenn es stark regnet, kommt das Wasser wie ein Blitz über Gräben und Wassertreppen ins Gelbachtal geschossen und läuft weiter in die Geis. Wenn wir das ein Stück weit zurückhalten könnten, wäre das gut. Da müsste aber der Bund mit ins Boot. Anfragen gibt es genügend, Absagen leider auch. Wir werden nicht ruhen, bis wir auch hier Gehör finden.

Die Gemeinde Neuenstein lebt von der Logistik und die Logistik braucht große versiegelte Flächen. Welche Möglichkeiten hat eine Gemeinde, da noch etwas für Naturschutz zu tun?

Die logistischen Flächen machen vielleicht zwei Prozent der Gemeindefläche von 64 km² aus. Sie sind auch alle eingegrünt. Wir haben richtig viele Möglichkeiten, etwas für den Naturschutz zu tun. Zum Beispiel der Naturgarten am Schloss. Wenn man Flächen einfach liegen lässt, einmal im Jahr mäht und die Natur Natur sein lässt, dann entwickelt sich eine ganze Menge.

Die Logistikbranche gehört zu den Gewinnern der Corona-Pandemie. Konnte auch Neuenstein davon profitieren?

Ich war gerade erst bei GLS. Die haben ein Wachstumsplus von 40 Prozent in zwei Jahren. Und natürlich profitiert auch die Gemeinde deutlich davon. Das zeigen die drei Millionen Gewerbesteuer, die wir im Haushalt haben. Das ist aber so, weil wir hier auch die Verwaltung vor Ort haben. Die Logistik bringt aber auch viele Lasten für die Bevölkerung mit sich. Die muss dann auch von den Steuereinnahmen profitieren, ob das günstige Kindergartengebühren sind, ein kostenloser Kindergartenbus oder niedrige Wasser- und Abwassergebühren. Die Logistik ist Teil des Ganzen der Gemeinde, ein wichtiger Teil, Man muss auch hier immer im Gespräch bleiben, um Verständnis zu haben für die Sorgen des anderen. Das geht eigentlich bisher gut.

Die zentrale Lage der Gemeinde Neuenstein bringt Belastungen mit sich. Es drohen neue Stromtrassen und auch die Schnellbahnstrecke. Welche Möglichkeiten hat die Gemeinde, da Einfluss zu nehmen?

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es ja ein Planungsrecht mit Planfeststellungs- und Raumordnungsverfahren. Wir haben gesehen, dass wir mit guten Argumenten durchaus etwas bewegen können. Das Thema Suedlink hat mich zwar zwei Jahre meines Lebens gekostet, aber diese Leitung führt schon mal nicht quer durchs Gemeindegebiet und wird auch nicht mehr oberirdisch verlegt. Wenn man sich richtig mit Planungsrecht beschäftig – das kostet aber viel Zeit – und ordentliche Argumente hat, dann hat man schon Möglichkeiten. Wir wollen die Energiewende und das bringt nun mal andere Formen von Energie und neue Leitungen mit sich. Dafür brauchen wir dann keine Atom- und Kohlekraftwerke mehr. Trotzdem muss man aufpassen, dass nicht zu viele Dinge wie Stromtrassen, Autobahn und Eisenbahn im Gemeindegebiet gebündelt werden.

Ist das hier der Fall?

Auch als Kommune kommen wir in einigen Bereichen an die Grenze des Zuviels. Wir haben wachsende Zahlen bei Arbeitsplätzen und Bevölkerung, aber fast keinen Wohnraum mehr. Das macht Druck auf die Preise. Wir haben viel zu wenig Arbeitskräfte. Natürlich ist es für die Weiterentwicklung einer Kommune gut, wenn sie ordentliche Arbeitsplätze hat. Es kommen auch immer Neue dazu, im Jahr 2022 weitere 200. Mir wäre aber wichtig, dass wir auch mehr Arbeitsplätze bei handwerklichen Firmen hätten. Da müssten wir mit dem Landkreis über ein gemeinsames Vorgehen nachdenken. Es ein deutschlandweites Problem. Aus meiner Sicht kann man stolz darauf sein. Handwerker zu sein. Ich bin selbst seit 40 Jahren Handwerksmeister.

Wie läuft die Dorfentwicklung in Neuenstein?

Wir sind jetzt dabei in die Facharbeitskreise zu gehen. Wir haben Ortsrundgänge gemacht mit den Ortsbeiräten. Wir haben ungezählte Videokonferenzen gemacht, weil wir nicht zusammenkommen konnten. Es entwickeln sich viele gute Maßnahmen. Auch die Privatbevölkerung wartet drauf, dass es endlich losgeht. Mein großer Wunsch ist, dass möglichst viele in Wohnraum investieren. Mit den Förderanträgen geht es dann nächstes Jahr im Frühjahr los, nachdem die Gemeindevertretung einen entsprechenden Beschluss gefasst hat. Ich verspreche mir viel davon.

Wie profitiert die Gemeinde von dem neuen Naturpark Knüll?

Die Naturparkverwaltung wird ins Schloss einziehen. Ich verspreche mir viel touristisch, aber auch bei der Sensibilisierung der Bevölkerung für die Natur. Ich wünsche mir zudem, dass hier erzeugte Produkte auch viel stärker in der Region vermarktet werden. Das ist Natur- und Tierschutz und stärkt die Region.

Was wollen Sie noch umsetzen, bevor Sie Ende 2021 in Ruhestand gehen?

Ich möchte gerne das Seniorenheim noch fertig sehen, zumindest von der Außenkubatur her. Auch die anderen begonnenen Projekte würde ich gerne fertig sehen. Mit Ikek will ich die Konzeptgeschichte abschließen. Ich führe erste Gespräche wegen der Entlastung der Schulstraße in Obergeis sowie der Ortdurchfahrt in Raboldshausen und der Streckenausbauten mit Bürgersteigen in Salzberg. Die Pläne für die Feuerwehren Raboldshausen und Neuenstein-Mitte in Obergeis beschäftigen mich ebenfalls. Und ein paar Tage Urlaub will ich auch noch machen. (Christine Zacharias)

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