Die evangelische Kirche zu Niederthalhausen: Zuckerhutglocken sind ihr Schatz

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Das Herz von Niederthalhausen: In Teilen stammt die ehemalige Wehrkirche aus dem 13. Jahrhundert. Sie hat noch gotische Fenster und uraltes Mauerwerk. 

In loser Reihe stellt die Hersfelder-Zeitung die evangelischen und katholische Gotteshäuser in Hersfeld-Rotenburg vor: Zum Auftakt die evangelische Kirche Niederthalhausen.

Der größte Schatz der evangelischen Kirche in Niederthalhausen hängt ganz oben. Es sind die beiden Zuckerhutglocken aus der Zeit um 1200 – aus der Zeit also, in der man in Paris mit dem Bau der vor rund zwei Wochen in Brand geratenen Kathedrale „Notre Dame“ beschäftigt war.

„Es sind zwei ganz besonders schöne Exemplare“, schreibt der Glockenexperte Kurt Kramer über das in den Tönen „dis“ und „e“ erklingende Glocken-Duo der Niederthalhäuser Kirche. 

Womöglich das älteste Glockenpaar Deutschlands

Der Schatz der kleinen Kirche: Die Zuckerhutglocken aus der Zeit um 1200 hängen im Glockenturm.

„Beide Glocken in Zuckerhutrippe – eine Rarität“, möglicherweise sogar das älteste Glockenpaar Deutschlands, „und so genannt, weil die äußere Form der eines Zuckerhutes gleicht. Langgestreckter Glockenkörper, am Schlagring nach außen geschwungen, zur Krone hin spitz zulaufend. Sehr weiche, angenehme, elegische Klangentfaltung.“ Seit der 1957 erfolgten Umhängung hängen sie gut gesichert an neuen Holzjochen.

Zu den den Heiligen Ägidius und Servatius geweihten Klanggeräten gelangt man auf verschlungenen Dachbodenwegen, die bei der kürzlich erfolgten Renovierung von Dach und Fassade ebenfalls gesichert wurden, sodass man, wenn man vom Küsterehepaar Erika und Otto Braun geführt wird, schon mal nach Fledermäusen Ausschau halten oder über dem Altarleuchter spazieren gehen kann. Vor noch nicht allzu langer Zeit konnte man von einer der Emporen an einer ganz bestimmten Stelle auch durch ein Loch von innen nach außen schauen, aber seit der Renovierung ist das nicht mehr möglich.

Niederthalhäuser verhinderten die Verschindelung des Gebäudes

Den wackeren Niederthalhäusern gebührt in diesem Zusammenhang Anerkennung dafür, dass sie dagegen opponiert haben, dass die ortstypische Fachwerkfassade ihrer Kirche verschindelt wird. Für die irgendwann fällige nächste Renovierung müssen die 151 Gemeindeglieder jetzt allerdings jedes Jahr Geld zurücklegen.

Auf der 2. Empore: Pfarrerin Janina Richter (vorn) mit Küsterehepaar Erika und Otto Braun.

Das machen sie gerne, denn sie haben ein Herz für ihre in Teilen aus dem 13. Jahrhundert stammende, mitten im Dorf gelegene, ehemalige Wehrkirche, in der sich im Chorraum noch gotische Fenster und genauso altes Mauerwerk entdecken lassen. 1802 wurde sie im klassizistischen Stil nach Westen hin erweitert, sodass sie mit ihren zwei Emporen – die obere wurde bei der 1963 erfolgten Renovierung bis auf einen Laufgang zurückgenommen – genügend Platz für Gottesdienst- und Konzertbesucher bietet.

„Wenn man von der obersten Empore nach unten schaut, empfindet man eine beeindruckende räumliche Tiefe“, sagt Pfarrerin Janina Richter, die die Kirchengemeinde, zu der auch Oberthalhausen gehört, von Beenhausen aus versorgt. Die 1971 geborene Gemeindehirtin erinnert sich noch genau daran, wie sie 2001 ihren Dienst begann, und wie ihr der in Niederthalhausen wohnende, schon damals als Vorsitzender der Ludwigsauer Gemeindevertretung amtierende Peter Schütrumpf ein von Reinhold Otto gestaltetes und aus Ton hergestelltes Modell des Gotteshauses überreichte und in Aussicht stellte: „Den dazu passenden Wimpel bekommen Sie, wenn die Glockenstube gemacht ist!“ 2003 hat er sein Versprechen einlösen dürfen.

Das Glasfester von Erhardt Jakobus Klonk.

2001 schon vorhanden war an der Ostseite der Kirche das mit einer Kreuzesdarstellung versehene, pfingstlich anmutende Glasfenster von Erhardt Jakobus Klonk, das 1987 eingebaut worden ist. Und natürlich der Altar, auf dem die von den Spinnstuben-Frauen gespendete Altardecke und bei der Feier des Abendmahls auch die von Luise Braun umhäkelte Abendmahlsdecke liegen. 

Zur Gemeinde hin leuchtet ein von Erika und Otto Braun sowie von Bernd und Margit Schneider anlässlich ihrer Silberhochzeit gespendetes Antependium. Ins Auge fallen des Weiteren an der Südseite die Kanzel und an der Westseite die über dem Eingang auf Höhe der ersten Empore stehende Orgel. Die Königin der Instrumente wurde 1853 vom Rotenburger Orgelbauer Friedrich Bechstein erbaut und 1893 von dessen Nachfolger August Möller umgebaut.

1917 bediente sich das Vaterland eines Teils der Orgelpfeifen, um den 1. Weltkrieg zu gewinnen, und 1929 wurde das Instrument für 1500 Reichsmark in den heutigen Zustand versetzt.

Am Karsamstag schweigt sie, aber am Ostersonntag, im um 5.30 Uhr in kaum erhellter Dunkelheit beginnenden Osternachtsgottesdienst, wird sie auch dieses Jahr wieder einstimmen in die österliche Freude und mit der Gemeinde die Auferstehung Jesu Christi feiern.

Hintergrund: Der Riese und der Stein

Über dem Dorf Niederthalhausen liegt der Katharinenberg. Seinen Namen hat er von der Kapelle, die früher dort stand und die der Heiligen Katharina geweiht war. Als die Kirche baufällig wurde, bauten die Bewohner im Tal eine neue. Ein Riese, der den Neubau lieber auf dem Berg gesehen hätte, tat seinen Willen auf sonderbare Weise kund. Er nahm einen sehr großen Stein, ging damit auf einen nahen Berg und versuchte den soeben fertig gewordenen Bau zu zertrümmern.

Als er zum Wurf ausholte, rutschte ihm der Stein jedoch aus der Hand, sodass er ihm nur noch mit dem kleinen Finger Schwung und Richtung geben konnte. Der Stein fiel auf das der Kirche benachbarte Feld und zersprang in sechs große Stücke, die noch heute im Feld versprengt umherliegen. Es sind glasige Steine, die sonst in der Gegend nicht vorkommen. Erika und Otto Braun bewahren übrigens bis heute einen der Steine auf, an dem „große Fingerabdrücke“ zu erkennen sind.

Küsterin und Lektorin: Erika Braun

Erika Braun

Zu den treuen Seelen, denen das Niederthalhäuser Gotteshaus Herzensanliegen ist und die sich um Kirche und Gemeinde kümmern, gehört seit vielen Jahrzehnten die Küsterin und Lektorin Erika Braun. Als die in Wippershain geborene 67-Jährige ihren Ehemann Otto heiratete und zu ihm zog, heiratete sie das Küsteramt fast schon mit, denn in der jüngeren Ortsgeschichte stellten die Brauns des Öfteren den Küster. 

Da sie ihre Aufgabe gewissenhaft erledigte, legte ihr Pfarrerin Brigitte Bannasch Anfang der 90er-Jahre nahe, sich zur Lektorin ausbilden zu lassen und Gottesdienste zu halten. Das tut die anlässlich ihres Silberjubiläums mit der Elisabeth-Medaille der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck Ausgezeichnete inzwischen sehr gerne. In ihrem 28. Dienstjahr freut sie sich noch immer, wenn Pfarrerin Janina Richter über sie sagt: „Sie macht sich viele Gedanken, sie hat originelle Ideen, sie geht lange mit ihrer Predigt ‘schwanger’, und letztendlich hat sie immer die vor ihr sitzenden Frauen und Männer vor Augen, denn für die ist die Predigt ja gedacht.“

Kirchgänger Peter Schütrumpf

Peter Schütrumpf

Ein in der Öffentlichkeit weithin bekanntes Mitglied der Niederthalhäuser Kirchengemeinde ist der gelernte Schriftsetzer und pensionierte BGS-Beamte Peter Schütrumpf, der seit 1981 Mitglied und seit 1991 Vorsitzender der Ludwigsauer Gemeindevertretung ist. „Wenn ich aus dem Küchenfenster schaue, habe ich unsere Kirche vor Augen“, erzählt der 69-Jährige. „Ich bin mit ihr groß geworden, Pfarrer Manfred Wendland hat mich sogar vor Ort konfirmiert.

Wir waren ein starker Jahrgang, und deshalb wurden die Beenhäuser Konfirmanden zum allerersten Mal nicht in der Mutterkirche, sondern hier bei uns in Niederthalhausen eingesegnet.“ Fast schon schmunzelnd denkt der SPD-Politiker auch daran zurück, dass er als kleiner Junge Holz in die Kirche gebracht und bisweilen dafür gesorgt hat, dass der Ölofen brennt. Und daran, dass bei einem Filmabend auf einer vor dem Altar aufgebauten Leinwand der Spielfilm „Ein Mann namens Peter“ gezeigt wurde. „Ganz genau kann ich mich aber nicht mehr an den Titel erinnern!“

Von Wilfried Apel

HZ-Serie: Die Kirche im Dorf lassen

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