Freundlichkeit und Lebensmut

Anna Reich aus Ersrode wird heute 102 Jahre alt

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Sie hat nie gedacht, dass sie einmal so alt wird: Anna Reich feiert heute ihren 102. Geburtstag.

Sie hat nie gedacht, dass sie einmal so alt wird: Anna Reich aus Ersrode feiert heute ihren 102. Geburtstag.

Ein bisschen faltiger ist ihr Gesicht seit ihrem 100. Geburtstag geworden. Aber noch immer führt Anna Reich, die seit fünf Jahren im GAMA-Altenhilfezentrum in Ersrode wohnt und heute auf 102 Lebensjahre zurückblicken kann, ein zufriedenes Leben.

Auch wenn ihr das Hören inzwischen sehr schwerfällt und sie das eine oder andere anstrengt, hat sie sich Freundlichkeit und Lebensmut bewahrt. Noch immer nimmt sie gerne am alltäglichen Geschehen und an den Veranstaltungen der Einrichtung teil, in der sie ihren Lebensabend durchaus genießt, wie Michaela Sacharewitsch, die die liebenswürdige alte Dame fürsorglich betreut, berichtet. „Ab und an trinkt sie mit unserem Heimleiter sogar mal ein Bierchen“, erzählt die Mitarbeiterin.

Das hängt vielleicht damit zusammen, dass Anna Reich im Ruhrpott auf die Welt kam und in ihrem Geburtsort Witten, gerade mal 19-jährig, auch ihren fünf Jahre älteren Ehemann Helmut heiratete. Nach der Hochzeit zog es die Eheleute ins nahegelegene Bochum, wo die beiden Söhne zur Welt kamen. Der Ältere, Helmut, wurde 1939 kurz vor Kriegsbeginn geboren, der Jüngere, Wolfgang, fünf Jahre später.

Während des Krieges musste Anna Reich alleine für die Kinder sorgen, arbeiten und darauf bedacht sein, dass das, was zum Überleben notwendig war, im Haus war. „Sie hat für eine große Firma genäht“, weiß Sohn Helmut zu berichten. „Abends hat sie stundenlang zu Hause fertiggenäht, was sie am Arbeitsplatz vorgenäht hatte.“ Außerdem sei sie mit dem Zug aufs Land gefahren, um bei Bauern Selbstgenähtes gegen Nahrungsmittel einzutauschen. So habe sie das Überleben der kleinen Familie, die bei Luftangriffen im Keller und in Luftschutzbunkern Zuflucht suchen musste, gesichert.

Letztendlich hatten Mutter und Söhne großes Glück: Ihr Wohnhaus blieb von Bomben verschont, und 1949 kehrte auch Annas Ehemann Helmut nach langen Jahren an der Front und Kriegsgefangenschaft in Sibirien zurück. „Es muss ein unbeschreibliches Glücksgefühl für meine Mutter gewesen sein, als wir meinen Vater im Grenzdurchgangslager Friedland abholen konnten“, erzählt Sohn Helmut.

Nach dem Neubeginn des Lebens in Bochum zog es die Familie 1968 zurück nach Witten. Sohn Helmut zog es Jahre später in die Heimat der hessischen Großeltern, wo er mit seiner Familie in Heinebach lebt. Von hier aus besucht er auch die Jubilarin, die 2014 aus gesundheitlichen Gründen in seine Nähe zog und seither im Altenhilfezentrum Ersrode lebt. Anna Reich gehörte sogleich zu den ältesten Ludwigsauerinnen, obwohl sie nie geglaubt hat, einmal „so alt“ zu werden. Bis heute singt sie gern und bis vor Kurzem nahm sie auch noch an allen Ausflügen teil. Nach ihrem Lieblingsgericht befragt, erklärt sie lachend: „Ich esse alles gern!“ Das nimmt man der vierfachen Großmutter und zweifachen Urgroßmutter, die freundlich und bestimmt sagt, was sie will, gerne ab. apl

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