Das bewegte Leben der Margarete Isaak – Von Vertreibung, Zwangsarbeit und Familie

Immer neu beginnen

Margarete Isaak mit ihrer Enkelin Diana und ihrem Sohn Alfred. Die alte Dame lebt inzwischen in Ersrode und hat noch viel vor. Foto: Weber

Ersrode. Manche Menschen verbringen ihr gesamtes Leben an nur einem Ort und manch eine Lebensgeschichte ist schnell erzählt. Margarete Isaak jedoch, die kürzlich ihren 88. Geburtstag feierte, hat in ihrem Leben so vieles erlebt wie nur wenige.

Wenn die zierliche Frau beginnt, aus ihrem Leben zu erzählen, nimmt sie einen mit auf eine Reise über verschiedene Länder, Zeitabschnitte und geschichtliche Großereignisse.

Geboren wurde das älteste von acht Kindern einer Mennonitenfamilie im Jahr 1921 in einer deutschen Siedlerkolonie am ukrainischen Fluss Molotschna im Dorf Mariental nahe dem Asowschen Meer, einem Nebenmeer des Schwarzen Meeres.

Vater wurde verschleppt

Den ersten Schicksalsschlag erlitt die Familie, als der Vater im Jahr 1937 wegen einer nichtigen Anschuldigung verhaftet und verschleppt wurde. Sein Schicksal ist der Familie bis heute unbekannt. Während des zweiten Weltkrieges wurde das Gebiet als strategisch wichtiger Punkt von der deutschen Wehrmacht eingenommen. Als im Herbst 1943 die Rote Armee vorrückte, nahmen die deutschen Truppen die deutschstämmigen Siedler Richtung Westen mit. Auf einem engen Pferdekarren verließen Margarete, zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt, ihre Mutter und Geschwister ihre Heimat und reisten nach Polen. Dort wurde die Familie einem Gutshof zur Arbeit zugeteilt. 1944 erhielt Margarete die deutsche Staatsangehörigkeit.

Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 durch Polen Richtung Deutschland marschierte, fand sich Margaretes Familie auf sowjetischem Besatzungsgebiet wieder. Durch den Sog des Krieges erneut mitgezogen wurde die Familie von den Sowjets in Viehwaggons verladen und zur Zwangsarbeit nach Sibirien geschickt. Dort wurden sie gemeinsam mit anderen Zwangsarbeitern zum Holzfällen in sibirischen Wäldern eingeteilt. Im Sommer barfuß, im Winter bei klirrender Kälte, mussten sie bei jedem Wetter große Bäume fällen und dicke Stämme sägen, verladen und abtransportieren. Nur an einem Tag, als die Temperatur unter minus 40 C fiel, wurde die Arbeit ausgesetzt, erinnert sich die alte Dame. Gearbeitet wurde immer; trotz miserabler Verpflegung und einem Hungerlohn von nur 50 Rubel im Monat. Gehaust wurde in provisorischen Baracken, geschlafen auf hölzernen Liegen. Etliche Familien auf engstem Raum.

Als der Wald abgeholzt war, folgte die Arbeit im Brückenbau bei Nowosibirsk. Auf 17 Kilometer Flusslänge baute man 36 Brücken und mehrere befestigte Übergänge für Pferdewägen.

Doch das Leben ging trotz beschwerlicher Arbeit immer weiter. Margarete sowie zwei ihrer Brüder heirateten in Sibirien, bekamen Kinder und zwölf Jahre nachdem sie in Sibirien angekommen waren, waren die Deutschen von der Zwangsarbeit befreit.

Deutsche Dörfer abgebrannt

Zurück in die Südukraine durften und konnten sie allerdings nicht, denn die Deutsche Wehrmacht hatte bei ihrem Abzug aus dem Gebiet sämtliche deutsche Dörfer abgebrannt. So blieb ein Bruder in Nowosibirsk, der Rest der Familie ging nach Kasachstan und nach fünf weiteren Jahren nach Kirgisistan. In der Stadt Kant arbeitete Margarete in einer Zuckerfabrik.

Im Sommer 1990 zog sie mit einem Teil ihrer Familie nach Deutschland. Auch ihre damals bereits 92-jährige Mutter war dabei.

Nachdem sie in in Oberaula in einem Wohnheim untergekommen waren, fanden sie schließlich eine Wohnung in Ersrode. Bis heute lebt die Familie dort und richtete ein altes Bauernhaus in fleißiger und unermüdlicher Eigenarbeit wieder her. Schnell fügten sie sich ein, denn den Kontakt zu den Nachbarn pflegten sie mit Hilfsbereitschaft und großzügigem Teilen des Selbsterwirtschafteten.

Verwandte in Kanada

Trotz der Beschwerlichkeiten ihres Lebens ist Margarete Isaak heute mit 88 Jahren keineswegs eine ermüdete oder gebrochene Frau. Mit sprühendem Lebenswillen bereiste sie mehrmals noch im hohen Alter die Stationen ihres Lebens von Sibirien bis Kirgisistan und besuchte Verwandte in Kanada. Auch weitere Reisen stehen noch an.

Denn die vitale Frau mit Schalk in den Augen hat noch lange nicht vor, sich zur Ruhe zu setzen.

Von Maja Weber

Kommentare