„Unsere Randlage hat auch Vorteile“

Sommerinterview mit dem Oberaulaer Bürgermeister Klaus Wagner

Mit Weitblick: Der Balkon seines Hauses hoch oben in Olberode ist der Lieblingsplatz von Oberaulas Bürgermeister Klaus Wagner. Bei guter Sicht kann er von hier aus bis auf den gut 75 Kilometer entfernten Inselsberg in Thüringen sehen.
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Mit Weitblick: Der Balkon seines Hauses hoch oben in Olberode ist der Lieblingsplatz von Oberaulas Bürgermeister Klaus Wagner. Bei guter Sicht kann er von hier aus bis auf den gut 75 Kilometer entfernten Inselsberg in Thüringen sehen.

„Unsere Randlage hat auch Vorteile“, betont Oberaulas Bürgermeister im Sommerinterview mit der Hersfelder Zeitung.

Oberaula – Oberaula bildet das Tor zur Schwalm, obwohl sich die Oberaulaer nur ungern als „Schwälmer“ bezeichnen lassen. Seit „ewigen Zeiten“ orientieren sich die Menschen dort eher in Richtung des Kreises Hersfeld, was nicht nur auch den geografischen Gegebenheiten geschuldet ist.

Politisch gehört Oberaula zum Schwalm-Eder-Kreis. Jetzt sitze ich hier quasi als „Auslandskorrespondent“ für die Hersfelder Zeitung. Wohin gehört Oberaula?

Natürlich in den Schwalm-Eder-Kreis. Aber es stimmt schon, für viele Oberaulaer war und ist Bad Hersfeld mehr die Einkaufs- und Ausgehstadt als Homberg. Natürlich gibt es durch die Randlage viele Bezugspunkte in die Nachbarkreise, beispielsweise auch für die Sportvereine. Es gibt keinen Grund, in einen anderen Kreis zu gehen, nicht zuletzt auch, weil kommunal- und kreisübergreifende Aktivitäten immer mehr werden, etwa auch durch das Rotkäppchenland. Und es gibt ja auch Vorteile: Die Mittelzentren Schwalmstadt, Bad Hersfeld und Alsfeld sind nahezu gleich weit entfernt. Wir haben also die Wahl, wohin wir für größere Einkäufe fahren oder wo wir zum Beispiel ins Kino gehen.

Viele Ihrer Reden schmücken Sie mit Zitaten. Ist das nur ein persönliches Faible oder schon ein Markenzeichen und wo finden Sie die Redewendungen?

Ich finde, das ist ein schöner Einstieg in eine Rede und es gibt genug kluge Leute, die etwas Sinnvolles von sich gegeben haben. Ich hatte einen Kalender, in dem für jeden Tag des Jahres ein Zitat abgedruckt war, vielleicht ist mir selbst auch das ein oder andere schlaue Wort eingefallen und ich verfüge mittlerweile über eine ganz erkleckliche Sammlung.

2022 endet ihre zweite Amtszeit. Gibt es schon Überlegungen für die Zukunft?

Ja, ich hoffe auf eine dritte. Am Ende meiner Amtszeit bin ich genau 60 Jahre und sechs Monate. Nach der Rentenformel müsste ich – wie jeder andere auch – arbeiten bis ich 66 Jahre und sechs Monate alt bin. Das würde dann genau so passen. Wenn es gesundheitlich machbar ist, möchte ich nicht schon mit 60 aufhören.

Die Corona-Fallzahlen steigen ja gerade wieder an. Wie ist Oberaula bisher durch die Krise gekommen?

Die Zahl der Kranken lag bei zehn, Keiner ist gestorben, Gott sei Dank, und auch die zwei oder drei Personen, die einen schwereren Verlauf hatten, sind wieder gesund. Zurzeit ist in Oberaula niemand in Quarantäne. Bei den Gewerbesteuern haben wir einen Rückgang von 100 000 Euro, die vom Land eins zu eins aufgefangen werden. Schlimmer ist der Rückgang bei den Einkommensteueranteilen. Da fehlen uns jetzt schon nur für das zweite Quartal runde 90 000 Euro. Das kann leicht zu einer mittelgroßen sechsstelligen Summe werden und das können wir kaum aufhalten. Nachdem wir in den letzten drei Jahren die Nase über dem Wasser halten konnten, haben wir einige Rücklagen bilden können, so dass wir dieses Jahr wahrscheinlich noch positiv abschließen können. Ohne deutlich mehr Fördermittel von Land oder Bund werden wir den Haushalt 2021 nicht mehr ausgleichen können.

Sommermarkt, Lichterfest und manches mehr. Nahezu alle Veranstaltungen in Oberaula sind der Pandemie zum Opfer gefallen. Das muss doch wehtun?

Ja, das ist natürlich schade, zumal gerade beim Sommermarkt und dem See- und Lichterfest das Wetter optimal mitgespielt hätte und wir vermutlich Besucherrekorde hätten verzeichnen können. Das ist schlimm für den Verkehrs- und Gewerbeverein und natürlich für die Gäste, die teils von weither extra für die Veranstaltungen anreisen.

Mit dem Viersterne-Parkhotel zum Stern haben Sie das Flaggschiff der Hotellerie des gesamten Kreises in ihrer Kommune. Was bedeutet das für Oberaula?

Das ist eine schöne Symbiose, die wir mit Leppers haben. Die brauchen natürlich auch einen Ort, wo ihre Gäste sich wohlfühlen – also nicht bloß das Hotel – und für uns ist der Stern natürlich eine fantastische Möglichkeit um auf uns, also die Gemeinde, aufmerksam zu machen. Der Bekanntheitsgrad Oberaulas hängt sehr eng mit dem Hotel zum Stern und den Gästen die dort hinkommen zusammen. Wir machen die Gäste natürlich auch auf das aufmerksam, was wir noch haben, wie zum Beispiel den Golfplatz, den Bahnradweg, viele Sportarten oder Premium-Wanderwege. Es ist gut, dass wir das Hotel zum Stern und die Familie Lepper haben.

Feuerwehr ist in Oberaula derzeit ein großes Thema. Zusammenlegung von Ortswehren und Neubau eines Gerätehauses. Wie sehen das die Oberaulaer Bürger und Feuerwehrleute und wie ist der Stand der Dinge?

Die Feuerwehr kam ja auf uns, die Politik, zu und hat gesagt, wir sehen in unserer langfristigen Planung die Einsatzfähigkeit gefährdet – Stichwort Tagesbereitschaft. Vor etwa drei Jahren gab es so schon ein einstimmiges Votum aller Feuerwehrführungskräfte: Wir wollen mittelfristig eine Zusammenlegung unserer Einsatzabteilungen. Sämtliche Aktiven, mit Ausnahme von Olberode, haben das mit getragen. Wir haben ein Gremium, eine Kommission, für das neue Feuerwehrhaus gegründet, der Standort steht fest, bezüglich Anfahrtszeiten im Alarmfall sind alle gesetzlichen Forderungen erfüllt. Die Investition ist natürlich riesig. Wir reden von einem Rahmen von 3,4 Millionen Euro, den die Gemeindevertretung gesetzt hat. Wir erhalten 510 000 Euro vom Land und der Kreis stockt diese Landesförderung grundsätzlich um 20 Prozent auf. Bis 2023 soll das Gebäude bezugsfertig sein. Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, die fragen, muss das denn sein? Aber wir haben keine Alternativen, weil wir in den bestehenden Feuerwehrhäusern immense Investitionen vor uns haben. Wirtschaftlich ist dieser gemeinsame Standort besser als die bestehenden Häuser zu erhalten und eine Investition in die Zukunft. Ich hoffe sehr, dass uns Corona dabei „nicht wehtut“.

Die Verwaltung und der Betrieb der Dorfgemeinschaftshäuser aller Ortsteile ist oder soll in die Hände örtlicher Vereine übergeben werden. Ist diese Aktion bereits überall umgesetzt und wie sind die Erfahrungen?

In Wahlshausen und Hausen ist es bereits umgesetzt und läuft auch gut. In Friedigerode und Olberode laufen immer noch Gespräche, die auch coronabedingt nach hinten geschoben werden mussten. Am Ende braucht es natürlich einen Verein oder eine Gruppe, die das freiwillig macht. Da ist Überzeugungsarbeit nötig und das dauert halt manchmal etwas länger.

Stichwort Gemeinschaftskläranlage Kirchheim. Das scheint zu stagnieren und hier fehlt es nach Aussage ihres Kirchheimer Kollegen etwas an Druck zum Handeln. Stimmt das?

Auch hier hat uns Corona eingebremst. Eine schon lange geplante Besichtigung soll jetzt im August stattfinden. Fakt ist, und da hat Herr Koch recht, unsere Anlage muss wahrscheinlich mit Millionenaufwand saniert werden. Mittlerweile ist geprüft, dass der Anschluss an das Kirchheimer Kanalnetz technisch machbar ist. Langfristig sind natürlich die jährlichen Kosten für den Unterhalt einer Verbindungsleitung deutlich geringer als der Betrieb der beweglichen Kläranlagentechnik mit der vielen Technik, selbst wenn die Investition in einer ähnlichen Größenordnung sein würde. Ich hoffe, dass wir Ende des Jahres einen konkreten Maßnahmen- und Terminplan haben.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Mein Wunsch wäre, dass im Bereich der Kinderbetreuung alle staatlichen Ebenen endlich einsehen, dass Kinderbetreuung eine gesamtstaatliche Aufgabe ist, die der Bund, das Land und die Kommunen gemeinsam stemmen, damit die Kommunen die Kinderbetreuung nicht auf das zurückfahren müssen, was sie sich leisten können.

Hat Corona auch auf Ihr Leben und das Ihrer Familie Auswirkungen über das übliche Maß?

Wie mein Kirchheimer Kollege Manfred Koch, habe auch ich auf meinen Schreibtisch nicht wie geplant klar Schiff machen können, unter anderem, weil man uns von allen Seiten zugeschüttet hat mit Verordnungen und immer wieder zum Teil mehrstündige Telefonkonferenzen abgehalten wurden. Das Leben war aber auch planbarer. Ich wusste, anders als in „normalen“ Zeiten ziemlich genau, wann ich zu Hause sein werde. Gartenarbeit und kümmern um den Hund waren dann schöne Beschäftigungen.

Zur Person

Klaus Wagner (58) wurde in Olberode geboren. Nach dem Abitur studierte er bei der Bundeswehr Elektrotechnik in München, war dann hauptamtlicher Geschäftsführer der CDU Schwalm-Eder und zuletzt beim Bildungszentrum für Elektrotechnik in Lauterbach tätig. Seit Mai 2010 ist er Bürgermeister in Oberaula. Wagner ist verheiratet und hat keine Kinder. Viel Freizeit gehört seit November 2019 dem Briard-Rüden Hannes. Seit 45 Jahren spielt Wagner Tischtennis, ansonsten radelt oder wandert er gerne. Urlaub findet am liebsten an der Ostsee oder in Bayern und manchmal auch in Südtirol statt. (Bernd Löwenberger)

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