MONTAGSINTERVIEW

Donata von Schenck zu Schweinsberg: „Oldies sind bei uns leider nicht hip“

Gut vernetzt: Donata von Schenk zu Schweinsberg mit Laptops, die sie über ihre Stiftung an Senioren verteilt, damit diese auch in Corona-Zeiten mit ihren Angehörigen Kontakthalten können.
+
Gut vernetzt: Donata von Schenk zu Schweinsberg mit Laptops, die sie über ihre Stiftung an Senioren verteilt, damit diese auch in Corona-Zeiten mit ihren Angehörigen Kontakthalten können.

Sie hat eine große Familie und ist gerade 70 Jahre alt geworden. Trotzdem engagiert sich Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg immer noch ehrenamtlich.

Oberaula – Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg engagiert sich seit Jahrzehnten im Ehrenamt – vor allem für das Rote Kreuz. Über die Herausforderungen in Zeiten von Corona sprach mit ihr Kai A. Struthoff.

Frau von Schenck, Sie haben in diesen Tagen Ihren 70. Geburtstag gefeiert, Sie haben eine große Familie, kümmern sich um Ihre Enkelkinder, sorgen für Ihre betagte Mutter und sind seit Jahrzehnten im Ehrenamt aktiv. Woher nehmen Sie die Energie?

Mir macht das alles Freude und viel Spaß. Und dann hat man auch die Energie. Ein zusätzlicher Ansporn ist es natürlich, wenn man auch noch etwas bewegen kann – selbst wenn manche Aufgabe zunächst unlösbar scheint. Wichtig ist, dass mich meine Familie unterstützt. Deshalb versuche ich auch, stets genug Zeit für die Familie zu finden. Klar, manchmal ist das auch stressig, aber ohne all das, wäre es mir viel zu langweilig. Nächstenliebe ist für mich wie ein roter Faden, der einen durchs Leben begleiten kann – und man bekommt dafür viel zurück.

Gerade das Ehrenamt ist eine unverzichtbare Stütze des gesellschaftlichen Lebens. Wie kann man dieses Engagement angemessen würdigen und vielleicht auch belohnen?

Es geht vor allem um die Wertschätzung für das, was geleistet wird – und zwar ohne Neid auf die damit verbundenen Kontakte oder Bekanntschaften. Mich freut es immer, wenn ich mein Netzwerk hilfreich einsetzen kann. Wenn irgendwo Not am Mann ist, dann finden sich meist ganz viele, die helfen wollen. Das habe ich zum Beispiel hier in Oberaula während der Flüchtlingskrise erlebt. Da wurde zum Beispiel spontan Schwimm- oder Fußballunterricht organisiert. Ich bin aber strikt gegen die Vergütungen von ehrenamtlicher Arbeit, etwa durch Freikarten. Sinnvoller wäre es, wenn es Rentenpunkte geben würde. Das weckt nicht den Neid, aber es hilft einem selbst im Alter.

Sie waren lange Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuz und sind jetzt Präsidentin des DRK in Fulda. Sind das Rote Kreuz und der Dienst in Uniform für junge Leute heute noch attraktiv?

Dafür muss man sorgen: zum Beispiel durch moderne Technik. Wir haben in Fulda jetzt eine Drohne angeschafft. Das spricht auch junge Leute an. Aber um attraktiv zu bleiben, muss man etwas tun und darf sich nicht auf Erfolgen ausruhen.

Rettungskräfte, etwa Sanitäter oder Feuerwehrleute, werden immer häufiger Ziel von verbaler oder körperlicher Gewalt. Was läuft schief bei uns?

Ich glaube, es fehlt an Respekt und Achtung voreinander. Gerade das Auftreten von Menschen in Uniform scheint manche zu solchen Übergriffen zu provozieren. Wir müssen wieder mehr auf die Menschlichkeit bauen. Vielleicht hilft uns Corona dabei, wieder in uns zu gehen, wenn wir erleben, dass Menschen direkt um uns herum erkranken und sterben. Autos, Reisen, Konsum – das ist eben nicht alles im Leben. Das macht uns Corona bewusst und hilft vielleicht auch dabei, wieder auf den Teppich zu kommen. Gerade die Übergriffe auf Hilfskräfte sind doch auch ein Ausdruck von Egoismus, weil man sich durch ihren Einsatz gestört fühlt. Deshalb ist es so wichtig, dass Familien und Schulen wieder verstärkt Werte vermitteln.

Als DRK-Präsidentin waren Sie auch in der Corona-Zeit viel in Seniorenheimen unterwegs. Wie war Ihr Eindruck?

Die Senioren leiden natürlich. Weil sie keine Kontakte haben, weil sie nicht rausdürfen, weil sie ihre Familie nicht sehen können. Viele ältere Menschen sind dabei sogar depressiv geworden. Wir haben deshalb mit einem Drehorgelspieler vor den Seniorenheimen Musik gemacht und Senioren mit Tablets ausgestattet, damit sie wenigstens Skypen und so Kontakthalten können. In Friedewald wurde so eine Art Telefonzelle als sicherer Besuchsraum eingerichtet. Das sind aber alles nur kleine Dinge. Viel wichtiger ist es, sich Zeit zu nehmen, um mit den Senioren zu reden. Ich habe bei diesen direkten Kontakten so viele interessante Lebensgeschichten gehört.

Sie sind scharf dafür kritisiert worden, weil Sie sich angeblich beim Impfen vorgedrängelt haben. Haben Sie sich etwas vorzuwerfen?

Nein, ich habe mir weder rechtlich noch moralisch etwas vorzuwerfen. Ich bin seit 2016 regelmäßig in vielen Senioren-Einrichtungen und war deshalb auch bei vielen Impfungen dabei. Ich habe mit vielen Menschen, auch mit den Pflegern, über den Sinn und die Notwendigkeit der Impfungen diskutiert – gerade mit denen, die sich nicht impfen lassen wollen. Dabei bin ich immer wieder gefragt worden, ob ich mich nicht auch selber impfen lassen will. Das habe ich anfangs abgelehnt. Weil ich aber so viel Kontakt zu älteren Menschen habe, habe ich mich dann doch impfen lassen. Deshalb habe ich aber kein schlechtes Gewissen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich auch selber den direkten Kontakt vor Ort suche.

Haben Sie der Neid und die Missgunst wegen der Impfung verletzt?

Ich bin niemand, der ein Ehrenamt hat und dabei nur am Schreibtisch sitzt. Ich arbeite mit Leidenschaft und Überzeugung. Deshalb hat mich mancher Vorwurf schon überrascht. Und wenn man dann auch noch Drohungen erhält, dann macht einen das schon sehr nachdenklich ...

Welche Lehren ziehen Sie aus der Corona-Zeit?

Meine Großväter sind beide mit knapp über 70 Jahren gestorben. Ich fühle mich noch nicht alt, weil man ständig in Bewegung ist und auch die Enkel dafür sorgen, dass man jung bleibt. Wer sich engagiert, der fühlt sich auch jünger. Ich erlebe jetzt auch durch Corona, dass es ein Unterschied ist, ob ich mich für Kinder oder für Senioren einsetze. Kinder haben noch eine Zukunft. Alte Menschen aber brauchen Hilfe, um in Ehre und Würde alt werden zu dürfen. In anderen Kulturen ist das sehr viel selbstverständlicher als bei uns. Denn es ist hier eben leider nicht ‘hip’, sich um Oldies zu kümmern ...

Zur Person

Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg wurde am 10. März 1951 in Oberaula geboren. Sie ist staatlich geprüfte Sozialpädagogin und engagiert sich seit ihrer Jugend ehrenamtlich auf vielfältige Weise vor allem im sozialen Bereich. Von 2006 bis 2018 Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes. Außerdem engagiert sie sich in verschiedenen Sozialverbänden. Sie ist verheiratet mit Hauprecht Freiherr Schenck zu Schweinsberg und lebt in Oberaula-Hausen. Das Ehepaar hat drei Kinder und acht Enkel. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare