Hochzeit mit zehn Jahren

Deljan Salehi aus Oberaula musste als Kind heiraten

War bei der Hochzeit zehn Jahre alt: Deljan Salehi (vorne rechts) heiratete ihren Mann Mohammad (vorne links) in Afghanistan. Heute lebt die Familie, darunter die Kinder (hinten von links) Tamana, Zahra, Donya, Hamid, Majid, Schwiegertochter Schakiba und Enkel Mohammad Reza, in Oberaula (Schwalm-Eder-Kreis). Foto: Schippers

Oberaula. Deljan Salehi war zehn Jahre alt, als sie in Afghanistan verheiratet wurde. „Ich habe damals noch mit Puppen gespielt“, erinnert sich die heute 50-Jährige. Ihr Mann Mohammad war damals 33 Jahre alt.

Gekannt hat Deljan ihn vor der Hochzeit nicht. Sie wurde auch nicht gefragt, ob sie ihn heiraten möchte. Ihre Eltern arrangierten die Ehe über ihren Kopf hinweg. Zum Schutz vor den Taliban, wie sie sagt. Denn für radikale Islamisten seien unverheiratete Mädchen Freiwild gewesen. „Sie wurden einfach mitgenommen und vergewaltigt“, berichtet Deljan.

Nach der Hochzeit lebten Deljan und ihr Mann zunächst bei ihren Eltern. Mit 15 bekam Deljan ihr erstes Kind, 15 weitere sollten folgen. Wegen einer Familienfehde flohen sie und ihre Familie in den Iran. Nach acht Jahren mussten sie auch von dort fliehen und kamen vor drei Jahren nach Deutschland.

Für Deljans jüngere Töchter bedeutet das Freiheit. Während die älteste Schwester auch noch früh – mit 15 – heiraten musste, können sie zur Schule gehen und eine Ausbildung planen – über Hochzeiten müssen sie sich keine Gedanken machen. Donya (16) möchte Medizin studieren, Tamana (15) Model werden und Zahra (14) will zur Polizei. Jetzt schon zu heiraten, wäre für sie unvorstellbar, sagen sie.

„Es ist gut, wie die deutschen Frauen leben können.“

Ihre Mutter unterstützt sie in ihren Plänen. „Es ist gut, wie die deutschen Frauen leben können“, sagt Deljan. Das wünscht sie sich auch für ihre Töchter.

Sie selbst hätte diese Chance nicht gehabt. „Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt und mehr gelernt“, sagt sie. Das setzt sich bis heute fort. Deutsch spricht sie nicht. Ihre Töchter übersetzen.

Mehr mag sie von ihren Erfahrungen als Kinderbraut nicht berichten. Es ist ein sensibles Thema, ein Tabu. Bei einigen Fragen blocken schon die Töchter ab und übersetzen erst gar nicht: „Darüber redet sie nicht“, sagen sie.

Deljan hatte keine Wahl. Sie hat sich arrangiert. Aber die Erleichterung, dass ihre Töchter eine Wahl haben, ist ihr anzumerken – und ihr Stolz, dass sie davon Gebrauchen machen, auch.

Dennoch: Ein generelles Verbot von Kinderehen, wie es nun in Deutschland kommen soll, sieht Deljan kritisch. „Man sollte die Paare nicht trennen. Dann wären die Mädchen ja ganz alleine“, sagt sie. Außerdem: „Eine Scheidung gibt es bei uns nicht“.

Damit steht Deljan quasi sinnbildlich für die kulturellen und gesetzlichen Widersprüche, die entstehen, sobald die islamische und deutsche Rechtsordnung aufeinandertreffen.

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