Vor 50 Jahren fand das erst Herzberg-Festival statt

Niedergrenzebacher spielte Bass bei den Petards

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Der Bassist: Rüdiger „Roger“ Waldmann „wurde am meisten von den Frauen angehimmelt und war folglich für das Fanwesen zuständig“, berichtet Werner Pieper.

Niedergrenzebach. Vor 50 Jahren, ein Jahr vor Woodstock, fand auf Burg Herzberg das erste Festival statt. Organisiert worden war es von den Petards, einer Band aus der Schwalm.

Die Petards wurden oft auch als die deutschen Beatles bezeichnet. Rüdiger Waldmann war der Bassist der Band.

Es klingt zufrieden, wenn Rüdiger Waldmann sich erinnert an die Zeit in den Sechzigern – an das Internat in der Melanchthon-Schule im Steinatal, an die Familienkommune bei den Eberts in Schrecksbach, an das erste Burg Herzberg Festival vor genau 50 Jahren. An die Petards.

„Die Zeit für sich war super, es lebt die Erinnerung“, sagt der 74-Jährige, der den Bass bei den Petards (englisch für Knallfrösche) spielte. 

Geblieben ist das Herzberg Festival

Die Schwälmer Band hat 1968 nicht nur das erste Burg Herzberg Festival ausgerichtet, sondern auch ein besonderes Stück deutscher Rockgeschichte geschrieben. „In der heutigen Zeit wäre eine Wiederholung nicht möglich“, ist Waldmann überzeugt. 

Geblieben ist das Festival auf dem Herzberg mit seinem friedlichen Gedanken und die Erinnerung. „Die haben nicht nur wir, sondern auch viele Fans“, sagt Waldmann.

Um die Melanchthon-Schule und die Familie Ebert in Schrecksbach geht es öfter im Gespräch. An der Schule im Steinatal lernten sich die Petards kennen, gründeten ihre Band. Die beiden Ebert-Brüder, Klaus und der vor vier Jahren verstorbene Horst, besuchten als Externe das Gymnasium, Waldmann und Hans Jürgen Schreiber, dem als Schlagzeuger später Arno Dittrich folgte, lebten dort im Internat. 

Erzählte gut gelaunt von der Zeit mit den Petards: Rüdiger Waldmann.

Diese Zeit habe ihn sehr geprägt, sagt Waldmann. Alle seien dort gleich behandelt worden, „egal ob Waise oder Millionärskind“. Zum Beispiel waren als Fahrzeuge ausschließlich Fahrräder zugelassen, auch das Taschengeld war limitiert.

Die erste Kommune der Schwalm

1965 machten die Jungs ihr Abitur. Kurze Zeit später schmissen die Ebert-Brüder ihr Studium, auch Rüdiger „Roger“ Waldmann brach nach fünf Semestern sein Volkswirtschaftstudium ab. Von 1967 bis 1972 waren die Petards als Profis unterwegs. 

Dabei spielte das Ebertsche Elternhaus in Schrecksbach eine zentrale Rolle. Dort gründeten die vier die vermutliche erste Kommune in der Schwalm. Allerdings eine „Familienkommune“. 

Denn Kommunarden waren auch Vater Ebert, Arzt in der Schwalm, und Mutter Käthe Ebert, Chef im Hauptquartier der Petards. Es habe strenge Regeln gegeben, erzählt Waldmann. „Damenbesuch zum Beispiel war verboten.“ 

Mutter Ebert kochte, wusch die Wäsche, sorgte sich um die Band. „Wenn wir nicht da waren, hat sie auch bis Mitternacht den Telefondienst übernommen“, erinnert er sich. 

Auch 1968 beim ersten Burg Herzberg Festival hatte sie eine zentrale Rolle inne. Mutter Ebert habe damals Fettenbrote ohne Ende geschmiert, beschreibt Waldmann. Die Schmalzstullen wurden per Lieferservice vom Mylord in Schrecksbach zum Herzberg gebracht, wo sie für zehn Pfennig verkauft wurden.

Zerstochene Reifen und Udo Lindenberg

Überhaupt, das Herzberg-Festival. Waldmanns stahlblaue Augen leuchten, wenn er erzählt: von der Hitzewelle, der drohenden Waldbrandgefahr, die fast das erste Festival verhindert hätte; oder von dem einzigen Polizisten, der vor Ort war und seinen Dienstwagen, einen VW-Käfer, wie alle anderen Besucher am Fuße des Herzbergs abstellte (als er zurückkam, waren alle vier Reifen plattgestochen); Bands wie Kraftwerk, Klaus Doldinger, Frumpy mit Inga Rumpf, Amon Düül mit Udo Lindenberg am Schlagzeug. 

„Es war der Beginn der Hippie-Zeit und wir brauchten einen Ort, wo man zelten und Musik machen konnte.“ Das Festival überzeugte mit seiner Atmosphäre, der friedlichen Gemeinschaft. „Ein Gedanke, der bis heute wirkt.“ (syg)

Zur Person: 

Rüdiger Waldmann ist 74 Jahre alt. Er wurde in Frankfurt geboren. 1965 machte er an der Melanchthon-Schule Steinatal sein Abitur. Dort lebte er vier Jahre im Internat. Waldmann studierte fünf Semester Volkswirtschaft, später machte er eine Ausbildung zum Steuerberater. Mehrere Jahre arbeitete er bei der Plattenfirma CBS. In Ziegenhain hat der 74-Jährige ein Steuerbüro (Waldmann: „Auch der Beruf des Steuerberaters erfordert künstlerische Kreativität“). Waldmann ist verheiratet und hat vier Kinder und einen Enkel. Er lebt im Schwalmstädter Stadtteil Niedergrenzebach.

Hintergrund: Fans feierten die Petards

Die Petards haben sieben LPs und 16 Singles herausgebracht. Große Erfolge feierten sie auch in Frankreich. Dort traten sie im Olympia in Paris auf. Insgesamt hatte die Band über 20 TV-Auftritte. Zwei Touren führten in die Tschechoslowakei, eine unmittelbar nach dem Prager Frühling. Die Petards hatten über 500 Fanclubs in Deutschland. Das Herzberg-Festival sei ursprünglich als Fest für alle Fanclubs geplant gewesen, erzählt Waldmann.

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