Prozess um tödliche Auseinandersetzung in Kirchheim

Messerstecher-Prozess: Zeugin hatte tödlichen Kampf genau im Blick

Fulda/Kirchheim. Konnte eine Nachbarin vom Küchenfenster ihrer Erdgeschosswohnung wirklich sehen, wie sich der Kampf im 1. Stock des gegenüber liegenden Hauses abspielte? Sie konnte!

Das erfuhr das Schwurgericht des Landgerichts Fulda am Montag, als eine Polizeibeamtin vom Augenscheintermin in der Breslauer Straße in Kirchheim berichtete.

Dort hatte es am 3. September vergangenen Jahres eine Messerstecherei unter Flüchtlingen gebeben, nach der ein 32-jähriger Somali tot und ein 25 Jahre alter Landsmann schwer verletzt war (unsere Zeitung berichtete). Unterschiedliche Angaben des Angeklagten, eines 39-jährigen aus Eritrea, vor Haftrichter und Gericht hatten zwischenzeitlich für Rätselraten gesorgt, wie sich die blutige Auseinandersetzung wirklich abgespielt haben könnte.

Der Eritreer und der ältere Somali rangen miteinander

Jetzt scheint aber festzustehen, dass es tatsächlich der Eritreer und der ältere Somali waren, die am geöffneten Fenster ihrer Küche miteinander rangen. So hatte es die 66 Jahre alte Nachbarin schon als Zeugin ausgesagt. Jedoch waren ihre Angaben wegen des Blickwinkels von unten nach oben von der Verteidigung in Zweifel gezogen worden. Die Polizei stellte die Situation jetzt mit mehreren Personen nach und bestätigte die Rentnerin.

Eine allerletzte Lücke will die Kammer mit ihrem Vorsitzenden Richter Josef Richter durch ein Gutachten des Landeskriminalamtes schließen, das die Bekleidung des Getöteten auf Blutspuren des jüngeren Somali untersucht hat. Vor dem Haftrichter hatte der Angeklagte ausgesagt, die beiden Somali seien untereinander in Streit geraten.

Vor Gericht hatte der Eritreer eingeräumt, erst den älteren, dann den jüngeren Somali attackiert zu haben. Zuvor sei allerdings der 32-Jährige mit dem Messer auf ihn, den Angeklagten, losgegangen.

Kein Blut des Verstorbenen

Nach wie vor ungeklärt ist der Umstand, dass sich auf der Bekleidung des Eritreers kein Blut des später Verstorbenen befunden hatte. Festgestellt wurden lediglich drei kleine Spuren aus dem Blut des jüngeren Somali.

Das zwischenzeitlich ziemlich undurchsichtige Verfahren soll nächste Woche beendet werden: Plädiert würde am Montag, das Urteil dann am Mittwoch folgen.

Dann wird auch die Frage beantwortet, wie die Kammer das Geschehen in der Gemeinschaftsunterkunft rechtlich bewertet: Angeklagt hat Staatsanwalt Andreas Hellmich Totschlag und versuchten Mord. Damit droht dem Eritreer im schlechtesten Fall eine lebenslange Freiheitsstrafe. Auch wenn wegen des Angriffs des älteren Somali ein minderschwerer Fall angenommen werden sollte und die Stiche gegen Jüngeren als gefährliche Körperverletzung gesehen werden, muss der 39-Jährige mit mehreren Jahren Freiheitsentzug rechnen.

Von Karl Schönholtz

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