In seinem Laden wurde "geschnuddelt" und getratscht

Lapps Hans ist ein echtes Frielinger Urgestein

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Der langjährige Frielinger Ladenbesitzer Hans Lapp zeigt im ehemaligen Büro einige seiner imposanten Schnitzereien und Basteleien, die er in seiner Freizeit geschaffen hat. „Mie Frei Erna schempt emmer werre, bann ech hee gesäät onn geschleffe hat onn alles voller Stoub woar.“

Der 90-jährige Hans Lapp aus Frielingen ist ein Urgestein seiner Gemeinde. Sein Einkaufsladen war früher das Zentrum der Gemeinde. Noch heute spricht Hans Lapp meist Mundart. 

Frielingen - Man ging nicht ins Geschäft, man ging auch nicht in den Laden oder in die „SPAR“, oder später „EDEKA“, in Frielingen zum Einkaufen. Man ging zu Lapps Hans – und für uns Kinder war er auch der Onkel Hans.

Der hatte direkt nach dem Krieg gemeinsam mit Ehefrau Erna ein kleines Stubenlädchen in der Hauptstraße eröffnet. „Damals mussten wir noch mit Lebensmittelkarten hantieren“, erinnert sich der Kaufmann heute auch an zentnerschwer Zuckersäcke oder mangelnde Papiertüten.

Das Geschäftchen ging gut und mehrmals wurde umgebaut und erweitert, zumal die Kundschaft auch aus Häderschderf oder Gerschderf zu „Lapps“ ging. Da traf man sich aber nicht nur zum Einkaufen, es wurde auch „geschnuddelt“ und der neuestes Dorftratsch von den Wieweslied (Weiber/Frauen) im oder vor dem Lädchen ausgebreitet.

1964 wurde dann die zum Haus gehörende Scheune abgerissen und ein neuer, moderner Laden gebaut. „Wir hatten damals den ersten Selbstbedienungsladen zwischen Bad Hersfeld und Treysa, erzählt der heute 90-Jährige nicht ohne Stolz.

Besonders stolz war er auf eine selbstentwickelt und gebaute „Leergutannahme“. Durch eine oft bestaunte Klappe neben dem Kassentisch fielen die Flaschen in einen senkrechten Fallschacht mit einem anschließenden 90 Grad Bogen. An dessen Ende bremste eine gepolsterte Wand die Flaschen, die sich dann auf mehreren übereinander angeordneten schiefen Ebenen sammelten. Abends musste der Chef dann allerdings zum Aufräumen in den Keller.

Auch in dem neuen Laden wurde weiterhin hauptsächlich „platt geschwatzt“ erinnert sich der gebürtige Frielinger. Schwierig sei es geworden, als Flüchtlinge aus Mähren plötzlich nach „Ärm“ (Hefe), „Quarkerl“ (Handkäs) oder „Geselchtem“ (Gepökeltes Fleisch) gefragt hätten, „und wir keine Ahnung hatten, was die wollten“.

Auch wenn damals noch alles gesitteter und gemütlicher zuging, erinnert sich Lapp an eine „Dame“, die immer wieder mal etwas aus dem Laden schaffte, ohne den lästigen Umweg über den Kassentisch zu nehmen. Das flog natürlich irgendwann auf und blieb in dem kleinen Dörfchen, in dem Jeder Jeden kannte, nicht geheim. Schnell hatte die Frau das Prädikat „dee diebisch’ Elster“ weg und jeder im Dorf wusste wer gemeint war, wenn von einer gewissen „Klaudia“ die Rede war. Misstrauen ging aber auch anders herum. Als die Gemeinschaftsgefrieranlage in Betrieb ging, stieg erwartungsgemäß die Nachfrage nach Gefrierbeuteln stark an. Um den Verkauf zu beschleunigen, hatte Lapp die Beutel zu Hunderter-Päckchen geschnürt. „Ebb doss ai werklech honnert Steck sinn“ zweifelt eine Kundin. „Was hab’ ich gemacht?“ erinnert sich Lapp. Wir haben das Päckchen aufgemacht und gemeinsam gezählt. Es waren 106. „De sechs honn ech naderlich behallen.“

Noch viele Geschichte hat der derzeit zweitälteste Frielinger in petto, der gerne Gedichte schreibt und viel davon auf Abruf im Kopf hat, manche lieblich und anmutend, manche aber auch heftig und derb und nicht immer ganz jugendfrei. Passend dazu hat er kleine Kunstwerke aus Baumrinde gebastelt. Im MGV Frielingen ist er der älteste Sänger, und zu der Melodie des Kufsteinlieds hat er eine Frielingen-Hymne kreiert.

Als Ende der 1980 Jahre immer mehr große Supermärkte auf den Markt drängten, blieben langsam die Kunden aus, der kleine Laden war nicht mehr rentabel. So beschloss Lapps Hans im Jahre 1988, die Tür zu seinem kleinen Geschäft endgültig zu schließen. Einige Angebote, einen der neuen Märkte als Geschäftsführer zu übernehmen, hatte der fast sein Leben lang selbstständige gelernte Großhandelskaufmann zuvor abgelehnt. Jetzt freut er sich, dass Schwiegertochter Birgit gemeinsam mit ihrer Tochter Tabea den kleinen Laden mit ihrem Trödel wieder zum Leben erweckt. Und dann – doss moss ech deer noch erzäähl – muss der Hans zum Schluss noch eine Geschichte loswerden: Die, von dem Kunden, der jeden Vormittag zur gleichen Zeit seine Tagesration an Nikotin und „Stoff“ kaufte: Drei Päckchen Zigaretten und eine Flasche Whisky. „Hä hots lang ewwerload onn ess deck onn oald gewonn“, (Er hat es lange überlebt und ist dick und alt geworden) kommentiert Lapp den nicht gerade spärlichen Konsum mit süffisantem Lächeln.

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