Frauen treffen sich seit 50 Jahren

Geselligkeit mit Tradition in der Willingshainer Spinnstube

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Bei Kaffee und Kuchen erinnerten sich Elisabeth Thiel, Maria Weppler, Erika Schrön und Annie Schnücker (von links) an viele schöne Stunden und Erlebnisse in ihrer Willingshainer Spinnstube, die sie gemeinsam mit einigen anderen Frauen vor 50 Jahren ins Leben gerufen hatten. Das vollständige Bild sehen Sie, wenn Sie auf das Kreuz oben rechts klicken.

Traditionsbewusst sind die Willingshainer und sie halten zusammen. Die Spinnstube im Dorf gibt es jetzt seit 50 Jahren, auch wenn nie gesponnen wurde.

Willingshain – So richtig sind Anni Schnücker, Erika Schrön, Elisabeth Thiel und Maria Weppler aus Willingshain noch gar nicht dazu gekommen, den 50. Geburtstag ihrer Spinnstube zu feiern.

Mal war das ein oder andere Zipperlein Schuld, mal konnte die, mal die andere nicht und mal hatte einer der Männer keine Zeit. Die sollen nämlich mit, wenn es demnächst doch noch zu einem gemeinsamen Essen in einem Lokal kommt. „Zum Bezahlen,“ wie die vier Damen übereinstimmend erklären. Zumindest mit einem Gläschen Sekt haben die Damen bei einem ihrer immer noch wöchentlich stattfindenden Treffen aber schon auf das Jubiläum angestoßen.

Außer mal einem Koch- oder Erste-Hilfe-Kurs in der Dorfkneipe sei ja nicht viel los gewesen in dem Dörfchen am Fuße des Eisenbergs, berichten die Vier bei Kaffee, Berlinern und Erdbeerröllchen. Letztere sind selbst gemacht von Erika Schrön, für ihren Wohlgeschmack berühmt und von den Kindern immer wieder angefordert.

Alte Tradition wiederbelebt

So wurde im Spätherbst 1968, als in den Großstädten die Studenten auf die Straße gingen,  beschlossen eine alte Tradition wieder zu beleben und eine Spinnstube zu gründen. Bis zu zehn Frauen trafen sich in den Wintermonaten einmal pro Woche, abends reihum in der „Guten Stube“ einer der „Mädels“. Gesponnen wurde nicht mehr, dafür aber gestrickt oder gehäkelt. Socken, Pullover, Schals und vieles mehr entstanden so, teils für den eigenen Gebrauch, meistens aber für den Nachwuchs.

Geselligkeit und gute Laune kamen dabei nicht zu kurz. Volkslieder wurden gesungen, Geschichten und Anekdoten erzählt und natürlich musste der aktuelle Dorfklatsch aufgearbeitet werden. „Meist bis Mitternacht gingen die Treffen“, erinnert sich Annie Schnücker, „und es gab immer Bowle und so manches Schnäpschen“, ergänzt Elisabeth Thiel. „Manchmal auch eins zu viel“, steuert Maria Weppler bei. „Awwer ewer anner Liet wurde nie geschwatzt“, (Aber über andere Leute wurde nie gesprochen) erklärt Erika Schrön zum Thema Dorfklatsch. Allmählich aber schrumpfte der Kreis. Die Frauen mussten sich um Kinder und Arbeit kümmern oder zogen weg und einige sind zwischenzeitlich auch schon verstorben.

Ein Schnäpschen bei jedem Treffen

Die Handarbeiten kamen aus der Mode und wurden eingestellt, man beschränkte sich auf die Geselligkeit. Als die Damen das Rentenalter erreichten, wurden die Treffen vom Abend auf den Nachmittag verlegt. Beibehalten wurden die Schnäpschen. „Aber immer nur ein einziges bei jedem Treffen,“ versichern die Damen unisono.

Männer haben nach wie vor nur Zutritt, wenn im Sommer gegrillt wird oder sonst eine Feier ansteht, wie diverse Hochzeitsjubiläen oder runde Geburtstage. Und da zeigen die Damen, die heute alle um die 80 sind, was sie in der Jugend gelernt haben und wie wichtig ihnen die Tradition ist. Solche Familienfeste werden nicht nur gemeinsam begangen. Man hilft sich bei den Vorbereitungen, versorgt sich gegenseitig mit Kuchen und Salaten oder was sonst noch nötig ist und ist einfach da, wenn man gebraucht wird.

Auch bei der 650-Jahrfeier ihres Dorfes im August 2016 engagierten sich die Damen entsprechend und wussten aus ihrem reichen Erfahrungsschatz vieles aus der Geschichte zu berichten. Darauf sind sie stolz. Ebenso wie auf das 50-jährige Bestehen ihrer, wenn auch mittlerweile kleinen, Spinnstube und auf ihr Dorf. „Hier gibt es noch Tradition, hier hält man noch zusammen und Willingshain ist schön“, schwärmen die vier jung gebliebenen Frauen gemeinsam.

VON BERND LÖWENBERGER

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