Besuch aus Weißrussland in Kirchheim

Eva Baumgart half Tschernobyl-Kindern aus Überzeugung

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Seit Elena Bogomolova vor fast 30 Jahren als sogenanntes Tschernobyl-Kind zum ersten Mal nach Deutschland kam, sind sie und ihre damalige Gastmutter und heutige Freundin Eva Baumgart eine Herz und eine Seele. Zurzeit ist die Weißrussin wieder einmal in Kirchheim zu Gast, erstmals mit ihrem sechsjährigen Sohn Alex.

Für Eva Baumgart, die heute in Kirchheim lebt, war es selbstverständlich, Kindern aus der strahlenbelasteten Region Tschernobyl zu helfen. Elena kommt noch heute zu ihr.

Kirchheim – Eva Baumgart erinnert sich noch gut an die Nachricht von der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, die am 26. April 1986 die Welt erschreckte, an das nur langsame Bekanntwerden des Ausmaßes und die zahlreichen Warnungen zum Thema Essen und Trinken oder dem Aufenthalt im Freien.

Damals lebte die heutige Kirchheimerin gemeinsam mit ihrem Ehemann Heinz noch in Harthausen in der Nähe von Speyer in Rheinland-Pfalz. Im rund 1800 Kilometer entfernten weißrussischen Shitkowitschi nahe der Todeszone um den explodierten Atomreaktor erfahren die kleine Elena, ihre Eltern und Verwandten und die gesamte Bevölkerung kaum etwas von der drohenden Gefahr. „Niemand hat sie vor der Strahlung gewarnt, niemand hat ihnen gesagt, dass die in Gärten und auf Feldern angebauten Nahrungsmittel, das Wasser aus den Brunnen oder die Fische aus dem Fluss ungenießbar sind“, weiß Eva Baumgart heute zu berichten und fügt hinzu: „Es hätte auch nichts genutzt, denn sie hätten nichts anderes gehabt.“

All das ist der heute 86-Jährigen noch so gegenwärtig, weil sie 1992 auf eine Anzeige in ihrer Tageszeitung reagierte, in der der Verein „Leben nach Tschernobyl“ Gasteltern für Kinder aus der verstrahlten Region suchte. Einige Wochen und ungezählte Formulare später stieg in Speyer nach fast 40 Stunden Fahrt neben vielen anderen Kindern ein hungriges, müdes und scheues Mädchen aus einem klapprigen Bus. Auf einem Stück Pappe, das man ihr mit einer Schnur um den Hals gehängt hatte stand: Baumgart. Der erste Kontakt mit Elena.

Seitdem haben die Baumgarts über mehr als 20 Jahre jedes Jahr zu Ostern oder in den Sommerferien meist zwei, manchmal sogar drei Kinder bei sich aufgenommen. „Wir haben mit ihnen Ausflüge gemacht, sie haben bei uns Schwimmen oder Fahrradfahren gelernt, und manche auch ein bisschen Deutsch“, erzählt Eva Baumgart nicht ganz ohne Stolz.

Die Verständigung sei schwierig gewesen, anfangs auch mit Elena. Man habe den Kindern so banale Dinge wie die Funktion eines Wasserhahns oder die Benutzung der Toilette erklären müssen, und manche seien gekommen mit nichts außer der Kleidung, die sie anhatten.

„Wir haben viel Zeit, manchmal auch viele Nerven und auch viel Geld investiert, aber es hat uns auch viel Spaß und Freude bereitet und wir haben es gern und aus voller Leidenschaft gemacht und dafür gerne auf Urlaub verzichtet“, zieht die mittlerweile verwitwete Eva Baumgart zufrieden ihr persönliches Resümee: „Viele sind gekommen, viele wieder gegangen, nur der enge Kontakt zu Elena ist geblieben,“

„Eva war immer für uns da, hat uns nie alleine gelassen“, erzählt die Weißrussin, die wieder einmal zu Gast in Kirchheim ist. Erstmals mit ihrem sechsjährigen Sohn Alex, der kein Wort deutsch spricht, aber entschieden hat, zunächst so wichtige Worte wie „Mercedes“, „Ferrari“ oder „Bugatti“ zu lernen.

Laut Medizinern hat Elena die Strahlenbelastung bis dato gut überstanden, lediglich ein paar Tabletten wird sie ihr Leben lang einnehmen müssen. Nur eine Woche kann sie bleiben, denn zu Hause warten ihr Ehemann und die eineinhalb Jahre alte Anna schon auf sie.

VON BERND LÖWENBERGER

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