Ortsvorsteher fordern bessere Anbindung an den ÖPNV

Im Ibratal ist man ohne Auto aufgeschmissen

Das bild zeigt die Ortsvorsteher Jaqueline Thamer aus Ibra, Harald Brill aus Reimboldshausen und Ralf Hellwig aus Kemmerode (von links) an der Bushaltestelle von Reimboldshausen. Sie setzen sich für eine bessere ÖPNV-Anbindung des Ibra-Tals ein.
+
Setzen sich für eine regelmäßige Busverbindung durch das Ibratal ein: die Ortsvorsteher Jaqueline Thamer aus Ibra, Harald Brill aus Reimboldshausen und Ralf Hellwig aus Kemmerode (von links).

Ohne Auto ist man aufgeschmissen wenn man im Ibratal wohnt. Die dortigen Kirchheimer Ortsteile und Oberaula-Ibra und -Hausen haben keine regelmäßige Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.

Kirchheim/Oberaula - „Zurzeit fährt hier gar nichts“, erklärt Harald Brill, Ortsvorsteher von Reimboldshausen, beim Treffen an der leuchtend blauen NVV-Bushaltestelle. Denn die Busline 383 fährt ausschließlich zu Schulzeiten, nicht aber in den Ferien. Und der Bürgerbus Kirchheim, offiziell im NVV-Fahrplan als Linie 376 ausgewiesen, der sonst zweimal am Tag alle Kirchheimer und einige Oberaulaer Ortsteile anfährt, ist zurzeit coronabedingt eingestellt. Er fährt ausschließlich mit ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrern, von denen die meisten im Rentenalter sind und ebenso wie die Fahrgäste der Risikogruppe angehören.

Dass es den Bürgerbus gibt, finden die Ortsvorsteher toll, da wollen sie auch gar nicht meckern. Was sie jedoch vermissen, ist ein regelmäßiges Busangebot, das es ermöglicht, auch ohne eigenes Auto zur Arbeit zum Beispiel nach Bad Hersfeld zu kommen. Da ist der Bürgerbus, der um 9.45 Uhr in der Kreisstadt ankommt, zu spät. Und auch mit der Rückfahrt nach der Arbeit würde es schwierig. „Um 15.40 Uhr fährt der letzte Bus in Kirchheim durchs Ibratal ab“, sagt Harald Brill.

„Hier muss eigentlich jedes erwachsene Familienmitglied ein Auto haben“, sagt Ralf Hellwig, Ortsvorsteher von Kemmerode. Nicht nur, um zur Arbeit zu kommen, auch für eigene Freizeitaktivitäten oder die der Kinder geht es nicht ohne den eigenen Pkw. Und wenn die Schule später anfängt oder länger dauert, ist ebenfalls das Eltertaxi gefragt.

Dabei ist die Gemeinde Kirchheim grundsätzlich gut angebunden. Die Buslinie 470 fährt stündlich vom frühen Morgen bis in den Abend von Bad Hersfeld nach Schwalmstadt und zurück – aber eben nur durchs Aulatal. „Uns hier im Ibratal haben sie vergessen“, beschwert sich Harald Brill. Er vermisst entsprechende Aktivitäten der Gemeinde und würde, wie seine Ortsvorsteherkollegen, zumindest erwarten, dass die fehlende Busanbindung des Ibratals Thema in der offiziellen Stellungnahme der Gemeinde an den beim Kreis angesiedelten Nahverkehr Hersfeld-Rotenburg wäre.

Früher, so Brill, habe es zumindest die Möglichkeit gegeben, eine Fahrgemeinschaft zu bilden, gemeinsam nach Kirchheim zu fahren und dort in den Bus nach Bad Hersfeld zu steigen. Doch seit Kirchheim Parkgebühren von 2,50 Euro pro Tag verlange, sei das finanziell uninteressant.

Ein weiteres Ärgernis ist für ihn, dass der Bürgerbus Schülerkarten oder das Hessenticket nicht akzeptiert, obwohl er im NVV-Linienverkehr fährt. Ganz schlimm, so erklärt Ralf Hellwig, sei es für ältere Menschen: „Wenn man seinen Führerschein abgibt, ändert sich alles. Dann kann man gleich sein Haus verkaufen, dann kommt man hier ohne Nachbarschaftshilfe nirgendwohin.“ Wie die Senioren aus den Dörfern im Ibratal zur Corona-Impfung nach Rotenburg kommen sollen, das fragt er sich ebenfalls.

Im Oktober haben die Ortsvorsteher von Gershausen, Ibra, Kemmerode, Hausen und Reimboldshausen deshalb zu einem Gespräch mit Vertretern der Gemeinden und des Kreises sowie den Landtagsabgeordneten Kaya Kinkel (Grüne) und Torsten Warnecke (SPD), eingeladen. Herausgekommen sei dabei nicht viel, bedauert Jaqueline Thamer. Man habe in erster Linie die Verantwortung jeweils an anderer Stelle gesehen und auf das Jahr 2023 vertröstet, wenn die Linienbündel neu ausgeschrieben würden.

Bis dahin wollen die Ortsvorsteher weiter Druck machen. Das ist jedoch aufgrund der vielen verschiedenen Ansprechpartner nicht einfach. Denn für die Oberaulaer Ortsteile ist der Nahverkehr Schwalm-Eder (NSE) zuständig, der bereits eine bessere Anbindung der Orte Hausen und Ibra in Aussicht gestellt hat. Allerdings nicht unbedingt in Richtung Bad Hersfeld, und genau da wollen die Ibraer aber hin – zur Arbeit, zum Arzt und zum Einkaufen, sagt Thamer.

Das sagt NVV-Geschäftsführer Steffen Müller:
„Derzeit laufen Planungen zur Anpassung des Angebots, die eine Überarbeitung des entsprechenden Linienbündels 301 enthalten. Sie finden in enger Abstimmung mit dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg als zuständigem Aufgabenträger für lokalen ÖPNV statt und werden etwas Zeit in Anspruch nehmen“, heißt es in einem Schreiben Müllers an die Ortsvorsteher. Bei einer Neuplanung können Kundenwünsche, Vorstellungen der Kommunen und der Landkreise einfließen. Wichtig ist, dass die Erschließung sinnvoll, das Angebot für die Fahrgäste ausreichend und durch die Aufgabenträger finanzierbar ist. Die Finanzierung sei die wichtigste Voraussetzung für die Einrichtung eines neuen Angebots.

Es müsste daher geklärt werden, wie viel die jeweiligen Kommunen und der Landkreis finanzieren können. Müller zeigt sich aber zuversichtlich, dass im kommenden Jahr ein Konzept vorliegen werde, welches eine Fahrplananpassung und Angebotsausweitung beinhalte, die die Anregungen der Ortsvorsteher berücksichtige.

Das sagt Kirchheims Bürgermeister Manfred Koch:
„Die Gemeinde unterstützt die Initiative der Ortsvorsteher“, sagt Bürgermeister Manfred Koch. Er ist allerdings nur bedingt optimistisch, dass tatsächlich eine regelmäßige Buslinie durchs Ibratal fahren wird. Auch der Versuch zu erreichen, dass die Linie 470 im Wechsel einmal durchs Aulatal, also von Oberaula über die Bundesstraße 454 nach Kirchheim und einmal durchs Ibratal fährt, sei nicht von Erfolg gekrönt gewesen.

Ein wichtiges Argument für Koch ist die Anbindung des Seeparks an das öffentliche Busnetz – zum einen als touristisches Ausflugsziel, gerade an den Wochenenden, aber auch für die Gäste in den Ferienhäusern und in Zukunft in dem geplanten religiösen Zentrum. Dass ein entsprechender Bedarf vorhanden wäre, hat er aus dem Taunus erfahren, wo es bereits ein solches Zentrum gibt. Koch könnte sich auch vorstellen, dass für das Ibratal eine Art neues AST-Modell (Anrufsammeltaxi) greifen könnte als Ersatzverkehr für eine Buslinie.

Ausdrücklich lobt er den Bürgerbus, der normalerweise zweimal täglich die Dörfer auch im Ibratal anfährt und die große Flexibilität der Fahrer, die bei großem Andrang auch schon zweimal hintereinander die Route gefahren seien. Koch erläutert auch, dass der Bürgerbus nicht als tarifgebundener Nahverkehr gelte. Deshalb würden dort auch keine Hessentickets und Schülerfahrkarten akzeptiert.

Das sagt Oberaulas Bürgermeister Klaus Wagner:
Der Gemeindevorstand unterstützt das Anliegen einer besseren Busanbindung von Hausen und Ibra, erklärt Bürgermeister Klaus Wagner. Er werde sich dafür einsetzen, dass das Ibratal im Rahmen der nächsten Fortschreibung des Nahverkehrsplans berücksichtigt werde. „Das haben wir auch beim Schwalm-Eder-Kreis kundgetan.“

(Christine Zacharias)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare