Khenpo Kunga zu Gast in Buchenau

„Losgelöst von negativen Gefühlen“: Interview mit buddhistischem Gelehrten

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Asiatische Weisheit in Waldhessen: Der tibetische Lama Khenpo Kunga mit seinem deutschen Übersetzer Holger Yesche, (rechts) in Schloss Buchenau. 

Der tibetische Lama Khenpo Kunga war am Wochenende auf Schloss Buchenau als Lehrmeister bei einem Seminar der Tergar-Meditationsgemeinschaft zu Gast.

Vor dem Seminar sprach Kai A. Struthoff mit dem buddhistischen Gelehrten.

Khenpo Kunga, die meisten Menschen in Deutschland kennen nur den Dalai Lama. Sie sind aber auch ein Gelehrter. Wie wird man zum Lama?

Das Wort Lama hat zwei Bedeutungen – zum einen heißt es „schwer in Qualität“, zum anderen, dass es darüber nichts Höheres gibt. Ein Mönch wird nach Jahren des Studierens des Studierens zum Khenpo, also zum Gelehrten. Zum Lama wird man aber erst durch ein drei bis vierjähriges Retreat, also den Rückzug aus dem Alltag zur Praxis unserer Rituale.

In Asien begegnet man überall dem Buddhismus. Aber auch bei uns wird diese asiatische Philosophie immer populärer. Warum ist das so?

Der Buddhismus betrachtet vor allem die Interdependenz, also die gegenseitige Abhängigkeit, aller Dinge. Außerdem ist die Gewaltfreiheit sehr wichtig. Es gibt viele Auslegungen des Buddhismus, aber im Kern geht es immer um diese beiden Komponenten. Die wechselseitige Abhängigkeit der Dinge ist sehr nah dran an den im Westen verbreiteten wissenschaftlichen Erkenntnissen und deshalb attraktiv für den westlichen Geist. Die Lehre der Friedfertigkeit entspricht der tiefen Sehnsucht der Menschen wegen der Vielzahl von kriegerischen Auseinandersetzungen.

Wo liegen die Unterschiede zwischen den christlichen Religionen und dem Buddhismus?

Zunächstmal haben sie etwas gemeinsam: Alle Religionen sind auf Liebe aufgebaut. Unterschiedlich ist aber das, woran man glaubt. Der Buddhismus glaubt nicht an den allmächtigen Schöpfer, der alles kreiert, sondern man glaubt vielmehr, dass alles in unserer Hand liegt. Wir erschaffen unser eigenes Glück und Leid. Wir sind selbst verantwortlich für unsere Aktionen und ihre Konsequenzen.

Wir erleben zurzeit überall neue Glaubenskriege – vor allem zwischen dem Christentum und dem Islam. Will auch der Buddhismus Menschen bekehren?

Ich glaube nicht, dass diese Glaubenskriege mit den Religionen selbst zu tun haben, sondern vielmehr mit den politischen Intentionen und Eigeninteressen der jeweiligen Regionen. Auch im Buddhismus gab es Konflikte zwischen den einzelnen Strömungen. Aber auch dabei ging es nicht um die Religion, sondern um eigene Interessen. Natürlich freuen wir uns, wenn sich Menschen zum Buddhismus ausrichten wollen, aber bekehren oder gar zwingen ist laut Buddha gar nicht erlaubt. Buddha sagt, es ist nicht erwünscht, Menschen zu manipulieren, denn jeder soll selbstbestimmt leben.

Beim Seminar hier in Buchenau geht es um Achtsamkeit – ein Begriff, den man zurzeit überall hört. Worum geht es genau?

Im Mittelpunkt der Unterweisungen steht der Geist von Mitgefühl und Liebe. Es geht darum selbst daran zu arbeiten, Glück, Zufriedenheit und Freiheit von Leid zu erlangen und mit diesem Wissen auch anderen Menschen zu helfen. Das erreicht man mit Methoden der Achtsamkeit und Meditation.

Mir fällt es sehr schwer, meine Gedanken abzuschalten. Worauf kommt es beim Meditieren an?

Das Wichtigste ist, nicht daran zu denken, gedankenlos zu werden. Vielmehr geht es darum, einen Geist zu entwickeln, der stets gewahr ist und weiß, was passiert. Meist richten wir unsere Aufmerksamkeit nach außen und verlieren dadurch unsere Achtsamkeit, unsere Fähigkeit, nach innen zu blicken. Wenn man weiß, was man denkt und fühlt, wird das zur Stütze des Gewahrseins. Eigentlich ist Meditation also gar nicht so schwer.

Leichter gesagt als getan in unserer rastlosen Gesellschaft, die permanente Erreichbarkeit voraussetzt. Wie soll man den Anforderungen der modernen Welt gerecht werden und trotzdem achtsam mit sich umgehen?

Natürlich ist in unserer Welt viel los – aber all das, kann sogar zur Stütze für die Meditation benutzt werden. Um zu meditieren muss man nicht mit geschlossenen Augen im Schneidersitz verharren, sondern man kann das auch beim Essen, Gehen oder Arbeiten. Bei der Meditation geht es um den Geist, und darum, sich nicht selbst zu verlieren. Aber wenn man bewusst etwas tut, dann wird es zu Meditation.

Haben sie einen Rat, wie wir mehr Glück, Zufriedenheit und Freiheit von Leid im Leben erreichen?

Die täglichen Probleme, die Herausforderungen vor denen wir stehen, sind nicht die eigentliche Essenz unseres Lebens. Es sind nur zeitweise Erscheinungen. Daher sollte man versuchen, sich von den negativen Gefühlen zu distanzieren, anstatt sich zu stark damit zu identifizieren. Ich glaube, so manche Probleme in der westlichen Welt rühren daher, dass sich viele Menschen nicht von ihren negativen Emotionen lösen können. Daraus entstehen oft Ängste oder sogar Depressionen.

Zur Person

Khenpo Kunga (50) lebte im Alter zwischen sieben und 15 Jahren im Tergar-Stamm-Kloster in Tibet und erhielt dort seine erste Ausbildung in der traditionellen rituellen Praxis der Karma Kagyü Tradition. Mit 15 Jahren verbrachte er drei Jahren mit einem „Retreat“, einem spirituellen Rückzug von den Dingen des Alltags. Danach besuchte er das Dzongsar College in Indien, um buddhistische Philosophie zu studieren. Dort erhielt er den Titel eines Khenpo. Er unterrichtet in der Tergar-Gemeinschaft und lebt in Minneapolis, USA, unterrichtet aber in der ganzen Welt. Als Mönch ist Khenpo Kungar unverheiratet und kinderlos.

Holger Yeshe, geboren in Nürnberg, meditiert seit 20 Jahren. Im Jahr 2010 ordinierte er als Mönch und studiert seitdem intensiv die tibetische Sprache und buddhistische Philosophie. Für Tergar Lama Khenpo Kunga übersetzt er aus dem Tibetischen. Sein Interesse gilt auch den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Deshalb beteiligt er sich auch aktiv am wissenschaftlichen Dialog zur Forschung über Meditation und ihre Auswirkungen auf das geistige und körperliche Wohlbefinden. kai

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