Die Wiege des Computers

Zuse Valley in Haunetal: Es ist ruhig geworden um das Millionen-Projekt zu Ehren von Konrad Zuse

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Wo einst alles begann: In diesem Gebäude in Neukirchen gründete Konrad Zuse 1949 seine AG

Neukirchen. Ein Millionen-Projekt sollte in Neukirchen an Konrad Zuse, den Erfinder des Computers, erinnern - das Zuse Valley. Heute ist es still geworden um das Vorhaben.

Ja, man benötigt sie, um voranzukommen, auch wenn sie manchmal scheitern: Visionen. Ohne sie hätten weder Professor Konrad Zuse, der Erfinder des weltweit ersten programmierbaren Rechners, noch Bill Gates oder der in Fulda geborene Ferdinand Braun, ein Nobelpreisträger für Physik, der mit der Erfindung der Braunschen Röhre die technische Basis fürs Fernsehen erfand, ihre Ziele und Pläne umsetzen können.

Visionen hatten vor zehn Jahren auch tatkräftige Männer im Haunetal, dort wo Zuse 1949, also vor 70 Jahren, in einem kleinen Gebäude seine AG gründete. Genau dort, in Neukirchen nämlich, sollte das „Zuse Valley“ beziehungsweise ein Zuse-Campus entstehen. Großflächig inmitten und um einen Hinterhof, wo an jener Produktionsstätte der weltweit für den kommerziellen Verkauf gebaute Computer Z4 einst entstand.

Zuse Valley sollte die Bekanntheit von Neukirchen steigern

Zu dem millionenschweren Projekt ist es bislang nicht gekommen, was eigentlich schade ist, denn die Absicht der Ideengeber war es, den Stellenwert des Dorfes Neukirchen in Verbindung mit seinem ehrenwerten Erfinder und Bürger zu steigern. Die fehlende finanzielle Grundlage entbehrte dem Projekt dessen Umsetzung, bedauerte auch Haunetals jetziger Rathauschef Bürgermeister Gerd Lang. Bislang macht ein Schild am Dorfplatz auf den großen Erfinder Konrad Zuse aufmerksam. Ebenso erinnert eine Tafel an jenem Haus an der Hauptstraße an ihn, in dem er nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie wohnte.

Wanderausstellung zu Konrad Zuse und weiteren hessischen Technik-Pionieren

Unter dem Motto „Zuse Valley“ – Where the Compunter was born“ (zu deutsch „Wo der Computer geboren wurde“) ging, als die „Eisen noch heiß waren“, eine Ausstellung auf Deutschlandreise. Sie informierte über Professor Konrad Zuse, über die Vision eines Zuse Valley in Neukirchen und darüber hinaus über führende hessische Technik-Pioniere. Man war dem Projekt sehr angetan. Die hessische Landesregierung, in Verbindung mit dem Europa-Leader-Programm, sprach diesem eine Landesförderung zu.

Auf acht übersichtlichen sowie eindrucksvollen Schautafeln wurde dieses in der Hessischen Landesregierung präsentiert. Anlässlich des Konrad-Zuse-Jahres 2010 erfolgten Einladungen zu einem öffentlichen Dialog-Kongress nach Wiesbaden. Dabei standen brandneue IT-Anwendungen und aktuelle Fragestellungen zum Standort Hessen im Mittelpunkt.

Sowohl Fachleute als auch Schüler, Studierende und interessierte Bürger diskutierten hier, auch über die digitale Welt, die in schnellen Schritten alles Leben und Erleben verändere.

Wirtschaftlich werde sie zu einem bestimmenden Zukunftsfaktor, wurde dort betont. Namhafte Redner gaben in Vorträgen und Themenforen einen Überblick zu den Chancen und Zukunftserwartungen an die Informations-Technology (IT) und die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT).

Auch in einer Wanderausstellung wurde vor einigen Jahren über die Pläne eines Zuse Valleys zur Erinnerung informiert

Dr. Karl-Ernst Schmidt, der damalige Landrat des Kreises Hersfeld-Rotenburg, übergab in der Kulturscheune „Lange Wiese“ in Wehrda einen Förderbescheid an die Projektträger. Dieser umfasste die Übernahme von 60 Prozent der 10.000 Euro Kosten der Ausstellung sowie der 3600 Euro für die „Zuse-Tour“. Der Rest entfiel auf die Marktgemeinde Haunetal.

Schmidt, der den Beteiligten für ihr Engagement dankte, beurteilte das Projekt „Zuse-Valley“ in Neukirchen als wichtig für die Region. Hier geschehe ein Beginn in kleinen Schritten, sowohl den ländlichen Raum wirtschaftlich zu beleben als auch um eine Plattform des Tourismusbereiches weiterzuentwickeln.

Sehr wichtig, „um Zuse Valley an den Start zu bringen“ fand Hein-Peter Möller, damaliger Bürgermeister von Haunetal, den Förderbescheid. Er fuhr seinerzeit fort: „Es ist einmalig, was wir in Neukirchen zu präsentieren haben, wo Zuse bis 1957, bevor er nach Bad Hersfeld ging, wirkte. Denn hier konstruierte, baute und lieferte er 1950 den Z4, den ersten kommerziell eingesetzten Computer der Welt aus.“

Konrad Zuse sollte im historischen Kontext gezeigt werden

Stadtplaner Professor Wolfgang Rettberg, der mit seinem Team ein Modell „Zuse Valley“ und die Ausstellung erarbeitet hatte, war es darum gelegen, Konrad Zuse in einen historischen Kontext mit der Geschichte zu stellen. Da war zum Beispiel Denis Papin, der um 1706 nach Hessen kam und bei Kassel den ersten Dampfzylinder entwickelte. Dieser war Vorgänger für die 1776 von James Watt entwickelte erste einsatzfähige Dampfmaschine nach Plänen Papins.

Oder George Stephenson, der 1829 die „Rocket“ baute und Carl Anton Henschel, der 1848 mit der bis zu 45 Kilometer schnellen Dampflok „Drache“ aufwartete und damit Transportprobleme löste. Auch das ist hessische Erfindungsgeschichte: Die heute in jedem Hochhaus eingebauten Aufzüge gehen ursprünglich auf Elisha Otis zurück, der die Aufzugbremse erfand. Rettberg setzte ihn mit Zuse gleich.

Edisons Glühlampen und Daimlers Motorwagenerfindungen folgte 1934 Konrad Zuse mit seinen ersten Arbeiten an einem Rechenautomaten in Berlin. Auf seinen Spuren fuhr Bill Gates fort, so Rettberg. Die Ausstellung beinhaltete zudem Informationen über die Vorstellungen eines Zuse-Valley in Neukirchen. Das Gebäude, in dem Zuse ehemals arbeitete, sei in seiner ursprünglichen Bausubstanz noch erhalten und müsse unter Denkmalschutz gestellt werden, so alle Beteiligten damals.

Jürgen Klähn, Leiter der Wehrdaer Kulturscheune und des dortigen Mehrgenerationenhauses, stellte heraus, „Neukirchen ist die Wiege des Computers“ und Sigrid Wetterau, Regionalmanagerin beim Landkreis Hersfeld-Rotenburg, sprach hinsichtlich der regionalen Weiterentwicklung von einem guten Tag. Geplant sei eine „Erlebnisstrecke Hünfeld-Neukirchen-Bad Hersfeld“: Orte in denen Zuse lebte und wirkte und an denen man „ihn erleben kann“.

Heute ist es still geworden um das Projekt, an dessen Realisierung wohl niemand mehr glaubt.

Der Zuse-Campus: Was war geplant?

Um das ehemalige Neukirchener Fabrikgebäude der Zuse AG sollte nach den Visionen des Wehrdaer Künstlers Josef Knecht (Jürgen Klähn) und Hochschulprofessor Wolfgang Rettberg auf einer Fläche von 20 000 Quadratmetern das Zuse Valley entstehen – als Wissenschaftszentrum mit angeschlossener technikgeschichtlicher Erlebniswelt und Tourismusattraktion.

So hatte man ihn geplant, den Zuse-Campus in Neukrichen: Der schwarze Würfel sollte der Ort für die „Werkstatt“ sein. Ringsum waren neue Gebäude für Forschungs-, Messe- und Verwaltungszwecke geplant. Leerstehende Fachwerkhäuser in der Nachbarschaft waren als „archetypische Hotels“ für Gäste aus aller Welt eingeplant. In der Bildmitte im Hintergrund ist der Neukirchener Bahnhof zu sehen.

Die Besucher sollten nach den seinerzeit vorgestellten Plänen das plateauartige Gelände vom weitgehend leerstehenden Bahnhof aus durch einen Tunnel erreichen, durch einen unterirdischen Zugang zunächst in ein Rundum-Kino. Per Lift sollte es dann in die Spitze eines Glaskubus weitergehen, bevor der Weg wieder spiralförmig abwärts führte. Dabei bekämen Besuchergruppen mithilfe modernster Mittel des „Edutainments“ (unterhaltsames Lernen) Wissenswertes aus der Geschichte des Computers vermittelt, bis sie schließlich am Boden eines „schwarzen Würfels“ (einem Gebäude) ankommen, hieß es damals. Darin, in der ehemaligen kleinen Fabrik, sollte dann ein vollständig funktionstüchtiger Z 22 stehen. Die übrigen modernen Gebäude auf dem Gelände sollten Forschungs-, Messe- und Verwaltungszwecken dienen. Leer stehende Fachwerkhäuser in der Nachbarschaft könnten als „archetypische Hotels“ für Gäste aus aller Welt genutzt werden, war eine Vision.

Der Projektgedanke war eine Antwort auf den demografischen Wandel und fehlende wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten für den ländlichen Raum, insbesondere für kleine Gemeinden und strukturschwache Regionen.

Konrad Zuse: Ein EDV-Pionier

Konrad Ernst Otto Zuse (1910 in Berlin geboren, 1995 in Hünfeld gestorben) gilt als Erfinder des Computers. Er hat die ersten funktionsfähigen Rechenmaschinen (Z1-Z4) konstruiert, die jeweils auf den neuesten Schaltertechnologien aufbauten. 

Nach dem Krieg gründete der studierte Bauingenieur in Neukirchen die Zuse KG, welche 1957 aus Platzgründen nach Bad Hersfeld verlegt wurde. In den nächsten Jahren baute die Firma insgesamt etwa 250 Computer, heißt es. 1941 hatte er die erste voll funktionsfähige programmgesteuerte und frei programmierbare Rechenmaschine der Welt vorgestellt. Ab 1964 stieg Zuse als Teilhaber aus der Firma aus und war als Berater und Autor tätig. Von 1957 bis zu seinem Tod 1995 lebte er in Hünfeld. 

Von Karl-Heinz Burkhardt

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