Plötzlich „hipper denn je“

Tag des Handwerks: Ralf Stuckardt ist Umwelt-Tischler

Holz ist sein Element: Ralf Stuckardt in der Werkstatt seines Betriebs in Haunetal-Wehrda. Seit über 20 Jahren gehört er dem Zusammenschluss der „Umwelt-Tischler“ an, deren Themen aktuell präsenter sind denn je.
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Holz ist sein Element: Ralf Stuckardt in der Werkstatt seines Betriebs in Haunetal-Wehrda. Seit über 20 Jahren gehört er dem Zusammenschluss der „Umwelt-Tischler“ an, deren Themen aktuell präsenter sind denn je.

Als sich eine Gruppe Tischler aus Hessen Ende der 90er-Jahre zusammentat, um den Verein der Umwelt-Tischler ins Leben zu rufen, waren diese Vorreiter – besser gesagt: Exoten.

Wehrda - Heute sind sie absolut im Trend. Energieeinsparung, Umweltschutz und Klimawandel sind Themen, die in vielen Bereichen des Lebens und Branchen präsent sind. Erster Vorsitzender ist Ralf Stuckardt aus Wehrda, der auch Obermeister der Tischler-Innung für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg ist und 2003 beitrat. Auf die Gemeinschaft aufmerksam geworden war der 58-Jährige, als er auf der Suche nach einem Öko-Audit beziehungsweise einer Zertifizierung war, auch um die innerbetrieblichen Prozesse zu überprüfen. Das sei damals wenig erfolgreich gewesen. „Heute sind wir hipper denn je“, sagt Stuckardt und lacht, wobei es eben nicht nur ums Image gehe, sondern darum, umweltfreundliche Standards in die Betriebsabläufe zu integrieren und vorzuleben.

Die Umwelt-Tischler sind inzwischen eine hundertprozentige Tochter des Landesverbands Leben Raum Gestaltung Hessen/Rheinland-Pfalz mit 22 Betrieben aus Hessen. Aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg ist noch Peter Gorges dabei, der in Bad Hersfeld das Unternehmen „Die Möbeltischler“ führt. Wer dem Verein beitreten will, muss nicht nur entsprechendes Engagement zeigen, sondern auch Mitglied in der Innung sein.

Ging es zu Beginn darum, möglichst auf Formaldehyd zu verzichten, kein PVC und keine Holzschutzmittel in Räumen zu verwenden, sowie Lösemittel zu vermeiden, sei das heute ohnehin üblich. Stuckardt und seine Mitstreiter versuchen, in möglichst vielen Bereichen umweltfreundlich und nachhaltig zu agieren.

Nur ein Beispiel sind der Verzicht auf Tropenholz und das Bemühen, auch Kunden davon zu überzeugen, für den neuen Wohnzimmertisch lieber Holz der heimischen Robinie statt Teakholz zu verwenden. „99 Prozent kann ich überzeugen“, schätzt Stuckardt. Ohnehin seien langlebige Produkte nachhaltiger als Möbel vom Discounter, die alle paar Jahre neu gekauft werden. Gar nicht so einfach sei hingegen die Mülltrennung. Zwar würde alles sortenrein zerlegt in Holz, Metall und Glas, um die Stoffe, wo möglich, dem Wertstoffkreis zuzuführen. Umso ärgerlicher sei es jedoch, wenn dann trotzdem alles auf einen „großen Haufen“ geworfen würde. Diesbezüglich wünscht sich Stuckardt mehr Unterstützung der Politik und der Entsorger. In der Pandemie sei nun übrigens die doppelte Menge an Pappe angefallen. Warum? „Viele Materialien sind nicht sofort lieferbar und werden einzeln verschickt“, vermutet Stuckardt.

Zu Kundenterminen fahren die Tischler mit Hybridautos, getankt wird an der eigenen E-Ladesäule und diese wird bei Sonnenschein von der Solaranlage auf dem Werkstattdach „gefüllt“. Auch dass der Erstkontakt mit Kunden seit Pandemiebeginn per Zoom stattfindet, erspart unnötige Wege mit dem Auto.

Neun Mitarbeiter, darunter zwei Auszubildende, sind in der Schreinerei Stuckardt beschäftigt. Die Zufriedenheit der Mitarbeiter und der Spaß an der Arbeit sind dem Chef ebenfalls wichtig.

Gerne dürften sich der Umweltgemeinschaft noch mehr Kollegen anschließen, Corona habe die Werbetour bei potenziellen neuen Mitgliedern jedoch gestoppt, bedauert der Vorsitzende. Zudem seien viele Betriebe derzeit mit Arbeit voll bis unters Dach, sodass kaum Zeit für solche Themen bliebe. Von einem ist Ralf Stuckardt mit Blick auf die fast 25-jährige Geschichte jedenfalls überzeugt: „Wir haben einen Vorsprung vor denen, die jetzt erst beginnen.“

Schreinerei ist Familienbetrieb: Gegründet wurde die Schreinerei Stuckardt – sozusagen im Wohnzimmer – von Ralf Stuckardts Großvater. Die Geschichte des Betriebs reicht aber wohl noch viel weiter zurück.

1906 sei der Name Stuckardt bei Renovierungsarbeiten in der Wehrdaer Kirche erstmals in Verbindung mit Schreinertätigkeiten erwähnt worden. 1921 übernahm Großvater Johannes Stuckardt die Schreinerei von den Eheleuten Hofmann. Nach seinem Tod 1960 folgte ihm sein Sohn Rudolf, Ralf Stuckardts Vater.

Ralf Stuckardt absolvierte seine Ausbildung nach dem Abitur ab 1982 im Familienbetrieb. Dass er schon vier Jahre später in die Geschäftsführung mit einsteige, war einem tragischen Unfall geschuldet. Parallel dazu besuchte er über vier Jahre die Abendschule in Bebra, 1991 folgte die Meisterprüfung. 2000 übernahm er die Schreinerei schließlich komplett und spezialisierte sich auf den Innenausbau und den Bau von hochwertigen Möbeln. Der Betrieb hat nach wie vor viele Kunden in der Region, private ebenso wie gewerbliche, mittlerweile sind der Wehrdaer und seine Mitarbeiter aber deutschlandweit unterwegs.

Von Nadine Meier-Maaz

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