Erinnern an ehemalige jüdische Mitbürger

Stolpersteine gegen das Vergessen in Rhina

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Katharina Breitkreuz, aus Rhina stammende Lehrerin, und Kurt Bolender betrachteten nach dem Gedenken nochmals die Stolpersteine (siehe auch Foto unten).

Rhina hatte bis 1938/39 eine besonders große jüdische Gemeinde. Jetzt wurden drei erste Stolpersteine verlegt, um an das Leid der ehemaligen Rhinaer zu erinnern.

Rhina – Auf Initiative von Kurt Bolender, der sich seit Jahrzehnten um die Aufarbeitung des christlich-jüdischen Zusammenlebens in Rhina kümmert, verlegte man nun im Gedenken an ehemalige jüdische Mitbürger drei erste Stolpersteine. Im Beisein von Repräsentanten der politischen Gremien der Gemeinde und der evangelischen und katholischen Kirche sowie einigen Dutzend Bürgern wurde von Schülern der Klasse G9d der Gesamtschule Obersberg unter Leitung von Katharina Breitkreutz, ihrer aus Rhina stammenden Klassenlehrerin, in szenischer Lesung das leidvolle Schicksal von Leopold, Rickchen und Selma Metzger in Erinnerung gerufen – Gunter Demnig hatte zuvor im Rahmen seines Kunstprojekts die Steine vor deren ehemaligen Wohnhaus verlegt.

Pfarrerin Dr. Ann-Cathrin Fiß führte aus, dass das Gedenken unser Herz weit machen solle: „Mögen wir über die Steine stolpern und uns erinnern!“ Eric Rohrbach, ein Rhinaer Jugendlicher, umrahmte das Gedenken mit einfühlsamem Saxophonspiel. Kurt Bolender lud schließlich noch im Dorftreff des Bürgerhauses, wo Frauen des Heimatvereins Snacks usw. vorbereitet hatten, zum Austausch ein.

Von den Nationalsozialisten ermordet: Leopold, Selma und Rickchen Metzger

Aus der Geschichte lernen, müsste doch auch einschließen, so meinten einige, neben den Opfern auch der Menschen zu gedenken, die in dieser schlimmen Zeit noch „Menschlichkeit“ gezeigt hätten. Da der politische Rahmen den destruktiven Kräften einen relativ großen Freiraum gegeben habe, hätten sich einige Rhinaer mit diesen niederen Instinkten auch ausgelebt, aber es habe eben auch ein anderes Verhalten gegeben. Zahlreiche Menschen seien zwar in die NSDAP eingetreten, um eine Arbeit zu bekommen oder zu behalten, und hätten das niederträchtige Verhalten von einigen Mitbürgern hingenommen oder sich auch selbst „dreckige Finger“ gemacht. Aber selbst, wenn man eine Parteifunktion angenommen hatte, um aus Gier „extra Pfründe“ zu bekommen oder seine skrupellose Machtgelüste ausleben zu können, hatte jeder Mensch noch einen gewissen Spielraum, sich so oder so zu verhalten, wenn auch oft nur indirekt, so hätten Gewährspersonen berichtet.

Nicht zuletzt hätte es aber auch Rhinaer gegeben, die über das niederträchtige Vorgehen gegen die jüdischen Mitbürger sehr betroffen waren und versuchten, ihnen heimlich beizustehen. Anfangs kauften sie zum Beispiel trotz Verbot noch durch die Hintertür bei den jüdischen Mitbürgern ein, später unterstützten sie diese unter anderem, indem sie nachts Lebensmittel und andere benötigte Dinge an den Zaun hängten.

Und allein ein freundlich zuwendender Blick über die Straße hinweg mag den Bedrängten viel bedeutet haben, als ein Aufeinanderzugehen verboten war.

Wie man sich mit gewisser Traute in direkter oder indirekter Weise nicht gleich der Barbarei beugte, sondern nach seinem Gewissen lebte und mit direkten oder indirekten Möglichkeiten sich noch mit „Menschlichkeit“ bewährte, das könnte, ja sollte man doch auch aus der Geschichte lernen. Die Stolpersteine können jedenfalls ein Beitrag gegen das Vergessen und eine Mahnung zur Menschlichkeit sein.

Von Brunhilde Miehe

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