Interview

„Leben in Ortskerne bringen“: Naturschützer Karl-Heinz Humburg über den Flächenverbrauch

Will statt Neubauten am Rand die Ortskerne beleben: Karl-Heinz Humburg lebt in einem alten Fachwerkhaus im Haunetaler Ortsteil Neukirchen.
+
Will statt Neubauten am Rand die Ortskerne beleben: Karl-Heinz Humburg lebt in einem alten Fachwerkhaus im Haunetaler Ortsteil Neukirchen.

Karl-Heinz Humburg von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) spricht im Interview über den Flächenverbrauch im Kreis Hersfeld-Rotenburg und seine Folgen.

Hersfeld-Rotenburg – 56 Hektar Land – umgerechnet 79 Fußballfelder – werden laut Bundesumweltministerium in Deutschland täglich in Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen umgewandelt. Über den Flächenverbrauch im Kreis und seine Folgen sprachen wir mit Karl-Heinz Humburg, Leiter des Arbeitskreises Hersfeld-Rotenburg der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON).

Sie haben kürzlich die Pläne für ein 81 Hektar großes Gewerbegebiet im Wald bei Schenklengsfeld und neue Logistikhallen an der Autobahn als „erschreckend“ bezeichnet. Was ist daran so problematisch?
Die Flächenversiegelung ist ein mindestens so großes Problem wie die Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten. Die landwirtschaftliche Fläche nimmt ab und beträgt bundesweit gerade noch 50 Prozent. Siedlungs-, Verkehrs- und Gewerbefläche nehmen zu. Die so zersiedelte Landschaft, wie wir sie im Umfeld der Großstädte kennen, ist in den vergangenen 30 Jahren auch mehr und mehr bei uns zu finden. Die Frage ist, welchen Nutzen solche Projekte tatsächlich haben. Im Industriepark Mecklar-Meckbach etwa ist in 40 Jahren erstaunlich wenig passiert. Neben DHL wurden dort riesige Flächen versiegelt, wo lediglich Autos abgestellt werden. Die Zahl der entstandenen Arbeitsplätze hält sich dabei sicherlich in engen Grenzen.
Der Schenklengsfelder Bürgermeister argumentiert, dass der Wald ohnehin stark geschädigt ist und auch anderswo aufgeforstet werden könnte.
Die Frage ist: Wo soll die Fläche dafür herkommen? Wir haben nur etwa 1000 Quadratkilometer Fläche im Landkreis. Die lassen sich nicht vermehren. Damit müssen wir nachhaltig umgehen.
Landwirte beklagen einen doppelten Flächenverlust, weil neben dem Bauplatz selbst weitere Nutzfläche für naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahmen verloren geht. Müsste zum Ausgleich nicht eigentlich neues Ackerland geschaffen werden?
Ich bin grundsätzlich dagegen, für Ausgleichsmaßnahmen hochwertiges Ackerland in Anspruch zu nehmen. Dafür bieten sich landwirtschaftliche Grenzertragsstandorte an, die seit 15 Jahren keinen Schlepper mehr gesehen haben. Auch bei Ausgleichsmaßnahmen an Fließgewässern, etwa Fischtreppen oder linienhafte Uferstreifen auf meist öffentlichem Eigentum, ist der Verlust an Ackerland gleich null. 
Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen sind Standortfaktoren. Kann sich die Region überhaupt weiterentwickeln, ohne Fläche zu verbrauchen?
Corona zeigt, dass stetiges Wachstum zwangsläufig in die Katastrophe führt. Natürliche Systeme streben ein Gleichgewicht an. Lasst uns für die nächsten 30 Jahre Gewerbegebiete festlegen. Dann muss die Netto-Nulllösung gelten. Das heißt, für jeden Quadratmeter, der versiegelt wird, muss anderenorts ein zubetonierter Quadratmeter entsiegelt werden. Also eine Art Gebäude- und Flächenrecycling. Wenn man politische Rahmenbedingungen setzt, ist die Kreativität der Unternehmen sicherlich vorhanden, um diese Aufgabe zu lösen. Es handelt sich ja ohnehin meist um Leichtbauhallen, die relativ schnell wieder abzubauen sind. 
HGON und Nabu kritisieren auch den Flächenverbrauch der geplanten ICE-Trasse. Ist die Verkehrswende und damit der Ausbau des Bahnverkehrs nicht eigentlich eine Kernforderung der Umweltschützer?
Ich persönlich bin sehr für die neue Trasse. Die Frage ist allerdings, welche Variante man nimmt. Der Eingriff in die Landschaft ist bei der kürzesten Strecke am geringsten. Ich halte es für naiv, eine Tunnel-Lösung vom Fuldaer Raum bis kurz vor den Bahnhof Bad Hersfeld und von Friedlos bis zur Grenze zu Thüringen zu fordern. Niemand macht sich Gedanken über den Erdaushub und die Gesteinsmengen. Sollen die, wie in den 70er Jahren, in Feuchtgebiete gekippt oder der Obersberg um 100 Meter aufgeschüttet werden? Da fehlt jegliche Vorstellung.
Ein ähnliches Dilemma gibt es bei der Windkraft: Klimaschützer fordern den Ausbau, Naturschützer gehen aus Sorge um bedrohte Arten auf die Barrikaden.
Auch das ist ein echter Problempunkt, der von manchen Umweltschützern gerne unter den Teppich gekehrt wird. Gerade hier im Landkreis sind überall Windkraftanlagen ohne jegliche übergeordnete Planung installiert worden und weitere sollen folgen. Dadurch werden bisher abgelegene Waldgebiete zerstückelt und seltene Tierarten gestört und durch die Rotorblätter getötet. Landesweit fällt die Konzentration im Kreis Hersfeld-Rotenburg auf. Auf dem Taunuskamm und rund ums Kasseler Becken stehen relativ wenige Windräder. Vielleicht, weil dort eine relativ große Bevölkerung ist und eine Initiative gegen Windkraft relativ schnell wahlentscheidend wäre?
Durch den Flächenverbrauch ist auch das Einfamilienhaus im Grünen in Verruf geraten. Was wäre die Alternative – Hochhäuser auch in den Dörfern?
Hier in Haunetal wurde im Zuge des Integrierten Kommunalen Entwicklungskonzepts ein Leerstands-Kataster erstellt, das in den 15 Dörfern insgesamt 81 leer stehende Häuser aufzählt. Anderswo ist die Situation ähnlich. Es gilt also erst mal, Leben in die Ortskerne zu bringen. Da sind Kreativität und Unterstützung gefragt, um an Zuschüsse zu kommen. Wenn wir neben den leer stehenden Wohnhäusern auch die Nebengebäude kreativ nutzen und offene Flächen dazwischen bebaut werden, sehe ich bei einer in Summe sinkenden Bevölkerungszahl keine Notwendigkeit, wie in den 1970er Jahren riesige Neubaugebiete auszuweisen.
Nachverdichtung statt Landschaftszerstörung – sind damit nicht auch wertvolle Grünflächen in den Siedlungen in Gefahr?
Ja, bei den Grünflächen ist das so. Wo beispielsweise, wie hier in Neukirchen, der historische Obstbaumgürtel um die Dörfer noch erhalten ist, sollten große Teile davon bei der Nachverdichtung ausgespart werden. In vielen Orten sind diese Grüngürtel aber längst weg, da stellt sich das Problem nicht mehr. 
Gemeinsam mit dem Nabu haben Sie ein Bündnis von Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz, Politik, Wirtschaft, Tourismus und Bevölkerung angeregt. Sind die Interessen dieser Gruppen nicht viel zu unterschiedlich?
Man muss erst einmal ins Gespräch kommen. Das ist wichtiger, als übereinander zu reden. Ich habe da gute Erfahrungen gemacht. Wir haben zum Beispiel gemeinsam mit dem Kreisbauernverband 20 Nistkästen für Turmfalken installiert und Fortbildungen zum richtigen Rückschnitt von Feldhecken angeboten. Auch ein Landschaftspflegeverband soll aufgebaut werden. Ich sehe noch viel mehr Möglichkeiten, auch für die Kooperation mit Firmen. Man muss nur die Kontakte pflegen und darf auch Konflikte nicht scheuen.
Was kann jeder Einzelne im Alltag gegen den Flächenfraß tun?
Der Einzelne hat da wenig Einfluss. Er kann aber auf seinem eigenen Grundstück dafür sorgen, dass möglichst viel Fläche mit dem Grundwasser in Verbindung bleibt und naturnah gestaltet ist.

Zur Person

Karl-Heinz Humburg (66) ist in der Nähe von Kassel aufgewachsen. Er war 37 Jahre lang Lehrer für Biologie und Chemie an der Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld. Seit vier Jahren ist Humburg pensioniert, kümmert sich jedoch für die Schule noch um die Umwelt- und Imker-Arbeitsgemeinschaft sowie die Integration von Naturschutzprojekten in den Unterricht. Der 66-Jährige ist Leiter des Arbeitskreises Hersfeld-Rotenburg der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) und Mitglied im Kreisnaturschutzbeirat. Zudem ist er im Denkmalschutzbeirat des Kreises aktiv. Karl-Heinz Humburg ist geschieden und hat zwei erwachsene Söhne. Er lebt in einem alten Fachwerkbauernhof im Haunetaler Ortsteil Neukirchen. jce

Interview: Jan-Christoph Eisenberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare