Alle paar Jahre ein Neuanfang

Klaus Wille stammt aus Holzheim und ist vor 45 Jahren nach Kanada ausgewandert

Viel herumgekommen: Klaus Wille (rechts) ist vor 45 Jahren mit seiner Familie nach Kanada ausgewandert und bis heute überzeugt, dass die Entscheidung richtig war. In Holzheim besuchte er jetzt seine Cousine Elfriede und ihren Mann Günter Waap und zeigt ihnen auf der Landkarte, wo überall in Kanada er schon gelebt und gearbeitet hat.  

Haunetal. Immer wieder neu anfangen, damit hat Klaus Wille aus Holzheim in den vergangenen 45 Jahren in seiner Wahlheimat Kanada reichlich Erfahrung gesammelt.

Im Oktober 1973 beschloss er, mit seiner Frau Renate und den Kindern Kurt (2 Jahre) und Björn (1 Jahr) die heimatliche Landwirtschaft in Holzheim zu verlassen und nach Kanada auszuwandern.

Er habe keine Perspektiven mehr gesehen, erklärt er. Und ist bis heute überzeugt, dass die damalige Entscheidung richtig war. Anteil daran hatte sicherlich Thomas Hess, ein guter Freund, der in Manitoba, einer Provinz in der Mitte Kanadas lebte und dort gerade ein Einwanderungsbüro eingerichtet hatte. „Wir waren wohl seine ersten Kunden“, sagt Wille.

Hess besorgte ihm einen Arbeitsplatz auf einer Milchfarm bei The Pas, 600 Kilometer nördlich von Winnipeg. „Das Leben war karg“, erinnert sich Wille. Er verdiente 300 Dollar im Monat und hatte einen freien Tag. Englisch konnte er kaum. Gelernt habe er die Sprache durch den Umgang mit den Menschen vor Ort, durchs Fernsehen und Magazine, erzählt er. Seine Frau Renate kam mit ihrem Schulenglisch einigermaßen zurecht.

Nach etwa acht Monaten hatte Klaus Wille genug Englisch gelernt, um sich zu verständigen. Er suchte sich einen neuen Arbeitsplatz und fand ihn als Raupenschlepperfahrer in einem Holzfäller-Camp in Conlin Lake. Renate Wille arbeitete in der Camp-Küche.

Klaus Wille bildete sich weiter und absolvierte eine Ausbildung als Schwermaschinenschlosser. „Das Leben war einfach, aber gut“, erzählt Wille. Nach ein paar Jahren gingen die Kinder in die Schule. Im Sommer fischte er auf dem See – Hecht und Zander – im Winter ging er auf die Elchjagd. „Zander und Elch waren unsere Hauptnahrungsmittel.“

Als das Camp 1983 aufgelöst wurde, suchte er sich einen neuen Arbeitsplatz und eine neue Bleibe für seine Familie, diesmal in Lethbridge im Süden Albertas. Bei einer großen Düngemittelverkaufsstelle fing er als Schlosser an, ein Jahr später war er Werkstattleiter. Seine Frau fand eine Stelle als Verkäuferin und Beraterin in einem Handarbeitsfachgeschäft. An den Wochenenden fuhr die Familie so oft wie möglich in die Rocky Mountains zum Campen, Wandern, Fischen und Jagen.

Doch auch hier konnte Klaus Wille nicht lange bleiben. 1988 wurde die Firma verkauft. Eine neue Arbeitsstelle fand er in der Bergarbeiterstadt Thompson in Zentralmanitoba, 2500 Kilometer entfernt. Von hier aus war Wille viel unterwegs. Er reiste zu Lehrgängen in die USA und war in den Indianerreservaten im Norden Manitobas, an der Hudson Bay im Einsatz. Ab 1990 war er auch oft ganz im Norden Kanads, in den Northwest-Territories, unterwegs. „Im Norden Kanadas hat jede kleine Siedlung ein kleines Kraftwerk, in dem Strom mit Dieselmotoren erzeugt wird“, erläutert Wille. Wenn da etwas kaputt ging, war er derjenige, der es reparieren musste.

Auch Renate Wille fand einen neuen Job, als Verkäuferin und Buchhalterin in einem Möbelgeschäft.

Klaus Wille vermisst nur alte Freunde

Im Jahr 1992 erhielt Klaus Willes Firma den Auftrag, Stromaggregate für das Radarwarnsystem im Norden Kanadas zu installieren, zu warten und zu reparieren. Es bestand die Sorge, dass Kanada und die USA über den Nordpol hinweg angegriffen werden könnten. Nun war Klaus Wille regelmäßig im Gebiet zwischen Alaska und Neufundland über tausende von Kilometern unterwegs. Einige Jahre später wurde er in die Northwest-Territories versetzt. Seine Familie blieb jedoch in Thompson. Als dann die Jungs zum Studium nach Winnipeg gingen, wollte Renate Wille nicht alleine in Thompson bleiben. Sie zog zurück nach Deutschland und arbeitete für die Lufthansa in Kassel. Die Familie pendelte für einige Jahre zwischen Deutschland und Kanada. 1999 war dann das schlimmste Jahr im Leben der Willes. Klaus Wille kommen die Tränen, wenn er davon erzählt, wie sein Sohn Björn mit 26 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. „Selbst nach 20 Jahren bin ich noch nicht darüber hinweggekommen“, sagt er. Er konnte erst einmal nicht mehr arbeiten und beschloss, den hohen Norden zu verlassen. Er fürchtete, das Leben dort mit der anderen Kultur, der ständigen Helligkeit im Sommer und der ständigen Dunkelheit im Winter nicht mehr verkraften zu können. Er zog zunächst nach Winnipeg zu seinem Sohn Kurt. In seiner Firma hatte er sich so unentbehrlich gemacht, dass er trotz seiner langen Abwesenheit weiterbeschäftigt wurde. Im Dezember wurde er nach Swan River in den Süden Manitobas versetzt. Hier hatte er Freunde, die er bei einem früheren Job kennengelernt hatte. 2002 wagte Klaus Wille nach einem Eigentümerwechsel seines Unternehmens den Schritt in die Selbstständigkeit. Mit einer mobilen Werkstatt war er unterwegs, um große Maschinen zu reparieren. Zudem kümmerte er sich nach wie vor im Auftrag des Verteidigungsministeriums um die Radarstationen in Norden. 2005 kehrte Renate Wille zurück nach Kanada. Die Willes kauften ein großes Grundstück in Swan River, auf dem sie sie ihr Haus errichteten. Sohn Kurt arbeitet für eine Tiefbaufirma in Thompson. Besuche in der Heimat stehen bei den Willes alle zwei bis drei Jahre auf dem Programm und auch die deutsche Verwandtschaft fliegt gerne nach Kanada. Kontakt halten die Willes mit Freunden und Verwandten über Telefon oder WhatsApp. Früher wurden Briefe geschrieben. Gut einen Monat war Klaus Wille jetzt auf Heimatbesuch. Um möglichst viele Menschen zu sehen, hat er sich diesmal eine Liste gemacht. „Ich hab alles geschafft“, freut er sich. Gibt es etwas, was Klaus Wille in Kanada vermisst? „Höchstens die alten Schulkameraden“, sagt er. Brot, sonst ein Problem für Deutsche in Nordamerika, bäckt seine Frau Renate selber.

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