Produkte aus Neukirchen fanden einst reißenden Absatz

Holzschlitten aus dem Haunetal in Handarbeit

Man fuhr „Benz“: Wie hier in den 60er-Jahren in der Eisfelder Hohle in Schlotzau. Mit drei aneinander gebundenen Schlitten ging es mit Karacho bergab.
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Man fuhr „Benz“: Wie hier in den 60er-Jahren in der Eisfelder Hohle in Schlotzau. Mit drei aneinander gebundenen Schlitten ging es mit Karacho bergab.

Tausende Schlitten fertigte die Neukirchener Holzwarenfabrik Friedrich Trott & Co. Vom Haunetal aus traten sie mit dem eingebrannten Schriftzug „Davos“ weite Versandwege an.

Haunetal - Das schönste Geschenk für den am 18. Dezember 1891 geborenen Friedrich Trott sei es gewesen, wenn es an seinem Geburtstag geschneit habe, erinnert sich heute noch sein Enkel Valentin Lotz in Rhina. Denn da holten Kinder Schlitten von Hausböden und aus Kellern und machten sich auf zu ihren Pisten, auf denen zumeist reges Treiben herrschte.

Da wurden Sprungschanzen gebaut, die einen Schlitten mehrere Meter weit „katapultierten“, oder man fuhr „Benz“, auf dem mehrere Kinder an aneinandergebundenen Schlitten bergab sausten. Von mit Tausalz bestreuten Dorfstraßen war bis in die sechziger Jahre vielerorts keine Rede. Es herrschte kaum Autoverkehr. So fuhren Kinder etwa über hunderte von Metern vom höchstgelegenen Gehöft mit dem Schlitten bis zu ihrer Schule.

Eine Erwerbsmöglichkeit durch den Verkauf von aus Holz gefertigten Rodelschlitten (Kunststoff war seinerzeit nicht vorhanden) erkannte der am Fuße des Stoppelsberges lebende Malermeister Heinrich Trott sehr früh, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Gesellen und Lehrlingen fertigte er in den Wintermonaten Heurechen und Rodelschlitten in Handarbeit. Eine willkomene Erwerbsquelle, da zu dieser Jahreszeit die Auftragslage für Anstreicher verebbte.

Rodelschlitten zu bauen entpuppte sich als eine gute Idee. Und da sich die Auftragslage verbesserte und die bisherigen Räumlichkeiten nicht mehr ausreichten, kaufte Trott 1927 das Wohnhaus des Neukirchener Schusters Reidelbach an der Hauptstraße und baute eine Fabrikationsstätte an.

Der Rodelschlittenbau entwickelte sich sehr gut, rund 20 Mitarbeiter arbeiteten zeitweise Tag und Nacht. Der Betrieb stellte zusätzliche Saisonarbeitskräfte ein, um große Wagenladungen von 500 bis 1000 Schlitten zu versenden.

1936 allerdings vernichtete ein Feuer die gesamte Holzwarenfabrik samt Maschinen und Warenvorräten. Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten dann vorwiegend Frauen in dem Betrieb. Neben Heurechen und Rodelschlitten wurden Munitionskästen angefertigt.

In den Kriegswirren verloren Friedrich Trott und seine Frau Martha zwei ihrer Kinder. Der einzige Sohn und Geschäftsnachfolger kehrte nicht mehr zurück. Eine der vier Töchter, Fahrdienstleiterin bei der Reichsbahn am Hünfelder Bahnhof, kam beim Bombenangriff am 21. November 1944 mit drei weiteren jungen Frauen aus Neukirchen ums Leben.

Später und infolge der innerdeutschen Grenzziehung wurden die Geschäftsbeziehungen nach Thüringen gekappt, einem ihrer Hauptabsatzgebiete. Um 1946 entschied sich Friedrich Trott dazu, auch Kinderbetten zu bauen. Nach 1954 erweiterte er gemeinsam mit seiner Tochter Elfriede und deren Ehemann Dankwart Hermann die Produktionspalette auf dem Gebiet des Kinder- und Gartenklappmöbelbaus.

Bei einem nochmaligen Großfeuer im Jahr 1968 wurde erneut die Werkhalle zerstört. Auch sie baute man wieder auf. Auf dem Holzlagerplatz entstand zudem ein eigenes Sägewerk für Rundhölzer. Jährlich verarbeitete die Firma rund 1500 Festmeter Buchenenstammholz, die sie für ihre Produktionen benötigte. Zehn festangestellte Arbeitnehmer, besonders aus dem Haunetal, aber auch aus Burghaun und dem Kiebitzgrund, standen hier in Lohn.

Doch große Möbelhäuser verlagerten ihre Einkäufe im Laufe der Zeit immer mehr in Billiglohnländer, was mit dazu führte, das die Holzwarenfabrik Friedrich Trott & Co. 1975 schließlich ihren Betrieb einstellte.

Von Karl-Heinz Burkhardt

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