Abschaltzeiten für Fledermaus

Gesellschafter stoßen auf Bürgerwindrad bei Wehrda an

Ein Prosit auf das Bürgerwindrad bei Wehrda: Haunetals Bürgermeister Timo Lübeck (links) und Erich Wust, Gründer und Geschäftsführer von „Wust – Wind & Sonne“.
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Ein Prosit auf das Bürgerwindrad bei Wehrda: Haunetals Bürgermeister Timo Lübeck (links) und Erich Wust, Gründer und Geschäftsführer von „Wust – Wind & Sonne“.

Gut 3800 Haushalte soll das Ende Juni in Betrieb genommene Haunetaler Bürgerwindrad übers Jahr mit Ökostrom versorgen und rund 300 000 Euro kalkulierte Gewerbesteuer in die Gemeindekasse spülen.

Wehrda - Zu einer offiziellen Einweihungsfeier waren die Gesellschafter, Vertreter der Kommune und des Landkreises, der beteiligten Firmen sowie weitere Gäste jetzt direkt unter den laufenden Rotoren im Privatwald etwa zwei Kilometer südlich von Wehrda eingeladen. Das Bürgerwindrad ist eine von vier Anlagen, die die Firma Juwi aus Wörrstadt als Projektierer hat errichten lassen. Die anderen drei wurden an die in Hamburg ansässige CEE Group verkauft, die mit „institutionellen Investoren“ einen anderen Weg beschreitet. Von den 120 Anteilseignern des Bürgerwindrads stamme gut die Hälfte aus Haunetal und Umgebung, die restlichen Beteiligten kommen laut Geschäftsführer Erich Wust überwiegend aus Franken, dem Firmensitz von „Wust – Wind & Sonne“. Mit der GmbH & Co. KG hat Juwi bereits einige Bürgerwindprojekte realisiert.

Die 120 Gesellschafter hätten rund 20 Prozent der Investitionssumme von insgesamt 10,26 Millionen Euro aufgebracht und dürften somit zu Recht von „ihrem“ Windrad sprechen. Neben Privatleuten beziehungsweise Familien, sind darunter laut Wust auch „Energieaktivisten“ wie die Waldhessische Energiegenossenschaft oder die Bürgerenergie Hersfeld. Bei der Feier konnten die Gäste jetzt auch einen Blick ins Innere des Bauwerks werfen, zumindest in den Fuß der Anlage.

Auf die lange Historie verwies nicht nur Christian Arnold von Juwi, die bereits 350 Anlagen im Wald realisiert hätten. 2016 wurde der Antrag für die Genehmigung vorbereitet, 2017 wurde dieser eingereicht und 2018 noch mal angepasst. Im Oktober 2019 erhielt der Projektierer schließlich die Genehmigung, im Februar 2020 wurde mit den ersten Rodungen begonnen und im Mai 2021 konnten die Bauarbeiten abgeschlossen werden. Erich Wust betrachtete das langwierige Verfahren positiv: Mit der fortgeschrittenen Technik habe man nun immerhin die modernste „Mühle“. Dass es die ersten Gespräche mit Juwi schon vor 14 Jahren gab, berichtete Grundeigentümer Deuthold von Gaudecker, der sich von Kritik nicht hat beirren lassen: „Wir müssen etwas tun, um das Kohlendioxid zu reduzieren.“ 30 Jahre könne die Anlage laut Wust betrieben werden, mit der Option eines „Repowerings“.

„Solche Anlagen sind überall hochumstritten, umso besser, wenn eine Beteiligung vor Ort möglich ist“, betonte Haunetals Bürgermeister Timo Lübeck, zudem trügen Transparenz und Information zur Akzeptanz bei, was mit Juwi bisher gut funktioniert habe. „Ihnen ist geglückt, was ich nicht hinbekommen habe“, sagte Ludwigsaus Ex-Bürgermeister Thomas Baumann mit Blick auf die Wertschöpfung vor Ort, der als Beigeordneter den Landkreis Hersfeld-Rotenburg vertrat. „Das ist der richtige Weg, um die Energiewende auf den Weg zu bringen.“

Das Vorhaben bedroht hatte zwischenzeitlich die Mopsfledermaus. Wegen der Tiere muss das Windrad nun zwischen 1. April und 3. Oktober eine Stunde vor Sonnenunter- und eine Stunde nach Sonnenaufgang bei Windgeschwindigkeiten von weniger als sechs Metern pro Sekunde abgeschaltet werden. Mithilfe von spezieller Technik soll das Verhalten über zwei Jahre analysiert werden. „Die Anlage ist gläsern“, sagt Wust.

Das ist die Technik: Bei der Anlage handelt es sich um den Typ Vestas V150/4.2 mit einer Nennleistung von 4,2 Megawatt – laut Betreiber eine der derzeit weltweit größten Serienwindkraftanlagen. Sie steht in 405 Metern Höhe. Der aus mehreren Stahlsegmenten bestehende Turm auf dem Fundament aus Stahlbeton hat im Innern einen Aufzug. Das Herz der Anlage befindet sich auf einer Nabenhöhe von 166 Metern. Die drei Rotorblätter haben einen Durchmesser von 150 Metern und sollen jährlich 13,5 Millionen Kilowattstunden Windenergie „ernten“. Der erzeugte Strom wird mittels Erdverkabelung im Umspannwerk Gruben ins Netz der OsthessenNetz GmbH eingespeist. Die Direktvermarktung organisiert „RegioGrünStrom“.

Von Nadine Meier-Maaz

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