Interview

Netflix-Serie „Skylines“: Edin Hasanovic über die guten Seiten der Gangster-Rapper

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„Ich habe das Gefühl, dass eine Generation heranwächst, die im guten Sinne kämpferisch ist“, sagt Edin Hasanovic. 

Edin Hasanovic spielt den Protagonisten der in Frankfurt gedrehten Netflix-Serie „Skylines“. Ein Gespräch über politische Statements und die guten Seiten der Gangster-Rapper.

Egal, was Edin Hasanovic spielt, er macht es eindrucksvoll. Ob in dem viel gelobten ARD-Zweiteiler „Brüder“ als deutscher IS-Kämpfer, als Neonazi in der mit einem „Emmy“ ausgezeichneten Serie „Familie Braun“ oder wie kürzlich als Protagonist in der Kino-Komödie „Rate Your Date“. Von diesem Freitag an ist der 27-jährige Berliner mit bosnischen Wurzeln als Hauptdarsteller der ersten in Frankfurt gedrehten Netflix-Serie zu sehen. 

„Skylines“ auf Netflix: Edin Hasanovic als Protagonist

Die Netflix-Crime-Drama-Serie „Skylines“ handelt von der Hip-Hop-, Drogen- und Immobilienszene. Er mimt den talentierten Hip-Hop-Produzenten Jinn, der die vermeintliche Chance seines Lebens erhält, als er bei Skyline Records unterschreibt. Warum diese Serie nicht nur etwas für Fans von Crime und Rap ist, und warum er es wichtig findet, sich auch als Schauspieler gegen die AfD zu positionieren, erzählt er im Interview.

In wenigen Tagen wird die Serie „Skylines“ weltweit auf Netflix zu sehen sein. Also von Kasachstan bis Uruguay können Menschen die neue Crime-Drama-Serie einschalten. Wie fühlt sich das eigentlich für Sie als Hauptdarsteller an, Herr Hasanovic? 
Am Set habe ich versucht, diese Dimension wegzudrücken. Also dieses Bewusstsein, dass es 151 Millionen Menschen in 190 Ländern sind, die „Skylines“ gleichzeitig gucken und sich weltweit über die Serie austauschen können. Das wird mir jetzt kurz vor Serienstart aber immer klarer. Es ist einerseits eine große Ehre für mich als Schauspieler, gleichzeitig versuche ich, mich von der Vorstellung nicht erdrücken zu lassen.

„Skylines“ spielt in der Welt von Gangster-Rappern. Mögen Sie Deutsch-Rap? 
Wenn mir eine Melodie oder ein Beat gefällt, dann höre ich das genreübergreifend. Rap hat sich aber verändert: von dem Sprachrohr, das er mal war, das gesellschaftliche Themen behandelte, hin zu mainstreamigen Melodien, die mich auch mal im Auto mitnehmen. Ich darf nur bei den Texten nicht genauer hinhören, denn einige der Inhalte sehe ich sehr kritisch. Viele Rapper verkaufen die Fantasie von Potenz und Macht. Sie rappen über die verschiedenen Farben ihrer Scheine, Drogen oder ihr Handyladekabel. Ihre Zielgruppe sind junge Menschen, die nach Vorbildern suchen. Deswegen würde ich manchmal gerne die Drogen mit den Worten „Abitur“ und „Studium“ austauschen. Aber natürlich gibt es auch positive Beispiele in der Rap-Welt. Bei Rapper Kontra K gibt es beispielsweise den Song „Erfolg ist kein Glück“. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich den ganzen Songtext auf den Körper haben tätowieren lassen, und das zu Recht. Der Text ist der absolute Wahnsinn.

„Skylines“ auf Netflix: Protagonist in Frankfurt geht über Leichen

Eine Frankfurter Plattenfirma hatte im Vorfeld angekündigt, die Ausstrahlung von „Skylines“ verhindern zu wollen. Laut dem Labelinhaber und Frankfurter Rapper Jan Lehmann alias „Cousin JMF“ verstoße Netflix gegen Markenrechte. Denn das in der Serie fiktive Label Skyline Records gibt es wirklich. Zudem gäbe es Parallelen zu dem Leben des Rappers. Der Anwalt des Rappers hatte eine Unterlassungserklärung an Netflix geschickt. Laut einem offiziellen Statement von Netflix habe man auf den Brief des Anwalts geantwortet und der Gegenseite mitgeteilt, dass man ihre Ansprüche zurückweise, da diese unbegründet seien. Der Rapper selbst sagte dem Onlineportal „Merkurist Frankfurt“ Anfang der Woche, dass er nun gemeinsam mit seinem Anwalt entschieden habe, den Start der Serie abzuwarten und gezielt zu schauen, wo es weitere Parallelen gebe.

In der Serie spielen Sie den Musikproduzenten Jinn. In der ersten Folge scheint er noch jemand zu sein, dem Moral und Freundschaft wichtig sind. Aber dann entscheidet er sich gegen seinen Kumpel und Rap-Kollegen Momo und unterzeichnet beim erfolgreichsten deutschen Rap-Label „Skyline Records“, um Karriere zu machen. Wie würden Sie Jinn beschreiben, und was hat Sie an der Rolle gereizt? 
Jinn ist so überzeugt von seinem Talent und geht dafür auch über Leichen. Das ist etwas, was ziemlich weit weg von mir selbst ist, und gerade deswegen hat es mich sehr gereizt, diese Rolle zu spielen. Also, dass man eben keinen typischen Helden darstellt, der alles richtig macht. Denn Menschen sind auch im echten Leben nie nur böse oder nur gut. Sobald eine Rolle eindimensional ist, interessiert sie mich nicht. Bei „Skylines“ kann man als Zuschauer, selbst wenn man nie mit Rap, Finanzen und Drogen in Kontakt getreten ist, sich mit dem inneren Kampf der Charaktere auseinandersetzten. Denn es geht in der Serie um Werte und moralische Herausforderungen, denen sich jeder Mensch im Leben ausgesetzt fühlt. Es gibt zudem für mich keine schönere Vorstellung, als wenn sich ein Paar zusammen zu Hause vor den Fernseher setzt und die Meinungen über den Seriencharakter komplett auseinandergehen.

Es ist die erste Netflix-Serie, die in Frankfurt spielt. Finden Sie, dass Frankfurt besser als Berlin als Drehort dient und, wenn ja, warum?
Es gibt keine Stadt in Deutschland, deren DNA besser zur Serie passt. Frankfurt ist die Stadt des Geldes, der Drogen und des Straßen-Raps. Es ist die einzige Stadt mit einer Skyline, die EZB sitzt dort. Oben werden Millionen hin- und hergeschoben, und im Schatten der Finanztürme werden Drogen verkauft, und Prostituierte verdienen ihr Geld. In Frankfurt geht es irgendwo immer ums Geschäft, deswegen ist die Stadt prädestiniert für unsere Serie.

„Skylines“ auf Netflix: Rapper „authentisch und fähig“

Bei „Skylines“ spielen auch einige bekannte Rapper mit: von Azad bis Olexesh. Wie war es, mit ihnen zu arbeiten? Gab es auch Nachteile, weil es keine professionellen Schauspielkollegen waren?
Bei diesen Jungs kann ich nur von Vorteilen sprechen. Sie waren authentisch und fähig. Das ist nicht einfach: Man muss sich all die Kameras, die 50 Leute am Set wegdenken und dabei nicht artifiziell wirken. Für mich als Schauspieler war es total spannend, weil die Rapper auch mal was sagten, was so nicht im Drehbuch stand, und ich dann spontan darauf reagieren musste. Es gab diesen einen Moment, der für mich selbst unangenehm war. Ich spiele einen Musikproduzenten aus ihren Reihen. In einer der ersten Szenen stehen ein paar der Rapper hinter mir, und ich haue in die Maschine rein, da habe ich mich sehr geschämt. Denn ich dachte: „Sie sehen gleich jeden Fehler.“ Aber sie sind alle sehr gnädig mit mir umgegangen. Ich hoffe, dass ich ihrem Image jetzt nicht schade, wenn ich sage, dass sie unfassbar feine, nette Typen sind.

Sind Sie eigentlich auch zusammen nach Drehschluss feiern gegangen? 
Nein, denn ich bin beim Drehen immer sehr fokussiert. Ich nehme kaum mein Surrounding, die Stadt wahr, in der ich drehe. Außerdem bin ich auch nicht so der Partytyp.

Ein paar Fragen zu Ihren Anfängen. Sie sagten in einem Interview, dass in jedem Ihrer Zeugnisse stand: „Edin spielt und tanzt sehr gerne.“ Hat Ihre Familie ihr Talent gleich erkannt? Und haben Sie das Künstler-Gen geerbt?
Ich habe schon als Dreijähriger angefangen, Leute nachzumachen. Das wurde auch schon immer von meiner Familie wahr-, aber eben nicht so ernst genommen. Sie sahen das eher so als ein Hobby an. Ich bin der einzige Künstler in meiner Familie. Dann wollte ich mit 13 in eine Schauspielagentur und wurde da auch hingebracht und gleich aufgenommen.

Netflix-Serie „Skylines“: „Oma fragt, wann ich was Ernsthaftes mache“

Wenige Wochen später hatten Sie bereits Ihr erstes Engagement beim Berliner Ensemble und spielten in Thomas Langhoffs Theaterinszenierung von Botho Strauß’ „Die Schändung“ mit und erhielten bald eine Rolle als halbwüchsiger Bosnien-Flüchtling in der ZDF-Serie „KDD – Kriminaldauerdienst“ … 

Ja, ich drehte bereits als Schüler meine ersten Sachen. So richtig konkret wurde es dann aber bei mir erst nach dem Abitur, als die Frage in der Familie aufkam: „Was studierst du jetzt eigentlich?“ Da ging bei mir aber parallel beruflich schon die Lutzi ab. Es kamen die ersten Preise und Nominierungen, hätte ich da drei Jahre studiert und wäre von der Bildfläche verschwunden, wäre ich raus gewesen. Also entschied ich mich gegen ein Studium. Mittlerweile hat meine Familie meinen Beruf akzeptiert und findet es auch gut, was ich mache. Nur meine Oma in Bosnien fragt heute noch, wann ich denn mal was Ernsthaftes mache. ( lacht)

Verfolgt Ihre Oma in Bosnien Ihre Karriere und wird sie „Skylines“ sehen? 
Sie schaut sich nicht alles an. Aber ich weiß, dass sie sich die Preisverleihung der Goldenen Kamera 2016, als ich als „Bester Nachwuchsdarsteller“ ausgezeichnet wurde, angesehen hat. Das ganze Dorf hatte sich bei ihr zu Hause versammelt, um sie zu beglückwünschen. Ich bezweifele aber, dass meine Oma auf dem Dorf in Bosnien Netflix hat ( lacht). Aber es reicht, wenn meine Oma weiß, dass ich gesund bin und es mir gut geht. Der Rest spielt keine Rolle.

Bei der Goldenen Kamera hielten Sie eine sehr emotionale Rede. Sie erzählten über Ihre eigene Familiengeschichte. Ihre Mutter floh mit Ihnen als Säugling 1992 aus Bosnien. Ihr Vater gilt bis heute als verschollen. Warum war Ihnen das wichtig, die Geschichte dort zu erzählen?  
2016 war die Zeit, in der das Thema der Flüchtlingskrise hochkam. Ich hatte das Gefühl, dass es da gut war, dass ich als junges Vorbild fungiere. Einmal für die Flüchtlinge, die gerade kommen, denen ich zeigen wollte: Wenn Ihr hier Gas gebt und Euch anpasst, kann alles gut werden. Und ich wollte auf der anderen Seite den Leuten, die nicht so positiv gestimmt sind, was Flüchtlinge angeht, zeigen: Wenn wir einem Flüchtling mit offenen Armen und Herzen begegnen, kann der Typ uns vielleicht eines Tages im Fernsehen unterhalten. Es ist mir wichtig, Haltung zu zeigen. Auch oder vor allem heute, 2019, darf man sich nicht wegducken, sondern muss den Mund aufmachen.

„Skylines“ auf Netflix: Politische Statements gegen die AfD

Am Mittwoch, dem 25. September, gibt es  einen roten Teppich mit den Netflix-Helden am Henninger Turm, Hainer Weg 72, in Frankfurt: Los geht es um 19 Uhr. Angekündigt sind Hauptdarsteller Edin Hasanovic, Murathan Muslu, Peri Baumeister sowie Erdal Yildiz. Aber auch die Rapper Azad, Olexesh, Celo & Abdi, Azzi Memo sowie Nimo, die zum Cast gehören, kommen. (rose)

Als Sie im vergangenen Jahr mit Iris Berben den Deutschen Filmpreis moderierten, wurden Sie nicht nur für Ihre Tanzeinlagen, sondern auch sehr für Ihre politischen Statements gegen AfD-Anhänger gelobt. Sie sagten: „Ein Leben lang kämpfst du gegen Flüchtlinge, behauptest, die würden das Land überrennen, die Kultur verwässern, Unruhe stiften … Und dann sitzt du da zu Hause, schaltest den Fernseher ein, und ein ehemaliger Flüchtling moderiert den Deutschen Filmpreis. Das ist bitter!“ So mutig zu sein ist nicht selbstverständlich, einige Ihrer Kollegen sagen lieber nichts Politisches … 
Ich glaube, das ändert sich gerade sehr. Die meisten Kollegen in meinem Alter setzen sich stark ein: ob für die Umwelt, gegen die AfD oder gegen Rassismus. Ich habe das Gefühl, dass eine Generation heranwächst, die im guten Sinne kämpferisch ist. Das finde ich super.

Sie erzählten gerade, dass Sie jetzt bei einem Berliner Hunde-Ausführservice anfangen, wirklich? 
Ja, ich gehe ab morgen hospitieren. Da ich selbst keine Zeit für einen Hund habe, kann ich so trotzdem meinem Hundewunsch nachgehen. Es ist ein Service, bei dem man morgens so 15 Hunde abholt bei Leuten, die keine Zeit haben, mit ihren Hunden rauszugehen. Ich fahre dann in den Berliner Grunewald, um die Hunde geistig und körperlich auszulasten, und bringe sie dann nachmittags wieder zurück.

Fürchten Sie nicht, dass die Hundebesitzerinnen und Hundebesitzer losschreien oder umkippen könnten, wenn der Hauptdarsteller von „Skylines“ morgens vor ihrer Tür steht, um ihren Hund abzuholen? 
Ich bezweifele, dass die Gruppe der Besitzer die Zielgruppe von „Skylines“ ist. Aber wer weiß. Ich werde demnächst berichten. ( lacht)

Interview: Kathrin Rosendorff

Zur Person

Edin Hasanovic wird 1992 in Zvornik in Bosnien und Herzegowina geboren. Wenige Monate später flüchtet seine Mutter inmitten des Bosnien-Krieges mit ihm als Säugling nach Deutschland. Hasanovic wächst in Berlin auf, wo er bis heute lebt.

Bereits mit 13 Jahren erhält er erste Engagements als Schauspieler. Er spielt am Berliner Ensemble Theater und bekommt später eine Rolle als Bosnien-Flüchtling in der ZDF-Serie „KDD – Kriminaldauerdienst“. Er macht sein Abitur und erhält Auszeichnungen als Schauspieler. Im Jahr 2016 wird er bei der Goldenen Kamera als „Bester Nachwuchsdarsteller“ geehrt. Ein Jahr später spielt er an der Seite von Moritz Bleibtreu im Gangster-Drama „Nur Gott kann mich richten“. 2018 moderiert er mit Iris Berben den Deutschen Filmpreis.

Von diesem Freitag an ist Hasanovic als Hauptdarsteller der in Frankfurt gedrehten Netflix-Serie „Skylines“ zu sehen. Die Crime-Drama-Serie spielt in der Hip-Hop-, Finanz- und Drogenwelt. Neben den Schauspielern Edin Hasanovic und Richy Müller („Tatort“-Kommisar) gehören Rapper wie Azad und Olexesh zum Cast.


„Skylines“ feierte am Mittwoch, 25.09.2019, Premiere im Henninger Turm. Die in Frankfurt gedrehte Crime- Drama-Serie „Skylines“ startet am Freitag auf Netflix. 

Nach dem Start der ersten Staffel folgte nun die Ernüchterung: Netflix hat "Skylines" abgesetzt. Das verkündete Hauptdarsteller Edin Hasanovic via Instagram.

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