Sozialplan steht - Abfindungen für freiwilliges Ausscheiden

Stellenabbau bei Wingas in Kassel: Bis zu 160 Mitarbeiter müssen gehen

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Bleibt als Wingas-Zentrale erhalten: dieses markante Gebäude am Königstor. Es gehört der Familie Engelbert Strauss aus Biebergemünd bei Gelnhausen, die für ihre trendige Arbeitskleidung bekannt ist

Kassel. Bei Wingas in Kassel müssen bis zu 160 Mitarbeiter gehen. Das steht nach Abschluss der Sozialplanverhandlungen fest. Der Standort bleibt aber erhalten.

Der Betriebsrat des Kasseler Gasgroßhändlers Wingas hat die Sozialplanverhandlungen mit der Geschäftsführung abgeschlossen. Das teilten jetzt der Betriebsratsvorsitzende, Stefan Röttger, und dessen Stellvertreterin, Christiane Götz, im Gespräch mit unserer Zeitung mit. 

Demnach bleibt der Standort erhalten. Allerdings werden 120 bis 160 der insgesamt 406 Beschäftigten das Unternehmen überwiegend bis Jahresende gegen Abfindungszahlungen „freiwillig“ verlassen beziehungsweise Vorruhestandsregelungen in Anspruch nehmen. Über die Höhe der Zahlungen wurde Stillschweigen vereinbart. Röttger erklärte jedoch, dass die Angebote „sehr lukrativ“ seien. Fast alle Betroffenen hätten sie angenommen. Anderenfalls wäre ihnen betriebsbedingt gekündigt worden. Wechselangebote auf Alternativstellen in Berlin, wo Gazprom Germania sitzt, hat es laut Röttger nicht gegeben. Die Berliner Gesellschaft und Wingas sind 100-prozentige Töchter des russischen Energieriesen Gazprom. 

„In Anbetracht der schwierigen Situation haben wir gemeinsam mit der IG BCE (Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie) das Bestmögliche herausgeholt“, erklärte der Betriebsratschef unter Hinweis auf den Verbleib des Kerngeschäfts – der europäische Vertrieb – in Kassel. Nun erwarte er Zukunftsperspektiven, Anreize und Transparenz für die verbleibende Mannschaft, „damit wir nach Monaten der Unsicherheit die Ärmel hochkrempeln und wieder mit Freude und Engagement ans Werk gehen können“. 

Das neue, vor drei Jahren erst bezogene Gebäude im Königstor, das Wingas von der Unternehmerfamilie Engelbert Strauss (Arbeitskleidung) langfristig angemietet hat, bleibt Unternehmenssitz und nimmt die 60 Mitarbeiter der Schwestergesellschaft Astora auf. Der Betreiber dreier großer unterirdischer Gasspeicher in Norddeutschland und Österreich sitzt noch in der Wilhelmshöher Allee.

Trauer und Erleichterung bei Wingas

Der aktuelle Stimmungsbogen in der Wingas-Zentrale im Königstor spannt sich zwischen Trauer, Wehmut und Erleichterung. Trauer, weil nach Abschluss der Sozialplanverhandlungen bis zu 160 Mitarbeiter gehen müssen, alte Teams zerbrechen und Freundschaften gekappt werden. Wehmut, weil im Zuge eines Radikalumbaus des Gazprom-Vertriebs in Westeuropa die „guten alten Zeiten“, in denen aus dem Vollen geschöpft wurde, enden. Und nicht zuletzt Erleichterung, weil jetzt klar ist, dass der Standort, der zwischenzeitlich in Gänze zur Disposition stand, erhalten bleibt.

Wingas-Betriebsratschef Stefan Röttger.

„Das war uns ganz wichtig“, erklärt Betriebsratsvorsitzender Stefan Röttger. Gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Christina Götz, den anderen Arbeitnehmervertretern und der Gewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IG BCE) hat er um den Standort gerungen und einen mehr als ordentlichen Sozialplan herausgeschlagen. „Mehr ging nicht“, ist der Arbeitnehmervertreter überzeugt.

Die Verhandlungen mit der überwiegend russischen Geschäftsleitung waren schwierig und sehr komplex und mussten laut Röttger mit Bedacht geführt werden. „Mit großem Säbelrasseln wären wir nicht weit gekommen“, erklärt der Kaufunger, warum er zu keinem Zeitpunkt der Gespräche Informationen preisgegeben, geschweige denn die Öffentlichkeit gesucht hat. „Wir haben es uns wirklich nicht leicht gemacht“, versichert Götz.

Wie berichtet, ordnet Gazprom seinen Europa-Vertrieb neu. Davon betroffen ist auch die britsche Tochter Gazprom Marketing & Trading. Die Fäden laufen in Berlin zusammen. Mit der Straffung ihrer Organisation wollen die Russen Parallelstrukturen abbauen und somit Kosten sparen.

Wingas wurde 1993 als Gemeinschaftsunternehmen des Kasseler Öl- und Gasförderers Wintershall und des russischen Energieriesen gegründet, um den bis dahin zementierten Gasgroßhandel aufzumischen, was ihm auch gelang. Mit 16 Leuten, erinnert sich Röttger, fing alles an. „Wir haben dieses Geschäft mit viel Leidenschaft und Engagement aufgebaut“, sagt er.

Vor drei Jahren übernahm Gazprom die Wintershall-Anteile im Rahmen eines Tauschgeschäfts und hat seither das alleinige Sagen. 2016 entledigten sich die Russen des langjährigen Wingas-Chefs Dr. Gerhard König. Im Februar dieses Jahres musste der letzte deutsche Vertreter an der Spitze, Dr. Ludwig Möhring, gehen.

Wingas ist einer der Großen in Europa

Wingas gehört mit einem Marktanteil von 20 Prozent zu den wichtigsten Gasgroßhändlern Europas. 2016 verkauften die Kasseler 800 Milliarden Kilowattstunden Gas. Diese Menge reicht aus, um 32 Millionen Einfamilienhäuser ein Jahr lang mit Gas zu versorgen. Dabei setzte das Unternehmen 12,6 Mrd. Euro um und erzielte einen Reingewinn von fast 100 Mio. Euro. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Kunden sind Kraft- und Stadtwerke, Regionalversorger und große Industrie-Betriebe. 

Gazprom ist der größte Energiekonzern der Welt. Mit rund 450.000 Mitarbeitern setzte er im vergangenen Jahr 86,7 Mrd. Euro um und erzielte einen Gewinn von 9,5 Mrd. Euro.

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