Regierungspräsident mit Kopfschuss getötet

Walter Lübcke: Was passierte am Tatabend zwischen 22.30 Uhr und 0.30 Uhr?

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Nah dran: Der Festplatz der Isthaer Weizenkirmes liegt nur etwa 50 Meter von Lübckes Wohnhaus (rechts hinten) entfernt. Dort zeigte die Polizei auch gestern noch Präsenz. Das Grundstück selbst war abgesperrt.

Seit Montag steht fest: Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke wurde erschossen. Die Ermittlungen einer Sonderkommission laufen. Nicht nur im kleinen Wolfhager Ortsteil Istha.

„Ja, da hat das beschauliche Istha einen Mordfall an der Backe.“ Wolfgang Hensel sitzt in seinem Haus an der Balhorner Straße und atmet tief durch. Der Isthaer Ortsvorsteher versucht, die Aufregung in seinem Ort klein zu halten. „Angstzustände hat hier keiner“, sagt der 72-Jährige, „dafür sind wir hier auf dem Dorf viel zu realistisch.“ Und genau so wirkt der kleine Wolfhager Ortsteil auch zwei Tage nachdem zunächst die Nachricht des Todes von Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke die Runde machte, aus der einen Tag später endgültig ein großer Kriminalfall geworden ist.

Am Dienstagmittag räumt auf dem Festplatz gegenüber des Dorfgemeinschaftshauses eine Handvoll junger Menschen auf. Verdörrte Wiese und zwei verschlossene Schaustellerwagen sind danach die letzten Zeugnisse des Feierwochenendes. Dass der Ruf der Weizenkirmes durch die Geschehnisse in der Nacht zu Sonntag Schaden nehmen könnte, treibt sie um. Der Festplatz liegt in Sichtweite vom Grundstück der Familie, der Weg über einen Spielplatz verbindet beides. 

Die Entfernung beträgt keine hundert Meter. Gefeiert wurde in Istha vor allem am Freitag und am Samstag bis tief in die Nacht. Von der Tat im nahen Garten habe man erst gegen 3 Uhr nachts durch das Polizeiaufgebot etwas mitbekommen, berichten Kirmesbesucher. Lübcke selbst soll zwar Donnerstag und Freitag, aber nicht am Samstag auf der Kirmes gewesen sein. Nach Informationen von HNA.de habe er im Haus noch Besuch empfangen, der bis etwa 22.30 Uhr blieb. Gefunden wurde Lübcke zwei Stunden später.

Wolfgang Hanske, Pfarrer von Istha

Laute Musik, bebende Bässe – so kennt auch der Isthaer Pfarrer Wolfgang Hanske die Kirmes. Vor allem junge Leute seien dann dort, Unterhaltungen seien aufgrund der Lautstärke schwierig. Ob die Musik auch einen Schuss übertönt hätte, lässt sich nicht sagen. Von Lübckes Tod erfährt Hanske an der Kirche kurz vor dem Kirmesabschlussgottesdienst. „Sonst begrüße ich die Kirmesburschen dort gerne mit einem lockeren Spruch“, sagt er, „aber ich habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt.“ Noch ohne das Wissen um ein Tötungsdelikt ändert Hanske spontan seine Predigt ab, spricht über Hoffnung und das füreinander da sein. Er selbst kommt zum Gespräch mit unserer Zeitung direkt von Lübckes Familie. Dass er mit Journalisten spricht, hat er mit ihr abgestimmt. „So ein Vorfall kann eine Dorfgemeinschaft verändern“, sagt Hanske.

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Wolfgang Hensel, Ortsvorsteher

Dass die außerordentlich gut sei, betont Ortsvorsteher Hensel. Das Dorf sei attraktiv, Leerstand gebe es nur selten. Und auch aus dem Ausland Zugezogene seien schnell integriert, erzählt er. Was jetzt passiert ist, lasse alle nur noch enger zusammenrücken. Lübcke habe im Ort natürlich jeder gekannt, für ihn sei er aber immer ein Isthaer gewesen und nicht „der Regierungspräsident“.

Vor Lübckes Haus sammeln sich derweil wieder Übertragungswagen und Kamerateams, ein Polizeiauto steht dabei. Neues zum Stand der Ermittlungen gibt es nicht.

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Spurensuche in Istha: Kasseler Regierungspräsident Lübcke tot

Einen ausführlichen Nachruf zum Tod von Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke lesen Sie hier.

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