Ein Schwälmer Kampfpilot erinnert sich

Erinnerungen an den Starfighter: Der erste "Witwenmacher" stürzte über Nordhessen ab

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Zwei Starfighter der deutschen Bundesluftwaffe im Flug über den Wolken: In den USA als „Schönwetter“-Abfangjäger konzipiert, ist die Flugzeugkonstruktion mit mitteleuropäischem Wetter und der Verwendung als Jagdbomber überfordert.

Die Absturzserie des Düsenjägers Starfighter war der größte Bundeswehr-Skandal der Nachkriegszeit. Die erste Maschine stürzte im März 1961 bei Korbach ab.

Am Ende rettet ihnen nur der Schleudersitz das Leben. Als Starfighter-Pilot Hans-Ulrich Flade und sein Flugschüler Wolfgang Streckert am Vormittag des 29. März 1961 Nordhessen überfliegen, setzt das Triebwerk aus. Kurz nach 10 Uhr ist in 12.000 Meter Höhe bei hoher Geschwindigkeit der Kraftstoffregler ausgefallen. Hauptmann Flade und Oberleutnant Streckert gelingt es nicht, die Turbine der zweisitzigen Ausbildungsmaschine vom Typ Lockheed F-104F erneut in Gang zu setzen.

Glücklich und gesund vereint: Starfighter-Pilot Hans Ulrich Flade (rechts) mit Flugschüler Wolfgang Streckert nach dem Absturz bei Korbach.

In 2000 Meter Höhe verlässt Streckert auf Flades Befehl das abstürzende Flugzeug mit dem Schleudersitz. Der Luftwaffen-Hauptmann, der wenige Sekunden später die Stadt Korbach unter sich sieht, steuert die Maschine über das Seitenruder noch einmal Richtung Stadtrand, bevor er selbst den Schleudersitz betätigt. Mit einer ohrenbetäubenden Detonation schlägt der Starfighter, der zu einem Übungsflug auf dem Fliegerhorst Nörvenich im Kreis Düren in Nordrhein-Westfalen gestartet war, an der Bahnstrecke Korbach-Berndorf auf.

Ein Drittel aller Maschinen stürzte ab

Es war der erste Absturz eines Starfighter-Überschallkampfflugzeugs der Bundesluftwaffe. Was damals niemand ahnen konnte: Dies war auch der Auftakt einer katastrophalen Unglücksserie, mit Zahlen wie aus Kriegszeiten. Insgesamt 269 Starfighter stürzten ab, das entsprach etwa einem Drittel aller Maschinen – von 1960 bis zur Ausmusterung setzte die Bundeswehr 916 Starfighter ein. Insgesamt 116 Starfighter-Piloten verunglückten tödlich, der letzte 1984 (siehe Hintergrund).

Nach dem Absturz von Flade und Streckert in Korbach gibt es nur Materialschaden. „Die Maschine zerfetzte in viele tausend Teile, und die Trümmer flogen kilometerweit“, heißt es tags darauf in der „Hessischen Allgemeinen“. Ein Pilot landet auf dem Dach eines Wohnhauses in der Innenstadt, der andere auf einem Bauplatz der Continental-Werke.

Nur eine verstauchte Schulter

Flade hat sich nur eine Schulter verstaucht und berichtet den Reportern im Plauderton. „Wir sind glücklich, dass Korbach verschont geblieben und dass niemand zu Schaden gekommen ist. Und wir sind natürlich sehr froh, dass wir das Osterfest heil feiern können. Und im Übrigen: Es wird weitergeflogen“, erklärt der Pilot. Und auch nach „dieser kleinen Aufregung“ wolle er sich das Rauchen nicht wieder angewöhnen. 

Starfighter-Absturz bei Edertal

Neun Jahre später, am 5. Mai 1970, geschieht der zweite schwere Unfall mit einem Starfighter im hessischen Luftraum: Über dem Edertal zwischen dem Fritzlarer Ortsteil Geismar und der Ortschaft Edertal-Wellen (Landkreis Waldeck-Frankenberg) zieht Oberstleutnant Werner Frey gegen 14.10 Uhr bei einer Übung mehrere Schleifen.

Als der Pilot im Steigflug seine Maschine über einem Berghang am nördlichen Ederufer hochziehen will, streift der Kampfjet die Baumwipfel. Das Flugzeug rast in den Wald und explodiert. Dabei kommt Frey ums Leben – er ist der 56. Pilot eines Starfighters, der bei einem Absturz stirbt. Seine Maschine ist die 120. dieses Typs, die abstürzt.

Frey und sein Flugzeug gehören zum Aufklärungsgeschwader „Immelmann“ aus Hartheim am Rhein in Baden-Württemberg. Noch zwei Monate vor dem tödlichen Absturz hatte Frey in Süddeutschland in einem Starfighter beim Versuch, einen Zusammenstoß mit einem anderen Flugzeug zu verhindern, die Kontrolle über die Maschine verloren. Und das abstürzende Flugzeug rechtzeitig mit dem Schleudersitz verlassen. Die Absturzstelle bei Fritzlar, heißt es tags darauf in der Zeitung, bot in einem Umkreis von mehreren hundert Metern ein Bild der Verwüstung.

Flächenbrand nach Explosion

Das explodierende Flugzeug riss eine hundert Meter breite und 800 Meter lange Schneise in den Wald, an deren Ende sich das Triebwerk in den Boden bohrte. Der durch die Explosion über weite Teile des Waldes versprühte brennende Treibstoff verursachte einen Flächenbrand. An der Absturzstelle erinnert später ein Gedenkstein an das Unglück.

Nicht nur mit den beiden Abstürzen in Nordhessen 1961 und 1970 machte der Starfighter in der Region Schlagzeilen. Auch ein heimischer Pilot kam in dem umstrittenen Kampfjet ums Leben. „Bundeswehr verlor ihren 99. Starfighter“: So lautete am 17. September 1969 die Überschrift einer kleinen Meldung in der „Hessischen Allgemeinen“.

Zwei Tage zuvor war das Kampfflugzeug der Bundeswehr in der Nacht bei Pettkum in der Nähe von Emden (Ostfriesland) abgestürzt. Der Pilot, der dabei den Tod fand, war Reinhard Wicke aus Fritzlar. Der damals 33-jährige Hauptfeldwebel war beim Jagdgeschwader 71 R „Richthofen“ auf dem Fliegerhorst Wittmund stationiert. „Räumliche Desorientierung“ hieß es damals zur Unfallursache. Bereits vier Jahre zuvor, am 18. März 1965, war Wicke auf dem Fliegerhorst mit einem Starfighter von der Startbahn abgekommen. Diesen Unfall überstand er ohne Verletzungen.

Schwälmer Starfighter-Pilot: Angst habe ich nie gehabt

Angst, sagt der frühere Kampfbomberpilot Peter Müller, hätte er nie gehabt. Nicht beim Flug mit doppelter Schallgeschwindigkeit, nicht bei verunglückten Landemanövern und selbst dann nicht, wenn Instrumente an Bord einfach ausfielen. Wenn überhaupt, sei ihm damals bei der Autofahrt zum Fliegerhorst mulmig gewesen.

Ausbildung im kalifornischen Palmdale: Peter Müller (rechts) mit einem Kollegen vor einem Starfighter.

Damals, das waren die 50er-Jahre, als Müller als 20-Jähriger nach dem Abitur zur Luftwaffe der noch jungen Bundeswehr wollte. Um Geld zu verdienen, um schnell selbstständig zu werden und um etwas zu erleben. Damals – wie heute mit 82 Jahren immer noch – war der Ziegenhainer eine stattliche Erscheinung. 

Mit fast zwei Metern Länge fiel er zunächst bei der Fliegertauglichkeitsprüfung durch, weil er zu groß war. Aber ein befreundeter Heeresoberst aus Treysa ermöglichte eine zweite Prüfung, die er dann bestand. 

Traurige Berühmtheit als "Witwenmacher"

Bei den amerikanischen Streitkräften in Fürstenfeldbruck lernte Müller das Fliegen, erst auf der F-84, dem damaligen Standardbomber der Nato. Dann auf dem neuen Starfighter, der später als „Witwenmacher“ und „Sargnagel“ traurige Berühmtheit erlangte. Als einer der ersten deutschen Piloten wurde Müller noch beim amerikanischen Hersteller Lockheed selbst im kalifornischen Palmdale 1961 auf diesem neuen Flugzeug ausgebildet. „Big Pete“ nannten ihn seine amerikanischen Kollegen wegen seiner Länge.

Blick zurück: Peter Müller hat das Flugzeugflughandbuch für den Starfighter aufbewahrt.

Bereits ein Jahr später gehörte der junge Pilot zur neuen Flugstaffel in Nörvenich bei Köln, die neue Piloten in Deutschland ausbildete. Am 20. Juni 1962 sollte dort die Umrüstung der Staffel auf den Starfighter vom Typ F-104 mit einer Kunstflugvorführung gefeiert werden, um den Gästen zu zeigen, wie leistungsfähig der neue Kampfjet ist. Geladen war auch der damalige Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß.

Einen Tag vor dem Festakt stiegen zur Übung die vier Starfighter in den Himmel, um in Rautenform dicht an dicht zu fliegen. „Am Boden warteten 16 Maschinen mit laufenden Motoren”, erinnert sich Müller heute in seinem Heimatdorf Obergrenzebach, „dann haben wir in der Ferne einen Rauchpilz gesehen”.

"Wir haben Rotz und Wasser geheult"

Der Formationsführer hatte die Orientierung verloren, die Maschinen flogen zu tief, berührten sich, stürzten ab. Alle vier Piloten kamen ums Leben. Einer von ihnen war Müllers Trauzeuge. „Wir waren entsetzt, haben Rotz und Wasser geheult.” Von da an gehörten Starfighter-Abstürze zur Geschichte dieses Kampfbombers dazu.

Müller, der später als Fluglehrer und Staffelkapitän nach Jever kam und Karriere machte bis zum stellvertretenden Kommodore beim Jagdbombergeschwader in Memmingen im Allgäu, hat viele Freunde und Kollegen sterben sehen. Bei vielen Trauerfeiern musste er die Paraden kommandieren.

Rituale gegen die Trauer

Gründe für die Abstürze gab es viele, oft technische Defekte, aber auch Flugfehler der Piloten. Viele seien mit dem Starfighter überfordert gewesen, „viele Piloten waren nicht gut genug”, sagt Müller. Und alle dachten: „Solche Fehler passieren uns nicht.“ Wann immer ein Starfighter-Pilot umgekommen war, betranken sich die anderen am Abend im Fliegerhorst und warfen dann die Gläser an die Wand - ein Ritual, um die Trauer zu bewältigen.

Der Starfighter sei eine Maschine gewesen, die dem Piloten viel abverlangt habe, aber schön zu fliegen gewesen sei, „sehr stabil, und im Tiefflug wie ein Brett.”

Navigationsgerät oft ausgefallen

Dass etwas schiefgehen könnte, war im Koordinatensystem des Piloten nicht vorgesehen. Natürlich sei der als schlanker Abfangjäger konzipierte Starfighter mit Nachrüstungen in Deutschland immer schwerer geworden, „weil zuviel reingepackt wurde. Der Starfighter war eigentlich konzipiert als Rennmaschine”. Außerdem sei viel unerprobte Bordtechnik nachgerüstet worden, „da gab es schon was zu mosern.” Das Navigationsgerät zum Beispiel, erinnert sich Müller, das die Lage des Flugzeugs im Blindflug anzeigen sollte, fiel oft einfach aus.

Landung mit rot glühenden Felgen

Müller nahm die Schwächen des Starfighters als fliegerisch-handwerkliche Herausforderung. „Den Starfighter konnte man selbst bei 800 Stundenkilometern mit der Karte auf den Knien fliegen.” Als während eines Nachtflugs die Achse der Landeklappe brach, brachte Müller die Maschine noch mit hoher Geschwindigkeit und rot glühenden Felgen knapp auf die Landebahn. Und als Fluglehrer im Cockpit erlebte er mit, wie seinem Schüler im niederländischen Leuuwarden ein Landeanflug so misslang, dass das Fahrwerk wegbrach und die Maschine neben der Startbahn zum Stehen kann.

Unfall: Im niederländischen Leuuwarden brach bei einer Ausbildungsmaschine das Fahrwerk.

Trotz aller Begeisterung fürs Fliegen: Nach über 1500 Flugstunden im Starfighter siegte auch bei Müller die Sehnsucht nach einem geordneten Familienleben. Im Alter von 40 Jahren ließ sich der Schwälmer auf eigenen Wunsch pensionieren und kehrte mit Ehefrau Renate und den vier Kindern zurück in die Schwalm. Auf seine Zeit als Starfighter-Pilot blickt er mit gemischten Gefühlen zurück. „Ich weiß, dass ich Glück hatte“, sagt Peter Müller, „aber dass es ein tolles Flugzeug war, sage ich auch.“

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