Bei Show der Superlative

Rammstein in Frankfurt: Politisches Statement der Band? Fans rätseln

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Hat Till Lindemann beim Konzert in Frankfurt ein politisches Statement abgegeben?

Rammstein hat in Frankfurt eine Show der Superlative abgeliefert. Doch eine kurze Szene war offenbar nicht Teil der bisherigen Performance. Fans rätseln über die Bedeutung. 

Update, 16. Juli, 11.30 Uhr: 40.000 begeisterte Fans haben Rammstein am Samstag (13. Juli) im Frankfurter Waldstadion gefeiert. Die Band zeigte eine Show der Superlative, von Gänsehaut-Momenten bis zur vollkommenen Ekstase war alles dabei. Gegen Ende des Konzerts kam zu einer Szene, die offenbar nicht Teil der bisher so streng durchchoreografierten Band-Performance war.

Nach dem Rammstein-Klassiker "Engel", den die Band auf einer kleinen Bühne in der Mitte der Arena performte, begaben sich die Band-Mitglieder in Schlauchboote und ließen sich übers Publikum zur Hauptbühne zurück tragen. Soweit, so normal – Bandmitglied Flake lässt sich nämlich schon seit vielen Jahren in einem Schlauchboot durchs Publikum tragen. Doch in Frankfurt stand Rammstein-Frontmann Till Lindemann auf der Hauptbühne und hielt seinen Kollegen ein Schild mit der Aufschrift "Willkommen" entgegen. 

Die Band hält sich eigentlich aus politischen Diskussionen raus, doch einige Fans sind sich sicher, dass Rammstein damit ein Zeichen für die Seenotrettung von Flüchtlingen setzen will. "Danke an Rammstein für ihr eindeutiges Statement: Willkommen, wenn ein Boot anlegt. Top! #RefugeesWelcome", schreibt eine Userin auf Twitter.

Ein User ist auf Instagram zu derselben Interpretation gekommen und schreibt zu einem Foto der Szene: "Nicht das beste Foto, aber das beste Statement von Rammstein in Frankfurt. Diejenigen Willkommen zu heißen, die von der anderen Seite mit dem Boot kommen. Ein starkes und leider nötiges Zeichen in diesen Zeiten."

Rammstein hat sich bisher nicht zur Bedeutung des "Willkommen"-Schildes geäußert.

Rammstein in Frankfurt: Von Gänsehaut bis zur vollkommenen Ekstase

Unser Bericht vom 14. Juli, 12.08 Uhr: Frankfurt - Eine Fanfare ertönt, ein Donnerschlag lässt die Fans zusammenzucken, weißer und schwarzer Rauch wallt auf: Rammstein sind da. Sänger Till Lindemann nimmt den Jubel der Menge im Waldstadion entgegen und beginnt mit dem Song „Was ich liebe“. Es ist ein Rammstein-typischer Song vom neuen Album: traurig, düster, hoffnungslos. „Was ich liebe, das wird verderben“, heißt es im Refrain. „Was ich liebe, das muss sterben.“

Es gibt Menschen, die würden eine Konzertkarte für Rammstein nicht mal geschenkt haben wollen. Für sie ist das keine Musik, sondern Krach. Ihnen sind die Texte zu verstörend, die Tabuverletzungen der Band zu gravierend. Für Fans von Rammstein ist es das höchste der Gefühle, ein Ticket ergattert zu haben. 40.000 Menschen hängen am Samstagabend in Frankfurt Till Lindemann an den Lippen, warten nur auf ein Zeichen von ihm, dann klatschen sie im Takt, dann jubeln sie, dann hüpfen sie. Dabei richtet der Sänger während des Auftritts fast nie das Wort an sie, widmet ihnen keine zwei vollständigen Sätze. Ganz am Schluss bedankt er sich ungewohnt redselig: „Frankfurt, ihr wart unglaublich“. Das macht er bei jedem Konzert auf diese Art. Es ist der Abschluss eines einzigartigen Auftritts. Die Zuschauer gehen danach glücklich nach Hause, loben die Licht- und Feuershow und haben das Gefühl, etwas Großes erlebt zu haben, an das sie sich noch lange erinnern werden.

Rammstein heizt den Zuschauern zwei Stunden ein – Feuerfontänen und krasse Lichteffekte 

Zwei Stunden hat die Band den Zuschauern eingeheizt, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Fast jedes Lied wird von Feuerfontänen begleitet, die Hitze spürt man bis auf den letzten Platz im weiten Stadionrund. Die Lichteffekte sind grandios. Nicht nur die Band, auch die Fans werden durch Scheinwerfer in Szene gesetzt, was ihre Ausgelassenheit noch verstärkt. Nach einer Stunde Konzert ist es so dunkel, dass die Effekte voll zu Geltung kommen. Die Stimmung könnte besser nicht sein.

Bei „Deutschland“ schmettern die Fans den Liedtitel, recken die Fans die Fäuste in die Höhe, bei „Du hast“ ist der Refrain ein einziges Brüllen, und dann kommt „Engel“ in einer ruhigen Version mit zwei Pianistinnen und den Männerstimmen der Band – einer von vielen Gänsehaut-Momenten in Frankfurt.

Rammstein-Frontmann Till Lindemann versetzt mit seiner Band 40.000 Fans ins Ekstase.

Dem Anschein nach gehen die Zuschauer umso stärker mit, je extremer, ja, je brutaler die Texte sind. „Puppe“ vom neuen Album ist solch ein verstörendes Werk. Rammstein fährt dazu einen übergroßen Kinderwagen auf die Bühne und lässt ihn in Flammen aufgehen. „Puppe“ erzählt die Geschichte eines Jungen, der seine Schwester durchs Schlüsselloch dabei beobachtet, wie sie als Prostituierte Freier bedient. Einer dieser Männer schlägt die Schwester tot, und nun spricht der pure Wahnsinn aus Lindemanns Stimme: Der Junge reißt seiner „Puppe den Kopf ab“. Zehntausende grölen mit. „Puppe“ ist einer der Songs des Abends.

Till Lindemann spielt mit Tabubrüchen – Rammstein liefert eine tolle Show ab

Ralf (53) ist als Rammstein-Fan aus Nordhessen zum Konzert angereist. „Ich finde nicht alles gut, was Rammstein macht“, sagt er, auf das Lied angesprochen. Sind Rammstein-Fans gefühlskalt? Ralf glaubt das nicht. „Ich weiß nicht, ob sich jeder den Song so genau anhört und auf den Text achtet.“ Ihm gehe es vor allem darum, die tolle Show der Band zu erleben. „Es ist ein Event“, sagt er. Ein anderer Konzertbesucher, Sven (Mitte 30), erzählt von seinem siebenjährigen Sohn, der mit Vorliebe Rammstein höre. „Vorher stand er auf eher auf Mark Forster“. Das Lied „Puppe“ lässt Sven seinen Filius allerdings nicht hören. Er wählt aus, welche Stücke sich der Siebenjährige anhören darf, zum Beispiel „Sonne“, „Amerika“ oder den Lieblingssong des Jungen vom neuen Album, das unverfängliche „Radio“.

Dabei sind Rammstein-Songs in der Regel nie ganz unverfänglich. Fast immer spielt Till Lindemann mit Tabubrüchen. Die Videos zu den Liedern lösen regelmäßig Skandale aus. Das monströs in Szene gesetzte „Deutschland“ löste den Zorn des Zentralrats der Juden aus, weil die Bandmitglieder sich als Juden in einem Konzentrationslager der Nazis inszenierten – am Galgen. Nein, er wolle niemanden beleidigen, sagt Till Lindemann in Interviews, wenn er auf solche Kritik angesprochen wird. Für ihn sei Provokation etwas Gutes, weil es Menschen dazu bringe, zuzuhören. Seine Texte solle man auch nicht zu ernst nehmen. Der Sänger hat übrigens auch Gedichte veröffentlicht, seine Sprache ist poetisch, tiefgründig, anregend, manchmal wunderschön.

Till Lindemann thematisiert große Skandale – Feuer und Licht verwandeln Waldstadion in Lichtkathedrale

Als im Stadion der Beginn von „Diamant“ erklingt, geht ein Raunen durchs Stadion: endlich dieser Song, scheinen viele zu denken. „Ohne dich“ ist ein weiteres Beispiel für ein Stück, das ein feinsinniger Popsong sein könnte, würde er nicht auf Rammstein-Gitarren brutalisiert. Die Fans singen mit: „Weh mir, oh weh, und die Vögel singen nicht mehr.“ Über viele Texte kann man lange nachdenken – und noch viel besser über sie streiten: Lindemann thematisiert zum Beispiel die Skandale in der katholischen Kirche. „Zeig dich“ ist die Aufforderung an Gott, endlich einzugreifen bei Fällen von Missbrauch. Auf jedem Album von Rammstein findet sich Feinsinniges neben Gewaltfantasien. Das Lied „Mein Teil“ wird in Frankfurt gefeiert. Es geht um den sogenannten Kannibalen von Rotenburg und seine kulinarischen „Vorlieben“.

Rammstein-Frontmann Till Lindemann hat mit seiner Band Rammstein ein Show der Superlative abgeliefert.

Aber Rammstein ist mehr. Feuer und Licht verwandeln das Stadion in einer Lichtkathedrale, in der Gläubige ehrfurchtsvoll der Band huldigen. Lindemann hantiert mit Flammenwerfern, schießt Raketen durchs geöffnete Stadiondach, lässt aus seinen Händen Blitze schießen. Die Wirkung ist kolossal, die Menge ist fasziniert, sie wogt durch den Innenraum. Die Regie feuert Feuerfontänen im Stakkato der Musik ab. Es bilden sich immer wieder Kreise, in den die Fans wild tanzen. Auch auf den Rängen ist die Stimmung fantastisch.

Rammstein geht vor dem Frankfurter Publikum auf die Knie 

Die Zuschauer sind Lindemann und der Band ergeben. Die Verbindung ist vom ersten Lied an da. Viele Konzerte kranken daran, dass die Sängerinnen oder Sänger gerade nicht mit dem Publikum sprechen, es anheizen, ihm Geschichten über einzelne Songs erzählen oder es zum Lachen bringen. Dann bleibt die Musik blutleer. Bei Rammstein ist schon alles geregelt, bevor der erste Brachial-Akkord durchs Stadion fegt. Zusätzliche Worte sind nicht notwendig, es ist für die Fans schon alles gesagt.

Am Schluss des Konzertes ist der Jubel riesig. Die sechs Bandmitglieder verbeugen sich, dann gehen sie vor dem Publikum in die Knie und senken ihre Häupter. Der Beifall wird noch einmal stärker, die Geste kommt an. Und dann ist es mit dem letzten Donnerschlag eines Feuerwerks aus.

Von Sven Weidlich

Info: Einlass zum Konzert nur mit Personalausweis

Rammsteins Konzert in Frankfurt war seit langem ausverkauft – genauso wie die gesamte Stadiontournee der Band in Europa. Der Ansturm auf Karten beim Online-Kartenhändler Eventim war jeweils so groß, dass die Internetseite zusammenbrach – so auch bei dem Verkauf fürs nächstes Jahr am vergangenen Freitag. Viele Fans gingen leer aus. Um den Schwarzmarkthandel zu unterbinden, setzt Rammstein auf personalisierte Tickets. In Frankfurt mussten die Fans beim Einlass in der Regel ihren Personalausweis vorzeigen, den die Ordner mit dem Namen auf der Konzertkarte abglichen. Auf diese Weise hoffen Band und Management, dubiosen Internethändlern das Geschäft zu vermiesen. Diese kaufen für Musikkonzerte und Fußballspielen Karten, um sie für das Doppelte oder mehr weiterzuverkaufen. Bislang kann sie kein Gesetz dabei stoppen. Auch Betrüger mischen mit, die gar keine echten Tickets besitzen und Fans abzocken wollen.

Für Rammstein in Frankfurt gab es am Samstag noch einige Karten, die über Eventim ganz offiziell zurückgegeben worden waren und für den gleichen Preis zu haben waren. Das war bislang bei jedem Konzert so. Zwei Karten ergatterten Isabella (30) aus Neu-Isenburg und Lucas (29) aus Leipzig. Wie eine Trophäe hielten sie ihren Schatz in den Händen. „Wir mussten drei Stunden anstehen“, sagte Isabella, welche die gute Nachricht per WhatsApp sofort an ihre Freunde weitergab. „Wir hätten nicht gedacht, dass es klappt.“ Glückselig passierten sie die Einlasskontrolle. Die Karten für den Innenraum kosteten regulär übrigens 100 Euro. sew

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