Gesetzlicher Zettel-Zwang

„Schritt zurück um Jahrzehnte“: Einzelhändler verärgert über Bon-Pflicht

Verkäuferin Ingrid Hansen überreicht einer Kundin im Blumenladen „Blume 2000“ ihren Kassenzettel – so verlangt es seit Jahresbeginn die bundesweite Kassensicherungsordnung. 
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Verkäuferin Ingrid Hansen überreicht einer Kundin im Blumenladen „Blume 2000“ ihren Kassenzettel – so verlangt es seit Jahresbeginn die bundesweite Kassensicherungsordnung.

Ob Bäckerei, Kiosk oder Blumenladen – seit 1. Januar sind bundesweit alle Einzelhändler verpflichtet, Kunden eine Quittung auszustellen. Selbst, wenn diese nur ein einziges Brötchen oder ein Päckchen Kaugummis kaufen.

  • Seit Januar gilt die Bon-Pflicht im Einzelhandel
  • Wie kommt es bei Kunden und Händlern in Offenbach an?
  • Umsetzung schwierig, viele sind verärgert über den Müll

Offenbach – Damit will das Bundesfinanzministerium etwaigen Steuerbetrug an der Ladentheke unterbinden. Die Zettelpflicht, oder Bon-Pflicht, ist Teil der neuen Kassensicherungsordnung, in deren Zuge die Kassen durch eine technische Sicherheitseinrichtung (TSE) fälschungssicher gemacht werden sollen. Aber wie kommt das bei Händlern und Kunden an? Und wie einfach oder schwierig gestaltet sich die Umsetzung? 

Gestern hatten viele Geschäfte zum ersten Mal in diesem Jahr geöffnet. Wir haben einige Verkäufer und Ladeninhaber in Offenbach nach ihren ersten Erfahrungen mit dem Zettel-Zwang gefragt.

Bon-Pflicht in Offenbach: Im Kiosk türmen sich die Kassenzettel im Müll

„Bislang haben wir’s eigentlich nicht gemacht, aber jetzt müssen wir natürlich“, sagt Roland Krupkat, der mit seinem Sohn Jörg den zentralen Kiosk auf dem Aliceplatz betreibt. Neue Technik hätten sie sich zwar nicht zulegen müssen – ihre Kasse sei bereits mit einem Bondrucker ausgestattet gewesen – aber ein zusätzlicher Arbeitsschritt komme nun bei jedem Kundenkontakt hinzu. 

„Knopfdrücken, ausdrucken, rausgeben – und der Kunde fragt dann ‘was soll ich damit?’ und haut es dir wieder um die Ohren.“ Krupkats ersten Erfahrungen an diesem Tag zeigten nämlich: „Die meisten Kunden regen sich darüber auf.“ Und so türmen sich bereits um 11.30 Uhr 140 Kassenzettel in Krupkats stadtweit bekanntem Kiosk-Häuschen in Offenbach, die zwar per Gesetz ausgedruckt werden mussten, die aber keiner, der bei ihm eingekauft hat, mitnehmen wollte.

Blumenhandlung in Offenbach findet: Bon-Pflicht mache nur mehr Müll für Kunden

„Das ist einfach nur mehr Müll, sowohl für uns als auch für den Kunden“, ärgert sich auch Ingrid Hansen, Verkäuferin in der Blumenhandlung „Blume 2000“. Auch sie druckt seit gestern für jeden, der bei ihr einkauft, einen Kassenzettel aus. 

Und auch ihre Erfahrung zeigt: „Die meisten wollen das gar nicht.“ Eine große Umstellung bedeutet der Zettel-Zwang für sie allerdings nicht. Die Hamburger Zentrale der Ladenkette in Offenbach habe bereits im Vorfeld alles dafür geregelt.

Bon-Pflicht in Offenbach: Kassenzettel für einen einzelnen Becher Kaffee 

Mit einem Kopfschütteln reagiert auch Osman Göverim, Inhaber der „Stop & Go Nerds Cantina“ im Kleinen Biergrund, die gemeinhin auch „Star-Wars- Café“ genannt wird. „Das produziert einfach nur Müll, keiner will das.“ Er sammelt die unverlangt ausgedruckten Bons auf der Theke neben seiner Registrierkasse. Bereits zur Mittagszeit ist es ein beachtlicher Haufen. 

„Wenn du einen Fernseher kaufst und zwei Jahre Garantie hast, ergibt ein Kassenzettel ja Sinn – aber bei einem Becher Kaffee?“ Er habe gestern bereits neues Papier und neue Druckertinte kaufen müssen.

Auch in anderen Teilen Deutschlands gibt es Ärger wegen der Bon-Pflicht. Kritikpunkte gibt es viele.

Offenbach: Verständnis für Bon-Pflicht fehlt auch bei Kunden der Bäckerei Schäfer 

Unverständnis äußert auch Wolfgang Schäfer von der gleichnamigen Bäckerei-Kette, die mit einer Filiale im Ringcenter vertreten ist. „Bei einer modernen Kasse wird ohnehin jeder Kassiervorgang digital erfasst – warum muss man da noch ausdrucken?“, fragt er. Für den Geschäftsmann aus Offenbach bedeutet die Bon-Pflicht daher einen „Schritt zurück um Jahrzehnte“. 

Es handle sich um eine „weit überzogene Gesetzgebung, die einen kolossalen und umweltschädlichen Mehraufwand“ mit sich bringe. „Die Folge ist eine Flut von Papier, eine große Unordnung“, so Schäfer. „Und die Kunden haben dafür auch kein Verständnis.“

Bon-Pflicht in Offenbach: Apotheke nutzt umweltfreundliches Papier 

Auch Apotheken sind vom gesetzlichen Zettel-Zwang betroffen. In der Löwen-Apotheke in der Frankfurter Straße reagiert man darauf allerdings gelassen. „Wir machen das sowieso schon immer“, berichtet Mitarbeiterin Irina Linemann. 

„Viele Kunden brauchen das ja für die Steuer oder die Krankenkasse.“ Ein erfreuliches Detail: Im Gegensatz zum herkömmlichen, Giftstoffe enthaltenden Thermopapier nutzt die Apotheke eine umweltfreundlichere Papiervariante.

VON MARIAN MEIDEL

Im Kreis Darmstadt-Dieburg hat die neue Bonpflicht für Ärger gesorgt.Der Besucher eines Saunaclubs bestand auf die Ausstellung eines Kassenbons. Der Streit eskalierte, die Polizei musste schlichten.

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