Land Hessen zeichnete Pflegemedaille ausgezeichnet

Das ist wahre Mutterliebe: 78-Jährige pflegt Tochter seit 60 Jahren

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Elise Schweinsberg (78) aus Günsterode mit ihrer Tochter Anita (60). Um das gesamte Bild zu sehen, klicken Sie rechts oben.

Günsterode. Das ist Mutterliebe. Kein anderes Wort trifft es besser, was Elise Schweinsberg aus Günsterode seit 60 Jahren lebt. So lange pflegt sie ihre schwerbehinderte Tochter zuhause.

Anita ist ihr erster Gedanke am Morgen und ihr letzter am Abend, berichtet die Seniorin. Mit 18 Jahren wurde Elise Schweinsberg Mutter. 1957 kam ihre Tochter Anita zur Welt. „Sie war gelb und kam sofort ins Klinikum nach Göttingen.“ Dort stellten die Ärzte fest, dass ihre Tochter an einer Rhesusfaktorunverträglichkeit leidet. Diese genetisch bedingte Krankheit führte bei Anita zu einer Mehrfachbehinderung. 

Anita kann nicht sprechen, nicht laufen, nicht selbstständig sitzen, sie kriecht zur Fortbewegung auf dem Fußboden. Früher, als Anita jünger war, konnte sie einige Worte sprechen: Mama, Papa, Oma, Berndi. Seit 35 Jahren spricht sie nicht mehr. Heute verständigt sich die 60-Jährige, die halbseitig gelähmt ist, mit Mimik und Gestik.

„Anittchen“ sagt Elise Schweinsberg liebevoll, wenn sie mit ihrer Tochter spricht. Und wenn Anittchen ihr morgens am Bett über die Wange streichelt, ist die 78-jährige Mutter immer wieder gerührt. „Sie ist so lieb und kuschelt gerne“, berichtet Elise Schweinsberg, „und sie ist ein fröhliches, zufriedenes Kind, das mit Freude ins Bett geht und mit Freude aufsteht.“

Elise Schweinsberg klagt nicht über ihr Schicksal, ihr Leben, ihren Familienalltag, der seit 60 Jahren von der Behinderung ihrer Tochter bestimmt wird. „Das ist halt so“, sagt sie, „ich kenne es ja nicht anders.“ Woher nimmt sie die Kraft? Im Urlaub war die 78-Jährige noch nie, „aber das fehlt mir auch nicht.“ Alle paar Jahre macht sie mal eine Fahrt eines Günsteröder Vereins mit, das reiche ihr, sagt sie.

Elise Schweinsberg erhielt Pflegemedaille des Landes Hessen von Stefan Grüttner.

Schwierig wurde es, als Elise Schweinsberg selbst auf Hilfe angewiesen war: Vor einigen Jahren musste sie sich einer Chemotherapie unterziehen, im vergangenen Jahr brach dann ein Oberschenkelhals. Aber Elise Schweinsberg ist eine tapfere, starke Frau, die ihrer Familie zuliebe immer wieder auf die Beine kommen will. Ehemann Johann, 84, ist mittlerweile ebenfalls auf ihre Unterstützung angewiesen. 

Eine sehr große Stütze ist Sohn Bernd, der zwei Jahre jünger als Anita ist und schon früh Verantwortung für seine hilfsbedürftige große Schwester übernehmen musste. Anitas Lieblingsplatz ist der Balkon, den die Familie zum Wintergarten umgebaut hat. Dort hat Anita einen guten Blick auf die Straße und kann das Leben auf der Straße beobachten. Und weil sie ihr das nicht nehmen wollen, ziehen die Eltern nicht ins Erdgeschoss um, auch wenn dann Vater Johann mal öfter vor die Tür gehen könnte.

Wie die Eltern, die bis vor 15 Jahren noch einen Sieben-Hektar-Bauernhof mit drei Milchkühen, fünf Rindern und Schweinen bewirtschaftet haben, ist Anita sehr tierlieb. Am liebsten sieht sie Tierdokumentationen im Fernsehen. Und sie liebt Zirki, den Rauhaardackel der Familie. Er setzt sich gerne neben Anita und lässt sich von ihr streicheln. Auch das entlastet Mutter Elise mal für einige Augenblicke.

Trotz allem weiß Elise Schweinsberg: Wenn sie ihre Tochter mal nicht mehr pflegen kann, muss Anita in ein Heim. Ein schwer erträglicher Gedanke für eine Frau, die seit 60 Jahren mit Mutterliebe für ihre schwer behinderte Tochter rund um die Uhr da ist.

Das ist die Rhesusunverträglichkeit

Die UrsacheRhesusunverträglichkeit liegt in der Unverträglichkeit einer bestimmten Blutgruppeneigenschaft, dem Rhesusfaktor, zwischen Mutter und Kind. Der Rhesusfaktor ist erblich vorbestimmt und kann entweder positiv oder negativ sein. Zur Rhesusunverträglichkeit kann es kommen, wenn es bezüglich des Rhesusfaktors Unterschiede zwischen Vater und Mutter gibt. Bei Rhesus-negativen Müttern mit einem Rhesus-positiven Kind kann es zur Entwicklung von Antikörpern gegen den Rhesusfaktor kommen. Diese Antikörper wandern durch die Plazenta zum Kind. 

Als Folge kann es zum Abbau roter Rhesus-positiver Blutkörperchen beim Kind und damit beispielsweise zu einer schweren Neugeborenengelbsucht kommen. Der Frauenarzt kann eine Rhesusunverträglichkeit schon früh in der Schwangerschaft mit einem sogenannten Antikörper-Suchtest feststellen – dieser wird im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung sowohl bei der Erstuntersuchung durchgeführt als auch zwischen der 24. und 27. Schwangerschaftswoche. 

Zusätzlich ermittelt der Arzt die Blutgruppe der Mutter. Nur wenn die Mutter Rh-negativ und der Vater Rh-positiv ist, ist eine Rhesusunverträglichkeit möglich. Damit eine Unverträglichkeitsreaktion erst gar nicht entsteht, erhalten alle Rhesus-negativen Mütter während oder nach der ersten Schwangerschaft eine sogenannte Anti-D-Immunglobulin-Spritze. 

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