Zwei Polizistinnen im Interview 

„Schwule Opfer haben Hemmungen“: Der Umgang mit Homosexualität bei der Polizei

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Polizei beim CSD vertreten: Hier informierten die beiden Polizistinnen Katja Wenning und Verena Reuter über ihre Aufgaben als Ansprechpartnerinnen für gleichgeschlechtliche Lebensweisen.  

Kassel. Sie sind Ansprechpartnerinnen für Schwule und Lesben: Zwei Polizistinnen erzählen im Interview über den Umgang mit Homosexualität im Polizeipräsidium Nordhessen.  

Als kürzlich der Christopher-Street-Day in Kassel stattfand, war auch das Polizeipräsidium Nordhessen bei der Veranstaltung vor dem Kulturbahnhof vertreten. Die beiden Polizistinnen Katja Wenning und Verena Reuter (dieser Name wurde von der Redaktion geändert, weil sie in einem sensiblen Bereich der Kripo arbeitet) sind im Präsidium Ansprechpartnerinnen für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (AgL). Wir sprachen mit den Beamtinnen, die lesbisch und mit einer Frau verheiratet sind, über die Notwendigkeit solch einer Anlaufstelle.

Seit dem Jahr 2010 gibt es bei der hessischen Polizei Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (AgL). Welche Aufgaben haben Sie?

Verena Reuter: In erster Linie ist es unsere Aufgabe, die LSBTIQ*-Community (Anmerkung der Redaktion: Das steht für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere Menschen) intern und extern zu vertreten. Das heißt, wir sind Ansprechpartner für Kolleginnen und Kollegen, die sich dieser Community zugehörig fühlen und die zum Beispiel Probleme mit Vorgesetzten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung haben. 

Zu den Aufgaben gehört auch die Beratung in Einsatzfällen, wie beispielsweise auf dem CSD. Darüber hinaus sind wir auch Ansprechpartner für homosexuelle Kollegen und für homosexuelle Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind und eine Anzeige aufgeben wollen. Es gibt immer noch Vorbehalte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen gegenüber der Polizei.

Als Sie vor drei Jahren zum ersten Mal beim CSD dabei waren, haben sich da nicht viele Menschen aus der Szene gewundert?

Katja Wenning: Natürlich. Viele haben ein Bild von einem konservativen Polizisten im Kopf. Einige haben sich gewundert, dass es Polizisten gibt, die sich geoutet haben. Eine besonders positive Erfahrung machte ich neulich auf dem CSD. Dort hat mich ein junger Flüchtling aus Afghanistan gefragt, ob wir wirklich homosexuell seien und gleichzeitig bei der Polizei arbeiten dürfen. Er wollte zudem von mir wissen, ob man ihm selbst verbieten darf, homosexuell zu sein. Ein anderer Flüchtling habe ihm seine Homosexualität nämlich verbieten wollen. Der Mann war sehr dankbar, dass es Ansprechpartner wie uns in Deutschland gibt.

Zu Ihren Aufgaben gehört es, zwischen homosexuellen Opfern und Kollegen, die eine Anzeige aufnehmen, zu vermitteln. Wieso ist das erforderlich?

Wenning: Wenn ein Homosexueller mit dem Ausdruck „du schwule Sau“ auf sexueller Basis beleidigt wird, dann wissen einige heterosexuelle Kollegen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Vor einigen Jahren kam ein Kollege zu mir, weil er mit einem schwulen Pärchen zu tun hatte, das ein Kind vor einem Übergriff an der Fulda geschützt hatte. Dort befindet sich eine „Cruising Area“. Damit bezeichnet man Bereiche, in denen sich homosexuelle Männer treffen, um Sex zu haben.

Reuter: Wir wissen das, deshalb mussten uns die Männer nicht erklären, warum sie sich dort aufgehalten haben. Viele homosexuelle Opfer haben deshalb auch Hemmungen.

Hat sich das Anzeigeverhalten in den letzten Jahren geändert?

Wenning: Ja, die Anzeigen von Opfern homophober Straftaten haben zugenommen. Aber das Dunkelfeld ist nach wie vor hoch, es liegt wohl bei 90 Prozent. Viele von den Opfern haben große Angst, sich erfassen zu lassen, und trauen sich oft nicht, zur Polizei zu gehen.

Wie sieht es bei Frauen aus?

Reuter: Anders. Es ist doch normal, zwei Frauen Hand in Hand durch die Stadt laufen zu sehen. Da stört sich doch keiner mehr dran.

Wenning: Man muss allerdings auch sagen, dass die männliche Homosexualität anders abläuft als die weibliche. Ein Teil der Schwulen verabredet sich anonym im Internet. Da werden Fotos reingestellt, auf denen nicht unbedingt mit dem Gesicht der Männer um ein Date geworben wird. Anschließend gibt es ein Treffen mit schnellem, anonymem Sex.

Sie beide gehen mit Ihrer Homosexualität offen um. Gibt es im PP Nordhessen auch schwule Polizisten?

Wenning: Es gibt sie, ich kenne ein paar wenige, aber die wollen sich in der Öffentlichkeit nicht outen.

Reuter: Es gibt ja immer noch das Vorurteil, dass ein schwuler Mann kein richtiger Mann sei. Der kann ja nicht zupacken. Viele Heterosexuelle haben da auch Berührungsängste zu Schwulen. Bei den schwulen Polizisten ist es ähnlich wie bei den schwulen Fußballern. Es gibt sie, aber die Wenigsten outen sich. In anderen Präsidien gibt es einige Kollegen, die öffentlich zu ihrer Homosexualität stehen.

Und wie sieht es bei den Lesben aus?

Wenning: Wie bei den Fußballerinnen. Bei den Frauen ist es kein großes Problem mehr, sich zu outen.

Reuter: Bei mir im Kommissariat arbeiten rund 20 Personen, darunter sind drei Frauen, die mit einer Frau in einer Beziehung leben.

Sie sind wegen ihrer Homosexualität nie an der Arbeit diskriminiert worden? 

Reuter: Nein. Ich war von Anfang an offen und habe gesagt, wie es ist. Da bietet man keine Angriffsfläche. 

Wenning: Bei mir war das anders. Ich bin vor 15 Jahren quasi zwangsgeoutet worden. Ich war damals noch mit meinem Mann verheiratet, wir haben zwei Kinder. Die Ehe war kaputt, und ich hatte eine Beziehung mit einer Kollegin begonnen. Wir sind zusammen von einem anderen Kollegen in der Stadt gesehen worden. Ich wusste, dass der das weitererzählt. Mein Outing war die Flucht nach vorn. Danach hat mich ein damaliger Kollege zu einem Vieraugengespräch gebeten. Er sagte mir, dass er nicht will, dass ich so lebe. Und falls ich mich darüber beschweren wollte, dann sollte ich mal sehen, wem man mehr glaubt.

Ist das Verständnis heute größer? 

Reuter: Wir bekommen sehr große Unterstützung von Polizeipräsident Konrad Stelzenbach und dem Vizepräsidenten Eberhard Möller. Mit denen findet ein sehr guter Austausch statt.

Sind Sie mit ihrer Vernetzung in die Behörde und in die Szene zufrieden? 

Reuter: Die Kollegen könnten uns öfter anrufen, wenn Sie unsere Hilfe im Umgang mit homosexuellen Menschen brauchen. Viele der Kollegen denken, wir sind nur intern für homosexuelle Beamte zuständig. 

Wenning: Die Vernetzung in die Szene ist gut. Wir arbeiten ja auch seit Jahren mit verschiedenen Verbänden, Institutionen und Organisationen zusammen, beispielsweise sind wir als Polizeibehörde Mitglied des Rainbow-Netzwerks Kassel, eine Initiative der Stadt Kassel. Die haben unsere Telefonnummer. Wenn jemand aus der Community Hilfe braucht, dann rufen die uns auch schon an

Kontakt: rainbow.ppnh@polizei.hessen.de

Zur Person

Katja Wenning

Katja Wenning (44) ist in Kassel geboren. Sie arbeitet beim Erkennungsdienst der Kriminalpolizei und ist Ansprechpartnerin für gleichgeschlechtliche Lebensweisen im Polizeipräsidium Nordhessen. Wenning ist mit einer Frau verheiratet und Mutter eines einjährigen Sohnes. Aus ihrer Ehe mit ihrem Ex-Mann hat sie zwei weitere Kinder.

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