Protest für Gleichberechtigung in Kassel

Frauen blieben draußen: Aktion gegen Ausgrenzung in der katholischen Kirche

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Frauen-Gottesdienst unter freiem Himmel: Mit der Aktion vor der Kirche St. Familia wollten die Initiatorinnen ein Zeichen setzen. Das weiße Tuch mit den Schuhen, die aus der Kirche herausweisen, steht für die vielen Frauen, die sich schon von der Kirche abgewendet haben.

Mehr als 150 Frauen protestierten am Sonntag in Kassel für Reformen in der katholischen Kirche und die Zulassung von Frauen zu Weiheämtern.

Barbara Kieswald steht im kalten Wind auf den Stufen vor St. Familia und hält eisern das Transparent fest: „Frauen in kirchliche Ämter – jetzt!“ Die 84-Jährige würde ihren Platz um keinen Preis gegen eine Bank im warmen Kirchenschiff tauschen wollen. „Das ist die erste Demo in meinem Leben“, sagt die Katholikin. Die Aktion für Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche will sie unbedingt unterstützen.

Ausgedünnte Reihen: Im Innern der Kirche blieben viele Bänke leer.

Mehr als 150 Frauen waren am Sonntag vor dem größten katholischen Gotteshaus in Kassel zusammengekommen, um gegen die Männerdominanz in der Kirche zu protestieren. Oder positiv formuliert, wie auf den Handzetteln: für einen selbstbestimmten Platz von Frauen in der Kirche.

Auf einem langen weißen Tuch, das vom Altar bis auf den Vorplatz reichte, warem zig Paar Damenschuhe aufgestellt – mit den Spitzen nach draußen. Dies solle ein Bild sein, „für die vielen Frauen, die sich in der katholischen Kirche nicht mehr beheimatet fühlen und sich schon abgewendet haben“, sagte Birgit Weber, Gemeindereferentin in St. Familia und eine der Organisatorinnen. Die Aktion reiht sich ein in die bundesweite Bewegung „Maria 2.0“.

„Auch wir in Kassel wollen zeigen, dass sich etwas ändern muss“, sagte Birgit Werber. Mit Gesang, Gebet, Tanz und einem liturgischen Mahl (Agape) feierten die Frauen aus Kassel und Umgebung einen fröhlichen Freiluft-Gottesdienst mit ernsten Zwischentönen. Auch Lucia Schreiber, die sonst in die Kirche Herz Jesu in Niederzwehren geht, zog diesen Sonntag die Straße vor. Der Glaube bedeute ihr nach wie vor viel, sagt die 58-jährige Grundschulrektorin. „Aber von der Amtskirche habe ich mich ziemlich distanziert.“ Frauen hätten wenig Möglichkeiten, mitzugestalten.

BarbaraKieswald (84)protestierte mit

Auch einige Männer schlossen sich dem Protest an, darunter Berthold Semmler: „Es ist längst überfällig, dass Kirche sich an dieser Stelle verändert“, sagt der 64-Jährige, der am Wilhelmsgymnasium katholische Religion unterrichtet. Neben ihm steht Ottmar Leibold, der seine Frau begleitet, aber zugibt, sich „nur halbwohl“ zu fühlen: „Eigentlich sollte das ja Frauensache sein heute.“

In der Kirche waren die Reihen spürbar ausgedünnt. „Draußen waren mehr als drinnen“, sagte Pfarrer Harald Fischer nach dem Gottesdienst. Auch der Gesang sei ganz anders gewesen. Er war den Frauen keineswegs gram: „Sie haben meine volle Solidarität“, so der Pfarrer, der selbst seit Jahren Reformen der Kirche anmahnt.

Am Sonntag, 15. Mai, findet ab 16.30 Uhr ein Sternmarsch zur Elisabethkirche statt, wo um 18 Uhr ein „Tuch-In“ mit Agape gefeiert wird.

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