27 unbekannte Grabstätten

Überraschender Fund in Kassel: Alte Grüfte unter Karlskirche entdeckt

Kassel. Es ist ein Fund, der selbst Fachleute überrascht hat. In der Kasseler Karlskirche wurden bei Sanierungsarbeiten 27 Grabstätten entdeckt, von denen einige über 300 Jahre alt sind.

Aktualisiert um 18 Uhr - Freigelegt wurden die Grüfte, in denen bis zu fünf Menschen bestattet sind, bei Baggerarbeiten im Innenraum der Kirche. Die wird gerade für 1,4 Millionen Euro saniert.

„Für uns ist das ein ausgesprochen wertvoller Fund“, sagt Stadtdekanin Barbara Heinrich. Besonders erstaunlich sei, dass das Wissen um die Grabstätten offenbar in den Nachkriegsjahren verloren gegangen sei. Die Karlskirche wurde im Jahr 1710 als geistliches Zentrum für die hugenottischen Glaubensflüchtlinge in der Oberneustadt fertiggestellt und geweiht. Benannt ist sie nach Landgraf Karl. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche schwer beschädigt.

Dass die Gräber beim Wiederaufbau in den 1950er Jahren nicht bemerkt wurden, ist unwahrscheinlich. „Damals hatte man in erster Linie den Baufortschritt im Blick“, sagt Dr. Hans Helmut Horn, der Vorsitzende der evangelischen Kirchengemeinde Kassel-Mitte. Er hofft darauf, dass die sich abzeichnenden Mehrkosten zumindest teilweise durch Spenden aufgefangen werden können.

Das älteste Grab in der Kirche stammt aus dem Jahr 1714. Hier wurde die Tochter des Herkules-Baumeisters Francesco Gueniero beigesetzt, die nur drei Jahre alt wurde. Er hatte sie zu Ehren seines Auftraggebers Sophia Carolina genannt.

Bis 1797 gab es Bestattungen in der Karlskirche. In der Regel waren es Adlige, die hier in einer Gruft beerdigt wurden. Bei den Ausgrabungen wurden auch mehrere historische Münzen gefunden. Sie sind wahrscheinlich in Schlitze zwischen den Holzdielen im Fußboden gefallen. Die freigelegten Gräber sollen gesichert und mit einer Abdeckung versehen werden.

"Gold gesucht, nigs gefunden"

Für den Archäologen Dr. Thilo Warneke ist die Karlskirche mit ihren freigelegten Grabstätten eine Goldgrube. Andere haben in früheren Jahren vergeblich nach Wertgegenständen gesucht. Dafür gibt es eindeutige Belege. „Im Jahr 1893 muss es hier einen Umbau gegeben haben“, sagt der 54-Jährige aus Ahnatal.

Und dann zeigt er auf eine Gruft, die sich in der Nähe des ursprünglichen Altars der Kirche befindet. An einer Innenwand hat er die über 100 Jahre alte Nachricht eines enttäuschten Handwerkers gefunden. Mit Kreide hatte der damals geschrieben: „Nach Gold gesucht, nigs gefunden“. Trotz aller Enttäuschung dachte er noch daran, die Jahreszahl hinzuzufügen.

Neben dem Zugang zu einer Gruft: Der Archäologe und Kulturhistoriker Dr. Thilo Warneke.

Darüber freut sich heute der Archäologe, der zusammen mit anderen Fachleuten die Geschichte der Karlskirche enträtseln will. Vieles ist bereits bekannt. Die Mehrzahl der Grabstätten wurde aus Backsteinen gemauert, einige auch aus Natursteinen. Teilweise lagen zwei Särge übereinander. Die Reste der Holzsärge und auch einige Gebeine kann man noch gut erkennen. Sie sollen an ihrem jetzigen Platz bleiben.

Aus Akten im Staatsarchiv Marburg geht hervor, dass in der Karlskirche 40 Menschen bestattet wurden. Nur ein Grab lässt sich demnach genau zuordnen. Es handelt sich um einen Adligen namens Achilles von Broglio, der 1758 in einer Schlacht bei Sandershausen ums Leben kam. Ein Kasseler Verwandter hat für seine Bestattung und irgendwann verschwundene eine Gedenktafel gesorgt.

Seit Anfang Juni ruhen die Bauarbeiten. Bei der Untersuchung des Untergrunds der Kirche kamen auch mehrere Kupfermünzen ans Tageslicht. Sie stammen aus den Jahren 1688 bis 1874. Auf einigen von ihnen sind die Buchstaben F und R zu sehen. Sie stehen für Fridericus Rex, also König Friedrich. Dabei handelt es sich um den Sohn von Landgraf Karl, der nach seiner Hochzeit König von Schweden wurde.

Wie lange sich durch die Funde die Sanierung der Karlskirche verzögern wird, ist derzeit noch ungewiss. Geplant ist eine abnehmbare Bodenplatte, um auch in späteren Jahren noch Nachforschungen zu ermöglichen. Ziel ist es nach wie vor, die Kirche zu Ostern 2019 wieder zu öffnen.

Die Karlskirche in Kassel: Hugenotten, Trümmer, Wiederaufbau

Als die französischen Glaubensflüchtlinge vor gut 300 Jahren die Karlskirche bauten, war das ein klares Zeichen. Kassel war ihre neue Heimat geworden, sie wollten bleiben. Im Jahr 1710 wurde die Kirche fertig.

Das französische Erbe hat Kassel bis heute geprägt. Unter den Glaubensflüchtlingen waren hoch qualifizierte Fachleute wie die Baumeisterfamilie du Ry. Vom Königsplatz über das Fridericianum bis hinauf zu den Seitenflügeln von Schloss Wilhelmshöhe hat insbesondere Simon Luis du Ry Spuren hinterlassen. Auch Denis Papin, der geistige Vater der Wasserspiele und Pionier bei der Entwicklung der Dampfmaschine, war ein Hugenotte.

Postkartenmotiv: Vor 60 Jahren gab es noch viel Freiraum rund um die Karlskirche.

Als Märchenerzählerin und wichtige Quelle für die Grimms ist Dorothea Viehmann bis heute bekannt. Sie war eine geborene Pierson, ihre Vorfahren kamen aus Frankreich. Für Kassel und die Region waren die Flüchtlinge aus heutiger Sicht ein Gewinn. Landgraf Karl gewährte ihnen politisches Asyl. 4000 fanden damals zwischen Kassel und Bad Karlshafen eine neue Heimat. Problemlos lief das nicht. Es gab große Vorbehalte der einheimischen Bevölkerung und auch erhebliche sprachliche Barrieren.

Die aus heutiger Sicht gelungene Integration war deshalb über Jahrzehnte gar nicht so selbstverständlich. Rund um die Karlskirche entstand mit der Oberneustadt eine der bedeutendsten Hugenotten-Ansiedlungen Deutschlands. Trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg sind davon noch viele Zeugnisse zu sehen. Auch von der Karlskirche blieben nur die Grundmauern übrig. Der Wiederaufbau in ihrer heutigen Form war erst 1957 beendet.

Friedhof unter Kasseler Karlskirche entdeckt

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Mit dem Bau des Ufa-Palastes (heute Cinestar) hat sich das Umfeld der Karlskirche stark verändert. Bekannt ist die Kirche für ihr Glockenspiel. Das ist an Sonn- und Feiertagen ebenso zu hören wie vor den Gottesdiensten und zu weiteren Anlässen. Die Melodien werden von einem Carilloneur gespielt. Das ist der französische Name für einen Glockenspieler.

Die Oberneustädter Kirchengemeinde wurde vor zehn Jahren mit der Freiheiter Kirchengemeinde sowie der Gemeinde der Lutherkirche und der Unterneustadt vereinigt. Sie alle bilden die evangelische Kirchengemeinde Kassel-Mitte.

Zerstörung im Krieg: Von der Kirche blieb nur eine Ruine übrig.

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