Bahnhofsviertel

Verschlechtern sich in Frankfurt die Arbeitsbedingungen für Prostituierte?

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Prostitutionsstätten müssen sich in Deutschland seit Juni 2017 registrieren lassen. Das soll dem Schutz der Prostituierten dienen. In Frankfurt läuft die Registrierung jedoch nur schleppend. 

Die Organisation Doña Carmen hält die Zahl der offiziell in Frankfurt gemeldeten Bordelle für zu gering. Das löst bei den Aktivistinnen Sorge um die Prostituierten aus. 

Frankfurt - Das Bahnhofsviertel, das Allerheiligenviertel, der Straßenstrich an der Theodor-Heuss-Allee: Einschlägige Adressen hat Frankfurt genug. 168 an der Zahl - das schätzte der Magistrat noch vor wenigen Jahren. Die Zahl der seit Juli 2017 registrierten Prostitutionsbetriebe in der Stadt aber ist deutlich geringer. 44 Etablissements haben einen entsprechenden Antrag gestellt. 

Diese teilen sich auf in sechs Escortbetriebe, 18 Großbetriebe (Laufhäuser, Bordelle, FKK-Club, etc.), zehn Terminwohnungen und zehn Massagestudios, wie der Magistrat jetzt mitgeteilt hat. In den Jahren 2018 und 2019 wurden für ein Laufhaus, fünf Escortbetriebe, zwei Massagestudios und zwei Terminwohnungen Anträge gestellt. Somit sind 54 Etablissements auf dem Weg in die Legalität.

Und was ist mit den übrigen 112? "Drei Viertel aller Frankfurter Prostitutionsstätten wie vom Erdboden verschluckt!" überschreibt die Organisation Doña Carmen, die sich für die Rechte Prostituierter einsetzt, eine Pressemitteilung zum Thema. Wohl kaum, vermutet die Organisation und befürchtet, dass sich die Arbeitsbedingungen für Sexualarbeiterinnen deutlich verschlechtern könnten, weil die Zahl der legalen (also angemeldeten) Prostitutionsstätten so gering ist.

Bahnhofsviertel: Schlechtere Arbeitsbedingungen für Prostituierte in Frankfurt?

Der Magistrat teilt derlei Bedenken nicht. Nach dessen Einschätzung haben alle bekannten Etablissements eine Genehmigung beantragt. Beantragt ist aber noch längst nicht genehmigt. "Bis heute wurden für fünf Escortbetriebe, ein Massagestudio und ein Laufhaus Erlaubnisse erteilt", berichtet der Magistrat.

Da alle Unternehmen, die schon vor Beginn des Prostituiertenschutzgesetzes existierten, Bestandsschutz genießen, dränge die Genehmigung nicht so sehr wie bei den neu gegründeten Etablissements. Bislang hat die Stadt für eine Terminwohnung die Erlaubnis versagt, da trotz Aufforderung nicht alle Unterlagen eingereicht wurden. 43 Anträge aus dem Jahr 2017 sind noch nicht entschieden, über die beiden Massagestudios und Terminwohnungen, die danach beantragt wurden, ebenfalls noch nicht. Der Prüfungsaufwand variiert laut Magistrat auch in der Dauer, weil Akten bei Justizbehörden angefordert werden müssten. "Zudem bestehen aufgrund fehlender personeller Ressourcen Bearbeitungsstaus", erklärt der Magistrat. Drei Mitarbeiterinnen bearbeiten die Anträge, eine davon in Teilzeit.

Bürokratie im Bahnhofsviertel: In die Illegalität abtauchen

Deutliche Kritik kommt von Doña Carmen: "Das per Gesetz bewusst aufwendig gestaltete Prozedere der Prostitutionsstätten-Konzessionierung zielt darauf ab, dass ein Großteil der Prostitutionsstätten bereits im Vorfeld einer Konzessionierung entweder das Handtuch wirft oder aber in die Illegalität abtaucht. In der Folge finden Sexarbeiter/innen immer weniger legale Arbeitsplätze und werden in die Isolation und Anonymität der Kundenakquise via Internet abgedrängt." Das zeige auch die Diskrepanz zwischen der vom Magistrat noch vor wenigen Jahren geschätzten Zahl der Prostitutionsstätten und der tatsächlich eingereichten Anträge. Die Aussage des Magistrats, alle im August 2017 bekannten Prostitutionsbetriebe hätten einen Antrag gestellt, bezeichnet Doña Carmen "als glatte Lüge". Mit ihrer Genehmigungspraxis schaffe die Stadt "gezielt ein Klima der Rechtsunsicherheit im Prostitutionsgewerbe".

Die Frage der Linken-Fraktion im Frankfurter Römer, die wissen wollte, wie oft die Stadtpolizei in den Etablissements kontrolliert, konnte der Magistrat nicht beantworten. Dazu gebe es keine Statistik. Wegen illegalen Bordellbetriebs wurden etwa 20, wegen illegaler Prostitution 54 Ordnungswidrigkeitsanzeigen erstattet.

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Prostitution im Bahnhofsviertel Frankfurt: Beratung ist gefragt

Während es mit der Anmeldung und Genehmigung von Betrieben im horizontalen Gewerbe also eher schleppend vorangeht, nutzen die Prostituierten die Beratungsangebote rege: 2804 Sexarbeiterinnen haben seit 2017 Beratungen in Anspruch genommen, insgesamt waren es bislang 3401 Gespräche. Neun von zehn Prostituierten nutzen dabei einen Aliasnamen. Die meisten kommen aus dem Ausland, viele aus Osteuropa. Die Wartezeit für eine Beratung in der Muttersprache der Frau dauert laut Magistrat nicht länger als eine Woche.

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Die Frage, wie viele Prostituierte gegen ihren Willen in Frankfurt arbeiten, konnte der Magistrat nicht beantworten. Zu rechnen sei mit einer hohen Dunkelziffer, aber: "Bisher gab es lediglich zwei Fälle, in denen aus dem Beratungsvorgang eindeutig auf das Vorliegen von Zwangsprostitution geschlossen werden konnte", erläutert der Magistrat.

Von Thomas J. Schmidt

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