Das Dröhnen ist für Anwohner unerträglich

Gebete gegen Fluglärm - Über hundert Menschen feiern Gottesdienst im Stadtwald

Pfarrerin Silke Alves-Christe predigte im Stadtwald vor rund 100 Fluglärmgegnern. Foto: Hamerski

Mit einem Gottestdienst protestierten über hundert Menschen gegen den Fluglärm - bezeichnenderweise wurden Teile der Gebete von den landenden Düsenjets übertönt. 

Frankfurt - Gerade, als das Lied "We shall overcome", die Hymne aller Protestbewegungen, angestimmt wird, taucht wieder einer jener Schatten über den Bäumen des Stadtwaldes auf, der sich rasch nähert und schließlich über die Köpfe der Singenden hinwegdonnert: eines der Tausenden von Flugzeugen, die täglich auf dem Frankfurter Flughafen starten und landen. Mit einem Dröhnen, das Betroffene, die in den Einflugschneisen leben, als unerträglich empfinden. Gut 100 Menschen haben sich deshalb am gestrigen Sonntagnachmittag zu einem Gottesdienst im Stadtwald versammelt, um mit Liedern und Gebet gegen das Getöse am Himmel zu protestieren.

Gottesdienst gegen Fluglärm: Seit Stunden wach

Viele der Gottesdienstbesucher dürften zu jenem Zeitpunkt schon seit vielen Stunden wach sein. Zum Beispiel Friedhilde Scholl, die in der Heimatsiedlung lebt. Um 5 Uhr reiße sie das Grollen der Maschinen jeden Morgen aus dem Schlaf, sagt sie. Sorge bereitet ihr außerdem die Feinstaubbelastung: "Jeden Tag werden eine Million Liter Kerosin über unseren Köpfen verbrannt, davon kommt auch etwas unten bei uns an."

Seit Jahren engagiert sie sich deshalb in der Bürger-Initiative Sachsenhausen (BIS), die den gestrigen Gottesdienst zusammen mit der evangelisch-lutherischen Dreikönigsgemeinde veranstaltet hat.

"Lug und Trug" beim Bau der Nordwest-Landebahn

Bei der einstündigen Veranstaltung findet Pfarrerin Silke Alves-Christe deutliche Worte. "Lug und Trug" hätten vor acht Jahren beim Bau der Nordwest-Landebahn mitgespielt, kritisiert sie. Plötzlich sei der Bannwald nicht mehr geschützt gewesen, und es habe "betrügerische Berechnungen" des Lärms gegeben. Das Vertrauen in die Verantwortlichen sei dahin, schließlich sei deren Verhalten von Ignoranz und Rücksichtslosigkeit geprägt. "Wie verständnislos, wie herzlos sind die Menschen, die planen, unsere Belastungen noch zu steigern?" Hoffnung mache ihr die Jugend und deren Bewegung "Fridays for Future", sagt die Pfarrerin in ihrer Predigt. Dass Fliegen eine Bedrohung für das Klima sei, das müsse aber "von Montag bis Sonntag Thema werden".

Immer wieder wird ihre Predigt vom Dröhnen der Flugzeuge gestört. Alves-Christe kennt das nur zu gut. Schon lange sei beispielsweise der Südfriedhof "kein Ort des Friedens" mehr, sagt sie. Allzu häufig würden Segensworte vom Fluglärm übertönt, Trauernde fänden keine Ruhe an den Gräbern.

Bürgerinitiative wehrt sich gegen das Geschäftsmodell

Der Gottesdienst "ist Ausdruck unserer Hilflosigkeit", sagt BIS-Sprecher Wolfgang Heubner. Die Bürgerinitiative sei nicht grundsätzlich gegen den Flughafen. "Aber wir sind gegen das Geschäftsmodell, das am Flughafen praktiziert wird."

Auch interessant: Thomas Cook Deutschland ist pleite 

60 Prozent aller Passagiere nutzten Frankfurt nur als Transitstation - "die brauchen wir nicht". Auch Nacht- und Inlandsflüge seien unnötig. Auf diese Weise lasse sich die Zahl der Flugbewegungen um 150 000 reduzieren.

Stadträtin Ursula Fechter von der Stabsstelle für Fluglärmschutz trägt ein Grußwort von Oberbürgermeister Peter Feldmann vor, der den Lärmgeplagten seine Solidarität versichert: "Dass es weniger Fluglärm geben muss, diese Erkenntnis hat die Politik erreicht." Ziel müsse ein "echtes Nachtflugverbot" bleiben.

Viraler Hit: Tetris-Challenge* erreicht den Frankfurter Flughafen

Das würde vermutlich jeder der Zuhörer unterschreiben, ebenso die Mitglieder des Nachbarschaftschors, der mit Liedermacher Steve Collins den Gottesdienst musikalisch umrahmt. Was nicht immer leicht ist. Just als die letzte Strophe von "We shall overcome" verklingt, gleitet schon das nächste Flugzeug über die Köpfe - und die Musik geht ein wenig im Dröhnen der Motoren unter.

Diese Artikel auf fnp.de* könnten Sie auch interessieren:

Fluglärm in Frankfurt: Wann es wo wie laut ist

Es ist nicht zu überhören: Am Frankfurter Himmel tummeln sich ganz schön viele Flugzeuge. Aber weshalb sind sie an manchen Tagen lauter als an anderen? Und in welchem Stadtteil leiden die Frankfurter besonders unter dem Fluglärm? Ein Erklärstück.

Versüßen 216 000 Euro den Fluglärm?

Mörfelden-Walldorf gehört zu den 21 Kommunen, die besonders von Fluglärm belastet sind. Diese Städte und Gemeinden erhalten dafür vom Land Hessen eine jährliche Entschädigungsleistung. Die Doppelstadt bekommt 216 000 Euro pro Jahr.

Bürgerinitiative demonstriert gegen Fluglärm vor dem Frankfurter Römer

Bei einer Kundgebungen vor dem Römer und an einem Infostand auf der Zeil ging es gestern um das Thema Fluglärm.

*fnp.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks 

Kommentare