Stadtentwicklung

70000 neue Wohnungen bis 2030: Das ist Frankfurts Wachstums-Konzept

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In zehn Jahren dürften in Frankfurt 130000 Menschen mehr leben als heute. Dafür braucht es Wohnraum. Die Stadt hat jetzt ein Konzept vorgelegt. 

Frankfurt stellt die Weichen für weiteres massives Wachstum. Wir geben einen Überblick über Zahlen, Orte und Meinungen, die für die Pläne wichtig sind. 

Frankfurt – Fürs Wachstum kratzt Frankfurt jetzt seine letzten Flächen zusammen. Denn in zehn Jahren dürften 830 000 Menschen oder noch mehr in Frankfurt wohnen. Das Wachstum wird fortan aber geregelt verlaufen: mit dem integrierten Stadtentwicklungskonzept "Frankfurt 2030+", abgekürzt Istek.

Die Stadtverordneten haben es am vorigen Donnerstag als offizielle Linie der Stadt "für die mittelfristige Entwicklung" beschlossen. "Frankfurt verpflichtet sich zu einer sozial- und klimagerechten Stadtentwicklung", heißt es gleich im ersten Satz. Das Konzept schreibt fest, wo neue Wohn- und Gewerbegebiete entstehen und wo nachverdichtet werden soll.

Für Frankfurt ist das eine Premiere: Ein übergreifendes Konzept gab es zuvor nicht. Was darin steht, wie es entstand: hier der Überblick.

Frankfurt im Wachstum: So viele neue Wohnungen und Einwohner sind zu erwarten

Die Zahlen:90 000 neue Wohnungen sind bis 2030 in Frankfurt nötig, die Hälfte des regionalen Bedarfs. 20 000 davon sind schon in der Planung, weitere 70 000 ermöglicht das Istek. Die Stadt kann damit um 130 000 Einwohner wachsen. Als es 2014 losging mit der Erarbeitung des Istek, wurde mit einer Steigerung der Einwohnerzahl von 700 000 auf 830 000 kalkuliert.

Inzwischen aber hat die Stadt bereits mehr als 750 000 Einwohner. Lichtblick: Seit 2016 hat sich der Zuwachs verlangsamt. Statt noch mehr als 15 000 Menschen im Jahr 2015 stieg die Bevölkerungszahl 2018 nur noch um rund 6000 an.

Frankfurt im Wachstum: Das ist das Konzept für das elf Ämter kooperierten

Das Konzept:Seit 2014 wurde das Istek erarbeitet, Bürger brachten in mehreren "Dialog"-Veranstaltungen Ideen ein. Wie epochal es sei, dass elf Ämter kooperierten, betont Planungsdezernent Mike Josef (SPD). Denn die hessische Magistratsverfassung sehe eigenständige Dezernate vor. Um zu ergründen, wo Wachstum möglich ist, hat die Stadt erstmals das gesamte Stadtgebiet, 220 Flächen, untersucht. Das Ergebnis zeigt, wo gebaut werden könnte, wo nicht - und warum. "Wir schaffen Transparenz und Struktur", sagt Josef. Ihn freut: "Wir können das Wachstum realisieren, ohne an den Grüngürtel oder den Stadtwald herangehen zu müssen."

Frankfurt im Wachstum: Darum wird gestritten und das sind die Lösungen

Der Streit:Die größte mögliche Entwicklungsfläche auf dem Pfingstberg zwischen Nieder-Erlenbach, Nieder-Eschbach und Harheim lehnt die CDU vehement ab - es ist zugleich ein Lieblingsprojekt der SPD. Die Sozialdemokraten dagegen stemmen sich gegen zu massive Nachverdichtung. Die Grünen wiederum lehnen ein weiteres Gewerbegebiet zwischen dem Ikea-Gewerbegebiet und der A5 ab, wollen dort den Grüngürtel erhalten.

Die Lösung:Alle Projekte, genannt "Perspektivräume", sind zwar in einer "Strategiekarte" in der gedruckten Fassung des Istek enthalten und damit auch Teil der Gesamt-Materialsammlung. Jedoch fehlt die Karte in den Unterlagen des Parlamentsbeschlusses. Stattdessen gibt es eine Karte der "Schwerpunkträume", auf deren Entwicklung sich die Koalition geeinigt hat.

Frankfurt im Wachstum: Hier soll die Stadt hinwachsen

Die Entwicklungsräume:In acht Gebieten soll die Stadt wachsen. Größtes ist der Nordwest-Stadtteil beiderseits der A5 zwischen Praunheim und Steinbach (12 000 Wohnungen). Dank der Einhausung der A661 sollen Bornheim und Seckbach im Ernst-May-Viertel zusammenwachsen (4000 Wohnungen). Neu gebaut wird zudem am Römerhof (2000 Wohnungen), der Gutleuthafen soll Wohngebiet werden, verdichtet wird in vielen Innenstadt-Quartieren.

Aufstockung und Nachverdichtung sollen 60 Prozent der neuen Wohnungen schaffen, vor allem im mittleren Norden, wo gleich quartiersweise Mehrfamilienhäuser erhöht werden. Mehr Platz für Firmen soll durch eine bessere Nutzung des Gewerbegebiets Sossenheim/Rödelheim geschaffen werden. Zusätzliche Wohn- und Gewerbeflächen sollen in Griesheim und Nied entstehen.

In acht Gebieten soll die Stadt wachsen. In unserer Grafik haben wir sie markiert. 

Frankfurt im Wachstum: Pro und Contra für das neue Konzept

Die Befürworter:"Darauf können wir alle stolz sein", ist CDU-Planungspolitiker Albrecht Kochsiek zufrieden. Mit dem Istek schaffe Frankfurt die Zahl von Wohnungen, die benötigt würden. "Wir wollen den Druck aus dem Markt nehmen." Das sieht Mike Josef ebenso: "Ein bezahlbares Dach über dem Kopf muss die Maxime unserer Politik sein." Dass das Istek auch Umwelt- und Klimaschutz berücksichtige, betont Grünen-Planungsexperte Uli Baier. Und Sieghard Pawlik, wohnungspolitischer Sprecher der SPD, unterstreicht, dass das Konzept eine "bindende Selbstverpflichtung" sei. Er mahnt die Wohnungsbau-Kritiker: "Sich nur darauf zu beschränken zu sagen, das wollen wir nicht, ist zu wenig."

Die Kritiker:"Das Istek ist wichtig, aber in vielen Teilen unkonkret, fast schwammig", sagt Elke Tafel-Stein (FDP). Die Liberalen lehnen die Entwicklung des Gutleuthafens zum Wohngebiet ab. Über "Nullo-Wörter" im Konzept schimpft Manfred Zieran (Ökolinx). "So schiebt man Probleme vor sich her." BFF-Fraktionschef Matthias Mund findet das Istek "erschreckend überflüssig". Es würden "beste landwirtschaftliche Böden zubetoniert".

Die AfD fürchtet laut Reinhard Stammwitz "Dichtestress" für die Stadtbewohner, fordert "eine gezielte Steuerung" des Zuzugs - sagt aber nicht, wie das geschehen soll. Da "keine bezahlbare Mobilität einbezogen" werde, lehnt die Linke das Istek ab, erklärt Eyup Yilmaz.

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann

Nicht nur Frankfurt selbst, auch das Umland soll wachsen: Mit dem Projekt "Frankfurter Bogen" sollen bis zu 200.000 neue Wohnung rund um Frankfurt entstehen. Minister Al-Wazir macht den Bürgermeistern sein Wohnbauprojekt mit Kostenzusagen vom Land schmackhaft.

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