Geschäftsführer Lars Ernst im Interview

Rekord-Bilanz am Kasseler Flughafen: So viele Passagiere wie noch nie

+

Der Kassel Airport in Calden blickt auf sein bislang erfolgreichstes Jahr nach dem Ausbau zum Regionalflughafen zurück. Nie flogen so viele Passagiere ab und nach Calden wie 2018.

132.000 Passagiere gibt der Flughafen für das vergangene Jahr an, das sind fast doppelt so viele wie noch 2017 (70.000 Passagiere). Grund dafür ist vor allem das regelmäßige Angebot der Fluglinie Sundair in Kooperation mit dem Reiseveranstalter Schauinslandreisen, das erstmals ein komplettes Jahr abdeckte. Die Zahl der Flugbewegungen stieg um 22 Prozent auf über 31.000. Darin enthalten sind auch Fracht- und Privatflüge.

Im laufenden Jahr würden die Passagierzahlen mindestens gehalten, wenn nicht verbessert, sagt Airport-Geschäftsführer Lars Ernst im HNA-Interview. Derzeit hat die Flughafen GmbH einen Stamm von 156 Mitarbeitern, der zum Sommer auf 167 Mitarbeiter aufgestockt wird. Wie hoch das Betriebsdefizit für 2018 ausfallen wird, ist noch nicht bekannt. 2017 hatte es bei etwa sechs Millionen Euro gelegen. Die Prognose für 2018 lag noch darunter. Damit würden die Vorgaben des Landes Hessen zur Defizitreduzierung um zehn Prozent pro Jahr erfüllt.

Hessens Finanzminister Thomas Schäfers äußerte sich via Pressemitteilung. "Flughäfen brauchen mehrere Jahre, um sich am Markt zu etablieren und sich zu stabilisieren. Dem Kassel Airport ist dies nun gelungen", sagte er. Ende 2017 hatte die schwarz-grüne Landesregierung der Rückstufung zum Verkehrslandeplatz nach der Veröffentlichung einer Studie über die Wirtschaftlichkeit eine Absage erteilt. 

Interview mit Geschäftsführer Lars Ernst

Herr Ernst, die Bilanz des Flughafens liest sich extrem positiv. Von einem Rekord ist die Rede. 

Lars Ernst: Wir sind mit der gegenwärtigen Entwicklung sehr zufrieden, ja. 

Welche Lehren können Sie dann aus 2018 mit Blick auf dieses Jahr ziehen? 

Hinter uns liegt ein erfolgreiches Jahr und wir werden weiter am Erfolg des Flughafens und der Zufriedenheit unserer Passagiere und Partner arbeiten. Alle operativen Bereiche laufen, Optimierungsbedarf gibt es aber immer und überall. Beispielsweise werden wir uns im Bereich der Flugzeugabfertigung etwas anders aufstellen und die Prozesse dort weiter optimieren, so dass manches noch etwas runder läuft. Da können wir straffen. 

In der Öffentlichkeit wird meist ausschließlich die klassische Urlaubsfliegerei gesehen. Wie entwickelt sich derzeit der Frachtverkehr? 

Der Frachtverkehr ist ein eher schwieriger Bereich, den man gar nicht so leicht beeinflussen kann. Im Bereich der Kurier- und Expressfracht läuft es tagsüber wie in den Jahren zuvor. Was wir momentan nicht haben, sind die Nachtflüge. Die gehen nach England, der Logistiker sucht derzeit eine neue Fluggesellschaft. Nur wissen wir ja gar nicht, wie es dort Ende März weitergeht. Da haben wir aktuell keine Planungssicherheit. 

Lars Ernst, Geschäftsführer Flughafen GmbH

Sie spielen auf den Brexit an. Welche Gefahr besteht da für den Flughafen? 

Da sind natürlich mögliche Nachteile, aber auch Chancen. Es könnte sein, dass es schwieriger wird, die jetzigen Produkte so nach England zu bekommen, dass sie zeitlich in die Verteilung passen. Andererseits könnten bestimmte Sachen zukünftig nicht mehr über die Straße transportiert werden, sondern müssten wegen der Zeitknappheit geflogen werden. 

Der Sommerflugplan ist in diesem Jahr etwas vorsichtiger zusammengestellt worden. Es sollen weniger Flüge abgesagt oder umgeleitet werden. Welche Auslastung erwarten Sie? 

Wir gehen davon aus, dass die Auslastung weiter steigen wird. Wenn noch weitere Flüge hinzukommen, könnte es wieder sehr ordentliche Zahlen geben. Schon jetzt konnten wir das ursprüngliche Angebot durch die gesteigerte Nachfrage erweitern. So wird es zum Beispiel im Sommer einen weiteren, fünften Mallorca-Flug geben. 

Immer wieder werden alte Prognosen bemüht, die für das Jahr 2020 "wahrscheinliche" Passagierzahlen von 640.000 beschreiben, später wurde auf 380.000, zuletzt 139.000 korrigiert. Waren die Prognosen schlecht oder wurde in Calden falsch gearbeitet?

Bei den Prognosen wurden die damals geltenden Rahmenbedingungen betrachtet. Dabei ist die Nachfrage nur die eine Sache. Nachfrage ist da, ein Angebot zu schaffen ist aber immer auch eine Herausforderung. Die Entwicklung im Luftverkehr spielt da eine sehr starke Rolle. Die Bedingungen sind da jetzt komplett andere. Und wir nähern uns doch langsam den letzten Prognosezahlen. 

Was hat sich geändert? 

Zum Beispiel haben damals die Low-Cost-Carrier noch in der Fläche und mit sehr hohen Passagierzahlen operiert. Die gehen jetzt aber vor allem an die etablierten Groß-Flughäfen. Dieses Segment, was zu den damaligen Prognosen mit berücksichtigt wurde, hat sich komplett verlagert. Das war so nicht vorhersehbar. 

Das heißt, dass bei größerem Angebot ab Calden auch die Passagierzahlen deutlich steigen würden? 

Wenn wir z.B. eine Drehkreuzverbindung anbieten würden, würden natürlich auch die Passagierzahlen schneller steigen. Da ist nur derzeit so viel Umbruch, dass man das nicht zuverlässig vorhersagen kann. Schon in zwei, drei Jahren kann die Situation in der Branche eine ganz andere sein. 

Ab Juni geht es mit Rhein-Neckar-Air nach Sylt. Wie wichtig ist es, eine zweite Airline in Calden zu haben, die regelmäßig fliegt? 

Sylt ist ein neues Flugziel und ein neues Segment für uns. Das ist was anderes als der klassische touristische Bereich. Wir hoffen, dass wir auch weiterhin so neue Produkte etablieren können. Wir arbeiten jedenfalls intensiv daran. 

Inlandsflüge stehen wegen ihrer Klimabelastung immer wieder in der Kritik. Behält man solche Aspekte im Blick, wenn man einen Flughafen wirtschaftlich führen muss? 

Flüge stehen wegen ihrer Klimabelastung immer wieder in der Kritik. Unser Auftrag ist es aber, einen Flughafen zu betreiben, kein Flugzeug und keine Airline. Insofern sind wir bestrebt, dass hier Flugzeuge starten und landen. Der Betreiber einer Autobahn wird ja auch nicht verantwortlich gemacht für den Spritverbrauch der Lkw oder SUVs, die darüber fahren. Dafür verantwortlich ist der Spediteur, Fahrzeughalter oder Fahrzeughersteller. Natürlich machen wir uns auch Gedanken über die Umweltbelastung, aber im Flughafenkontext ist es schwierig, über einzelne Flüge und deren CO2-Belastung zu diskutieren.

Natürlich machen wir uns auch Gedanken über die Umweltbelastung, aber im Flughafenkontext ist es schwierig, über einzelne Flüge und deren CO2-Belastung zu diskutieren. Eine DO328 verbraucht laut einschlägigen Veröffentlichungen auf 100 Kilometern unter 5 Liter pro Person (bei 31 Passagieren). Die Flugstrecke ist mit knapp 400 km deutlich kürzer als die Strecke über die Autobahn mit über 600 km, den Spritverbrauch im Stau noch gar nicht berücksichtigt. Ich bin mir deshalb sicher, dass Fahrzeugverkehr auf der Strecke von Kassel nach Sylt oft einen höheren CO2-Ausstoß erzeugt.

Am nächsten Großflughafen Frankfurt fallen regelmäßig eine ganze Reihe Flüge wegen Streiks aus. Könnte Kassel-Calden da für die Passagiere nicht in die Bresche springen? 

Das können wir nicht beeinflussen, das ist eine Entscheidung der Reiseveranstalter und Luftverkehrsgesellschaften. Die wissen, dass es uns gibt, und wir stehen bereit und helfen natürlich gern aus.

Pro Sieben dreht derzeit eine neue Serie in Calden, die von einem Flughafen handelt, an dem wenig Betrieb herrscht. Das ist Futter für viele Kritiker. 

Die Kritiker wird es auch in den nächsten Jahren noch geben - unabhängig vom jeweiligen Thema rund um den Flughafen. Die werden wir vermutlich auch nicht davon überzeugen können, eine positivere Einstellung zum Flughafen zu bekommen. Da können wir machen, was wir wollen. Zum Glück ist dies aber auch nur ein kleiner Anteil in der Region. Wir haben auf der anderen Seite viele positive Rückmeldungen bekommen. Die ganze Region profitiert von den Dreharbeiten hier. Es geht in der Serie nicht darum, unseren Flughafen durch den Kakao zu ziehen, die Story ist eine andere. Das Ganze spielt an einem fiktiven Flughafen. Ich freue mich auf die Ausstrahlung der Serie.

Zur Person: Lars Ernst ist seit Anfang April 2017 Geschäftsführer der Flughafen GmbH Kassel. Nach dem Abschluss seiner juristischen Ausbildung 2004 arbeitete Ernst zunächst zwei Jahre als Rechtsanwalt und Steuerjurist. 2010 begann seine Tätigkeit in Calden als Bereichsleiter „Operation & Sicherheit“. Später übernahm er die Funktion des Kaufmännischen Leiters. Ernst ist 45 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Ahnatal.

Aus unserem Archiv: Der Sundair-Airbus für den Flughafen Kassel

Kommentare