Flughafen Frankfurt

Fluglärm-Gegner: 300. Demonstration steht an – Neue Kampagne startet

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Machen jeden Montag in Terminal 1 lautstark auf sich aufmerksam: die Fluglärmgegner, hier bei ihrer 200. Demo im Jahr 2017. Heute findet die 300. Montagsdemonstration statt. Auf ihr soll eine Kampagne gegen das Fliegen auf Kurzstrecken in Deutschland gestartet werden.

Heute treffen sich die Fluglärmgegner zu ihrer 300. Demonstration im Terminal 1 des Flughafens. Es ist gleichzeitig der Start der Kampagne "Deutschland fliegt nicht", die sich gegen Inlandsflüge richtet.

Frankfurt – Montag für Montag stehen die Fluglärmgegner im Terminal 1 des Flughafen - seit bereits acht Jahren. Sie halten Plakate in die Höhe, nutzen Trommeln, Tröten und Trillerpfeifen, um lautstark ihren Unmut kundzutun über die Flugzeugen die tagtäglich im Minutentakt in nur wenigen hundert Metern Höhe über ihre Häuserdächer hinwegdonnern, seitdem die Nordwest-Landebahn im Oktober 2011 eröffnet wurde.

Jeden Morgen um fünf Uhr werden sie von den lauten Jets geweckt. Mit gekippten Fenster schlafen? Unmöglich. Im Sommer gemütlich im Garten sitzen bei Kaffee und Kuchen? Unmöglich. Zu laut. Deshalb kommen die Protestler Woche für Woche am Flughafen zusammen. Mal sind es 100 Teilnehmer, mal 500, mal deutlich mehr. Heute Abend versammeln sie sich abermals um 18 Uhr in der Abflughalle B - zum 300. Mal.

Flughafen Frankfurt: Fluglärm-Gegner hoffen auf langfristigen Erfolg 

"Wir erwarten zwischen 1000 und 2000 Demonstranten", sagt Wolfgang Heubner von der Bürgerinitiative Sachsenhausen, der die Veranstaltung mitorganisiert hat. Im Vorfeld seien allein 650 Politiker aus Hessen angeschrieben worden, um sie einzuladen.

Fest steht schon jetzt: Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) wird nicht teilnehmen. "Er hat einen anderen Termin", sagt Heubner. Allerdings soll ein Grußwort von ihm verlesen werden. Persönlich erscheinen hingegen wird Thomas Will (SPD), Landrat von Groß-Gerau. Er wird eine kleine Rede halten. Zudem wird der Kabarettist Lars Reichow auftreten. Höhepunkt ist der Start der Kampagne "Deutschland fliegt nicht" (siehe "Kampagne beginnt heute Abend"), die sich gegen Inlandsflüge richtet.

Doch was bringt es, dass sich die Fluglärmgegner Woche für Woche im Terminal treffen? Das Terminal 3 konnten sie nicht verhindert, es wird derzeit gebaut. Die Zahl der Passagiere steigt ebenso wie tendenziell die der Flugbewegungen, selbst wenn es diesen Winter weniger Flüge gibt. In den zurückliegenden Jahren dürfte es eher lauter statt leiser geworden sein. Größte Errungenschaft der Bürgerinitiativen ist weiter das Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr, oder, wie es die Fluglärmgegner nennen: die Nachtflugbeschränkung.

Fluglärm-Gegner in Frankfurt überzeugt: "Brauchen Riesen-Flughafen nicht"

"Unser Kampf ist ein langfristiges Projekt", sagt Wolfgang Heubner. Bis das Rauchen am Arbeitsplatz verboten worden sei, habe es auch Jahrzehnte gedauert. "Wir sind der Stachel in der Haut von Fraport, der ihnen zeigt, dass wir uns nicht alles gefallen lassen", sagt Heubner über den Flughafenbetreiber. Zudem sei es den wöchentlichen Demonstrationen und dem Einsatz der betroffenen Anwohner zu verdanken, dass der Fluglärm und seine Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in der öffentlichen Diskussion fest verankert sei.

"Wir brauchen diesen Riesen-Flughafen hier nicht", ist Heubner überzeugt. Mehr als 55 Prozent der Fluggäste seien Umsteiger. Heißt: Sie sehen Frankfurt nicht, lassen im Rhein-Main-Gebiet kein Geld, sondern fliegen sofort weiter an einen anderen Ort. "Wenn man diese Flüge und die Inlandsflüge reduzieren würde, könnten wir mit dem Flughafen leben", sagt Heubner. Und dann sei auch die Nordwest-Landebahn überflüssig.

Flughafen Frankfurt: Betreiber Fraport widerspricht Fluglärm-Gegnern

Naturgemäß sieht das der Flughafenbetreiber ganz anders. "Mit dem Bau der Landebahn konnten wir die dringend benötigte Kapazität für das stattfindende weitere Wachstum zur Verfügung stellen", sagt ein Fraport-Sprecher. Vor allem in Spitzenzeiten laufe der Betrieb reibungsloser. Bis Ende September wurden 838 968 Landungen auf der neuen Bahn gezählt. Das entspreche rund 45 Prozent aller Landungen seit Eröffnung der Bahn.

"Wir wissen aber auch um Belastungen für die Menschen und nehmen diese Verantwortung ernst", betont der Sprecher. "Das ist für uns eine Daueraufgabe, bei der wir nicht locker lassen werden." So sei Fraport internationaler Vorreiter beim aktiven und passiven Lärmschutz. Zwischen 2012 und 2019 stieg der Anteil der Lärmentgelte in Frankfurt um 150 Prozent. "Die finanziellen Anreize für Airlines, am Flughafen Frankfurt modernes und geräuscharmes Fluggerät einzusetzen, zeigen Wirkung", sagt der Sprecher. "Und wir haben in unserem aktuellen Entgeltantrag die lärmabhängigen Komponenten weiter erhöht."

Auch weitere aktive Schallschutzmaßnahmen, wie zum Beispiel über Satellitennavigation gesteuerte Anflüge, die höher und damit leiser möglich seien, und die Einführung der Lärmpausen sorge für Entlastung. Aber man werde auch weiterhin gemeinsam mit den Partnern aus Luftverkehrswirtschaft und Politik nach praktikablen Lösungen suchen, um die Menschen in der Region spürbar zu entlasten.

Fluglärm-Gegner wollen "Flugscham" bei Gästen am Flughafen Frankfurt 

Die Fluglärmgegner aber haben die Hoffnung, dass es spürbar leiser wird, längst aufgegeben. Heubner sagt: "Wir machen weiter, solange sich Demonstranten im Terminal einfinden."

Die Schweden haben es vorgemacht: Flugscham. Immer mehr Menschen im hohen Norden verzichten der Umwelt zuliebe aufs Fliegen, steigen lieber in den Zug. Ähnliches erhoffen sich drei Initiativen aus dem Rhein-Main-Gebiet auch für Deutschland.

Deshalb startet heute auf der Montagsdemo die Kampagne "Deutschland fliegt nicht". So soll erreicht werden, dass möglichst viele Deutsche in der Woche vom 10. bis 16. Februar 2020 auf Inlands- und Kurzstreckenflüge verzichten. "Indem viele Menschen mitmachen und nicht fliegen, erreichen wir effektiv mehr als auf Verbote, Verordnungen und Gesetze zu warten", sagt Rolf Fritsch, einer der Initiatoren von "Gegenwind 2011". "Nachhaltig fliegen, heißt nicht fliegen."

Flughafen Frankfurt: Neue Kampagne gegen Fluglärm läuft an

Herzstück der Kampagne ist das "Gemeinsam-Nix-Tun"-Sofa, auf dem sich heute Abend die ersten Nichtflieger fotografieren lassen und dies in den Sozialen Medien veröffentlichen können. "Schon seit Konfuzius wissen wir, dass mit Nichtstun viel erreichbar ist", sagt Mitinitiator Klaus Rehnig von der Frankfurter Initiative "Stop Fluglärm". Wenn an einem Tag alle Deutschen darauf verzichteten, online zu shoppen, seien am nächsten Tag weniger Lieferwagen unterwegs, behauptet er, die die Umwelt belasten. "Mit unserer Kampagne wollen wir gezielt junge Menschen ansprechen."

Das Sofa wird durch die Republik reisen und für die Kampagne werben. Im Januar wird es in Berlin stehen, auch vor der Baustelle des Flughafens BER, dem Brandenburger Tor und dem Kanzleramt. Wer teilnehmen will, kann sich ab heute Abend per Stimmabgabe im Internet unter www.deutschland-fliegt-nicht.de dazu bekennen.

Von Julia Lorenz

Am Flughafen Frankfurt starten und landen im Jahr 69,5 Millionen Fluggäste - ein neuer Passagierrekord. Zahlen, Daten und Fakten zum größten deutschen Verkehrsflughafen, liefert fnp.de.*

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