Überblick über Ermittlungen

Fall Lübcke: Gibt es Verbindungen zum Mordfall Halit Yozgat?

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Stephan Ernst in Karlsruhe: Am Dienstag wurde der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke dem Generalbundesanwalt vorgeführt. Mittlerweile sitzt er wieder in Kassel in Untersuchungshaft.

Im Fall Lübcke gibt es fast täglich neue Erkenntnisse. Sogar Verbindungen zum Mordfall Halit Yozgat soll es geben. Wir geben einen Überblick über den Stand der Dinge.

Kassel – Einen Monat nach dem Mord an Walter Lübcke hat der mutmaßliche Täter Stephan Ernst sein Geständnis diese Woche widerrufen. Fast täglich gibt es neue Erkenntnisse im Fall des getöteten Kasseler Regierungspräsidenten, mitunter auch überraschende Wendungen. Was aber ist der Stand der Dinge? Wir geben einen Überblick.

Stephan Ernst

Nach Informationen der HNA* ist Ernst wieder in der Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Wehlheiden. Zuvor hatte er vor dem Generalbundesanwalt in Karlsruhe sein Geständnis widerrufen. Das hatte er, wie aus Ermittlerkreisen verlautet, in Kassel zuvor ohne anwaltlichen Beistand abgelegt – und zwar sehr detailliert. Sein neuer Anwalt, der Dresdner Jurist Frank Hannig, verfolgt offensichtlich eine andere Taktik als der NPD-Mann Dirk Waldschmidt, von dem Ernst zunächst vertreten wurde.

Unterdessen ist auch die Familie des 45-Jährigen in den Fokus der Ermittler geraten. Das Auto, das in der Tatnacht im Wolfhager Stadtteil Istha gesehen worden war, ist auf Ernsts Schwiegervater zugelassen. Es soll in der Vergangenheit mehrmals bei Veranstaltungen der rechtsextremen Szene gesichtet worden sein – unter anderem 2002 in Hessisch Lichtenau, als sich dort die rechtsextreme „Hilfsorganisation für politische Gefangene“ traf.

Markus H.

Markus H. soll Stephan Ernst den Kontakt zum Waffenhändler Elmar J. vermittelt haben. Auch H. und J. sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft, ihnen wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Stephan Ernst und Markus H. sind seit ihrer Jugend in der rechtsextremen Szene aktiv, waren auf der Informationsveranstaltung in Lohfelden und auch bei Kagida-Veranstaltungen in Kassel.

Markus H. war schon bei den Ermittlungen zum Mordfall Halit Yozgat ins Visier der Polizei gerückt. H. war damals ungewöhnlich oft auf einer Internetseite der Polizei, die sich mit der Tat befasste. 2006 hatte H. erklärt, dass er in einem Haus mit einer türkischen Familie wohnt, deren Sohn eng mit Halit Yozgat befreundet war. Er habe sich deshalb für den Fall interessiert.

In dem Haus im Wesertor wurde H. in der vergangenen Woche festgenommen. Der Polizeibeamte, der die Vernehmung im Yozgat-Mordfall geführt hatte, soll damals nicht vermerkt haben, dass H. der rechten Szene angehört. Ernst und H. sollen beide an dem Angriff auf die DGB-Kundgebung in Dortmund im Jahr 2009 beteiligt gewesen sein.

Auch die Kasseler Neonazis Mike S. und Markus E. zählen zum engeren Kreis um Stephan Ernst. Mike S. hatte nach der Festnahme ein Foto auf Facebook hochgeladen und sich mit ihm solidarisiert. Nachdem er sein Geständnis zurückgezogen hat, kommentierten Mike S. und Markus E. Beiträge mit Likes und positiven Äußerungen. Unter anderem heißt es: „Jetzt hat er wenigstens einen vernünftigen Anwalt.“

Artgemeinschaft

Stephan Ernst war in der rechten Szene vielfältig aktiv. Unter anderem soll das ehemalige NPD-Mitglied Kontakte zu Combat 18 gehabt haben, dem bewaffneten Arm des rechtsextremistischen Netzwerks „Blood and Honour“, auch wenn die Organisation das in einem Video bestritten hat.

Nach Informationen der HNA wurde der Neonazi bereits 2009 in einem Dossier des hessischen Verfassungsschutzes als besonders gewalttätig beschrieben. Zudem soll der Verfassungsschutz laut „Welt am Sonntag“ bereits 2011 gewusst haben, dass Ernst auch zur völkisch-nationalen „Artgemeinschaft“ gehörte.

Im Untertitel nennt sich die rechtsextremistische Organisation „Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“, was ein bisschen wie Neonazi-Hippies klingt. „Das ist ein Zusammenschluss von Leuten, die es ernst meinen“, sagt ein Szene-Kenner.

Laut Verfassungsschutz hängen die 170 Anhänger einer „rassistisch geprägten Ideologie“ an. Auch die NSU-Terroristin Beate Zschäpe soll zumindest einmal eine Veranstaltung der Artgemeinschaft besucht haben, bevor sie in den Untergrund abtauchte. Heute wird der Verein von Neonazi Jens Bauer geführt, ein Freund des NSU-Unterstützers Ralf Wohlleben. Kein Zweifel: Diese Leute meinen es ernst.

Von Kathrin Meyer, Matthias Lohr, Florian Hagemann, Daniel Göbel und Frank Thonicke

*HNA.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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