Das verlorene Päckchen aus Übersee

Landkreis Kassel: Wie eine Postbotin für ein verspätetes Weihnachtswunder sorgte

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Sie liebt ihren Job als Postbotin: Taija Griesel liegt es am Herzen, dass die Pakete ihren Empfänger finden. In Espenau ist sie für ihr herzliches Engagement bekannt.

Mit viel Einsatz hat eine Postbotin aus Espenau zwei Kinder aus Kassel glücklich gemacht: Trotz eines Fehlers des Absenders konnte sie zwei Monate nach Weihnachten das Paket mit den Geschenken überreichen.  

Es ist ein normaler Arbeitstag bei der Post, als Taija Griesel ein ungewöhnlich beschriftetes Paket findet. Die Sendung kommt aus Amerika, adressiert an Familie „Holzmann“. Absender ist eine Ruth Williams. Zwei Kindernamen finden sich auch in der Beschriftung: Mia und Ben. Die Postbotin aus Immenhausen runzelt die Stirn, nach ihrer 15-jährigen Dienstzeit kennt sie ihr Zustellungsgebiet Espenau wie ihre eigene Hosentasche – von einer Familie „Holzmann“ hat sie noch nie gehört. Die angegebene Adresse muss falsch sein.

Der Ehrgeiz der Postbotin ist geweckt. Sie liest die Inhaltsbeschreibung auf dem Paket: „Puppe, Kleid und Lego“. In diesem Moment ist Griesel sicher: „Da vermissen Kinder ihr Weihnachtsgeschenk, das schicke ich nicht zurück.“ Sie fragt sich durch, klingelt an Haustüren von Familien, doch keiner vermisst ein Paket. Was Griesel zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist, dass in Kassel zwei Kinder namens Ben und Nya sehnlichst auf ihre Weihnachtspost warten.

Bis auf den Namen waren alle Adressangaben falsch

Auf ihrer täglichen Route erzählt die Postbotin Raphael Palme von dem Paket. Er ist begeistert von Griesels Einsatz und startet einen Aufruf via Facebook in der Gruppe „Schönes Espenau“. Die Aktion erscheint aussichtslos: Abgesehen vom Namen der Absenderin sind alle Angaben auf dem Paket falsch. Grund dafür ist, dass das Päckchen gar nicht von Absenderin Ruth Williams beschriftet wurde, sondern von deren Enkelin, der die 87-Jährige Namen und Adresse diktiert hatte. Dabei ist wohl Einiges schief gelaufen. Eigentlich unmöglich, dass das Paket an der richtigen Adresse ankommt. Eigentlich, denn das, was dann passiert, grenzt an ein Wunder: Binnen kurzer Zeit meldet sich eine Nutzerin auf den Facebookaufruf. Obwohl sie die gesuchten Empfänger seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat, erkennt sie diese in der rätselhaften Beschriftung des Päckchens wieder.

Lego und Puppe aus Amerika: (von links) Mutter Nadine Höhmann mit Tochter Nya Ullrich, Oma Ursula Höhmann, Vater Alex Ullrich und Sohn Ben Ullrich freuen sich über das verspätete Weihnachtsgeschenk.

Die Nutzerin ist eine frühere Freundin von Nadine Höhmann – nicht Holzmann. Höhmanns Kinder heißen nicht Ben und Mia, sondern Ben und Nya und tragen wie ihr Mann den Nachnamen „Ullrich“. Mittlerweile wohnt die gebürtige Espenauerin mit ihrer Familie in Kassel. Mit Espenau lag die Absenderin trotzdem nicht vollkommen falsch, denn Höhmanns Mutter Ursula Höhmann lebt dort. Die Postbotin kennt Ursula Höhmann sogar sehr gut. „Aber die Enkelkinder in Kassel hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm“, sagt Griesel erstaunt.

Einsatz hat sich gelohnt: „Als ich ihr Gesicht gesehen habe, ging mir das Herz auf“

Drei Monate nachdem das Geschenk losgeschickt wurde, klingelt die Postbotin mit dem verlorenen Paket an der Tür von Ursula Höhmann. „Als ich ihr Gesicht gesehen habe, ging mir das Herz auf“, sagt Griesel. Höhmann hatte die Hoffnung längst aufgegeben und ist gerührt von dem Einsatz der Postbotin. „Ich habe mich riesig für meine Enkel gefreut“, sagt sie. Williams schicke jedes Jahr ein Päckchen an die Kinder und habe die Sendung schon per Telefon angekündigt, erklärt Höhmann. Die 87-Jährige ist die Ziehmutter von Ursula Höhmanns Mann. Williams war mit einem in Rothwesten stationierten Amerikaner zusammen und zog mit ihm in seine Heimat.

Dass der Aufruf bei Facebook so schnell so erfolgreich sein würde, hat Nadine Höhmann überrascht: „Kassel ist letztendlich ein Dorf mit Straßenbahnen.“ Vom Einsatz der Postbotin ist die Familie zutiefst gerührt. Sie sei eine Frau mit einem großen Herzen, sind sich Ursula und Nadine Höhmann einig.

Von Eva-Sophia Haussen

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