Vor 20 Jahren starben 101 Menschen

Das ICE-Unglück von Eschede: Waggons türmten sich wie Mikadostäbchen

Das Ende von ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“: Wagen fünf ist von der einstürzenden Rebberlaher Brücke in Eschede begraben worden, die Wagen sechs bis 12 sowie der hintere Triebkopf sind wie eine Ziehharmonika gegen den Brückenpfeiler geprallt – ein Massengrab mit 101 Toten. Foto: Ingo Wagner, dpa

Eschede. Als der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" am 3. Juni 1998 mit 200 km/h entgleist und teils unter einer Brücke begraben wird, sterben 101 Menschen. Ein Hinterbliebener erzählt.

„Heute habe ich Glück, ich fahre nach Glücksburg“, ruft der zwölfjährige Henry einem Nachbarn zu, als er bereits im Taxi zum Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe sitzt. Mit Mutter Karin und seiner 10-jährigen Schwester Nina will Henry die Großmutter in Schleswig-Holstein besuchen. Auch Jens Hager-van der Laan, der Vater, fährt mit der Familie zum Bahnhof, der Unternehmensberater muss zu einem beruflichen Termin nach Köln. Am Bahnhof verabschiedet sich der 57-Jährige von Frau und Kindern. Um 9:35 Uhr verlässt der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ Kassel. Es ist der 3. Juni 1998. 

Gut zwei Stunden später: Der mit 287 Reisenden nur etwa zur Hälfte besetzte ICE hat Hannover pünktlich verlassen und befindet sich auf der Fahrt nach Hamburg. Gegen 10:57 Uhr registrieren Reisende ein rumpelndes Geräusch. Wie sich später herausstellt, ist ein Radreifen am hinteren Drehgestell des ersten Wagens hinter dem Triebkopf gebrochen. Der Stahlreifen verbiegt sich und bohrt sich durch den Boden eines Abteils zwischen zwei Sitzen. Ein Zugbegleiter wird informiert. Er zieht aber nicht die Notbremse, weswegen später gegen ihn ermittelt wird. Allerdings hat er vorschriftsmäßig gehandelt, da er sich selbst von dem Schaden überzeugen musste. Doch dazu kommt er nicht mehr. 

In der HNA vom 4. Juni 1998: Eine Sonderseite zum Unglück von Eschede. Hier geht es zur kompletten Sonderseite.

Rund fünfeinhalb Kilometer bleibt der Zug trotz gebrochenen Radreifens im Gleis, fährt mit Tempo 200 weiter. Ein paar hundert Meter vor dem Bahnhof Eschede schlägt der verbogene Radreifen aber auf die Spitze einer von zwei Weichen. Die ersten drei Wagen entgleisen, kippen aber nicht um.

An der folgenden zweiten Weiche trifft ein entgleistes Rad die Weichenzunge, stellt sie um, und lenkt damit die hinteren Achsen von Wagen drei auf das abzweigende Gleis. Der Wagen fliegt aus dem Gleis, prallt gegen die Pfeiler einer Brücke und bringt sie zum Einsturz. Zwei Bahnarbeiter, die dort gestanden haben, sterben.

Hier liegt Eschede

Während der Triebkopf und die ersten zwei Waggons nahezu unbeschadet weiterrollen und mehrere hundert Meter entfernt zum Stehen kommen, ist Wagen vier noch unter der einbrechenden Brücke durchgekommen und stürzt dann eine Böschung hinunter. Waggon fünf wird von den 200 Tonnen Beton der Brücke unter sich begraben. Die nachfolgenden Wagen rasen in die Trümmer und falten sich wie eine Ziehharmonika zusammen, am Ende der hintere Triebkopf.

Um 12 Uhr hat Jens Hager-van der Laan seinen Termin mit dem Intendanten des Deutschlandradios, Ernst Elitz, einem Freund aus Berliner Studientagen. Als er dessen klimatisiertes Büro betritt, denkt er an seine Familie, die er angesichts der draußen herrschenden Hitze in einem gekühlten Abteil wähnt, und macht eine entsprechende Bemerkung. Klimatisiert seien die Züge, sagt Elitz, aber wohl nicht mehr so sicher. Er berichtet von eingehenden Meldungen von einem ICE-Unglück in Niedersachsen.

Jens Hager-van der Laan

Der Zeitpunkt, die Strecke – „ich wusste, dass es der Zug war, in dem meine Familie saß“, erinnert sich Hager-van der Laan. Im News-Raum des Senders erfährt er weitere Einzelheiten, und macht sich sofort auf den Weg nach Eschede. Unterwegs steigen Verwandte zu, die ihn begleiten. „Mir war klar, dass ich mir keine allzu großen Hoffnungen machen durfte, meine Familie unversehrt wieder zu sehen“, sagt Hager. Er weiß, dass seine Familie in Wagen fünf gesessen hat, jenem Wagen, der jetzt unter der eingestürzten Brücke liegt.

Um 11.02 Uhr wird der erste Notruf abgesetzt, kurz danach Katastrophenalarm ausgelöst. Hunderte Helfer eilen zum Unglücksort. Ihnen bietet sich ein Bild des Grauens: Wie Mikadostäbchen türmen sich die ICE-Wagen an dem Brückenpfeiler auf. Überall Tote und Verletzte, zersplitterte Scheiben und zerfetzter Stahl, zerborstener Brückenbeton und zerstreutes Reisegepäck. Der schnittige ICE ist zu einem gewaltigen Schrotthaufen geworden, der Stolz deutscher Ingenieurstechnik zu einem Massengrab.

Für die Gemeinde im Landkreis Celle, die vor allem von Touristen der Lüneburger Heide lebt, beginnt der Ausnahmezustand. Nicht nur Helfer, auch Reporter, Kamerateams, Übertragungswagen sind binnen Stunden vor Ort. Dann kommen die vielen verzweifelten Angehörigen.

Anfangs geht es noch darum, Überlebende zu retten. Doch nach den ersten Stunden müssen sich die Profis von Feuerwehr, THW und den Rettungsdiensten darauf einstellen, keine wirkliche Hilfe mehr leisten zu können. Es sind nur noch Leichen zu bergen und zu identifizieren.

Die Unglücksstelle ist abgesperrt – „heute bin ich dankbar, dass man uns dort nicht hinließ“. In einer Turnhalle von Eschede wartet Hager-van der Laan mit vielen anderen, die Verwandte und Freunde in dem verunglückten Zug haben. Es kursieren Listen mit den Namen tot geborgener Opfer und „unidentifizierter Verletzter“, die man in Krankenhäuser der Umgebung gebracht hatte. Auch Hager-van der Laan hofft weiter, dass seine Lieben vielleicht doch gerettet sein könnten, weil sie gerade nicht auf ihren Plätzen saßen. Vergeblich.

Letzte Gewissheit über den Tod seiner Familie erhält er eine Woche nach dem Unfall. Der polizeiliche Erkennungsdienst stellt anhand von Fingerabdrücken fest, dass seine Frau und seine Kinder unter den 101 Toten sind.

An jenem 3. Juni 1998 verunglückte in Eschede nicht nur ein Zug. Es zerbarst auch ein Symbol für die scheinbar problemlose Beherrschbarkeit einer Hochtechnologie namens ICE. Man hatte sich in der trügerischen Sicherheit gewiegt, dass moderne Technik ein Versagen von Mensch und Material fast unmöglich macht. Ausgeklügelte Fahrpläne, technische Routine, computergesteuerte Früherkennung von Unregelmäßigkeiten, Ausschaltung menschlicher Fehler, der Verzicht auf Kreuzungen und eingleisige Strecken – genutzt hat das alles nichts in Eschede, dem Ort entgleister Illusionen.

Denn je komplexer die Sicherheitssysteme werden, desto größer die Katastrophe, wenn sie wider Erwarten versagen. Deshalb war der Schock zunächst auch so groß. In Eschede geschah das Undenkbare, die Katastrophe war unvorstellbar wie der Untergang der Titanic 1912.

Jens Hager-van der Laan ist oft dabei gewesen, wenn in Eschede der 101 Toten ge- dacht wurde. Auch am morgigen Sonntag will er wieder hinfahren. In der Gewissheit, „seinen drei“ dann besonders nah zu sein.

Der Text enthält Passagen aus einem Gespräch, dass unsere 2009 verstorbene Kollegin Claudia Hohmann 1999 mit Jens Hager-van der Laan führte.

„Ich fühle mich ihnen sehr nah“

Interview: Jens Hager-van der Laan über das Leben ohne Frau und Kinder, die in Eschede starben

Jens Hager-van der Laan verlor bei der ICE-Katastrophe 1998 Ehefrau und zwei Kinder. Zum 10. Jahrestag sprach er im Sonntagszeit-Interview über den schwersten Schicksalsschlag in seinem Leben und wie er damit umgegangen ist. Jetzt stellte er sich noch einmal unseren Fragen.

Als wir uns vor zehn Jahren in Kassel zum Interview trafen, planten Sie gerade ihren Umzug nach Berlin. Und Sie wollten keine Prognose wagen, ob die Hauptstadt der letzte Wohnort ihres Lebens sein würde. Warum sitzen wir nun heute in Worpswede?

Jens Hager-van der Laan: Das Berlin-Charlottenburg, wo ich wohnte, mit seinen wunderbaren Cafes, Restaurants und seinem großen Kulturangebot, verliert seinen Reiz, wenn man gehbehindert ist: Vor fünf Jahren bin ich an Parkinson erkrankt. In Worpswede lebe ich jetzt in einem Haus im Grünen, umgeben von einer hilfsbereiten Großfamilie aus Schwestern, Schwägern und Cousins. Das sind, nachdem ich meine eigene Familie nicht mehr um mich habe, heute bessere Lebensumstände für mich und auch ein kleiner Trost.

Damals sagten Sie, Eschede hätten sie irgendwann als schlimmste Erfahrung ihres Lebens akzeptiert und sich entschieden, dieses Unglück als Herausforderung des Schicksals anzunehmen. Wie sehen Sie das 20 Jahre danach?

Hager-van der Laan: Das gilt für mich weiterhin. Ich wollte mit diesem Schicksalsschlag irgendwie fertig werden. Das ging bei mir nur über den Kopf. Ich wollte mich meinen Trauergefühlen nicht überlassen und habe mir peu à peu Perspektiven für ein Leben danach aufgebaut. Sehr geholfen hat mir das Bild eines befreundeten Pfarrers aus der Christengemeinschaft, der mir sagte, meiner Frau und meinen Kindern würde ihr Dasein in der geistigen Welt erleichtert, wenn ich als der Übriggebliebene unserer Familie in meiner irdischen Welt einigermaßen zurechtkäme. Ich habe mich damals entschieden, das zu glauben und es hat mir geholfen.

Haben Sie sich jemals gefragt: Wo war der liebe Gott am 3. Juni 1998?

Hager-van der Laan: Spontan fühlte ich mich tatsächlich „von Gott ver lassen“, wie es manchmal heißt. Aber das hielt nicht lange an. Ich wollte ihn für das Unglück nicht verantwortlich machen. Denn der ICE ist Menschenwerk, wie die Brücke am Tay in Schottland, bei dem ein Eisenbahnzug 75 Menschen in den Tod riss. In seinem Gedicht darüber von 1879 , das ich mal in der Schule auswendig lernen musste, lässt Theodor Fontane die beteiligten Schicksalsmächte sagen: Tand, Tand sind die Gebilde von Menschenhand. Es ist in unserer Verantwortung, sie zu bauen und das Risiko einzugehen, sie zu nutzen. Wenn ein Unglück geschieht, trauert Gott mit. Aber er kann den Betroffenen auch helfen, mit ihrem Verlustschmerz und ihrer Trauer zurechtzukommen und den Lebensmut nicht zu verlieren.

Wie präsent sind ihre Ehefrau und die beiden Kinder in ihrem Leben heute?

Hager-van der Laan: Ich denke jeden Tag an meine Familie. Weniger an die düsteren Tage damals in Eschede unmittelbar nach dem Unglück und die schwindende Hoffnung, meine Lieben noch lebend wieder zu sehen. Aber an die Zeit davor, die ich mit ihnen zusammen hatte. Mit zunehmendem Alter blicke ich auf zwei Leben zurück. Das eine ist das vor Eschede mit meiner Familie, und das andere das Leben danach und meine Versuche, daraus nicht nur ein Restleben werden zu lassen, sondern eines mit einem eigenen Sinn. Das letzte ist mir nur zum Teil gelungen. Aber ich denke in den letzten Jahren viel an meine Familie, vor allem an die Kinder und schreibe manches von dem auf, was ich mit ihnen erlebt habe. Dann fühle ich mich ihnen sehr nah. Aber Trauer und Schmerz bleiben.

Es sind vor allem Erinnerungen, die Sie notieren?

Hager-van der Laan: Nicht nur. Wenn mich – was vorkommt – Mitschüler meiner Kinder von der Kasseler Waldorfschule besuchen, entwickle ich Vorstellungen darüber, wie meine Kinder wohl heute wären, welche Gedanken sie bewegten, dass sie mich vielleicht eineinhalb Köpfe überragten und ihr eigenes Leben lebten. Das berührt mich sehr und ich freue mich über die Besuche der Mitschüler. Mit meiner Frau habe ich damals beruflich eng zusammengearbeitet und in vielen Situationen während meiner beruflichen Tätigkeit nach Eschede habe ich mich gefragt, was sie wohl getan hätte, um das Problem anzugehen, das mir gerade bevorstand.

Bei unserem Gespräch vor zehn Jahren sagten Sie, neue Partnerschaften seien nicht von Dauer gewesen. Ist das so geblieben?

Hager-van der Laan: Ja. Das ist so geblieben. Zeitweise hatte ich in der Beziehung zu einer Frau, die meinem Herzen nahe war, Hoffnungen, es könnte daraus eine Lebenspartnerschaft werden. Aber sie ist wieder auseinandergegangen. Im Alter neue dauerhafte Lebensbeziehungen aufzubauen, finde ich schwierig. Es ist ein weites Feld, das im Alter noch zunehmend uneben wird.

Stehen Sie in Kontakt mit anderen Hinterbliebenen von Eschede-Opfern?

Hager-van der Laan: Ich habe immer noch gute Kontakte zu Heinrich Löwen, dem verdienstvollen Sprecher der Selbsthilfe Eschede, und anderen Hinterbliebenen. Erst kürzlich besuchten mich eine Dame und ihr Mann, die ihre Tochter in Eschede verloren haben. Sie fühlt sich durch den Tod ihrer Tochter um den Sinn ihres Lebens gebracht und leidet noch immer sehr unter dem Verlust.

Beschäftigt Sie noch die juristische Aufarbeitung der Katastrophe?

Hager-van der Laan: Bis zum 15. Jahrestag der Katastrophe war unsere Kommunikation mit der Bahn eher frostig-formell. Die Diktion der Bahn-Repräsentanten war von den beratenden Juristen der Bahn geprägt, mit deren Hilfe sie schon alle Entschädigungsansprüche der Betroffenen in einem Prozess abgewehrt hatte. Danach waren die Bahn-Repräsentanten deutlich bemüht, nichts zu äußern, was als Schuldeingeständnis auszulegen gewesen wäre.

Das änderte sich erst mit der Rede des damaligen Bahnchefs Dr. Rüdiger Grube zum 15. Jahrestag. Es hatte sich gezeigt, dass es mit den Rädern des ICE schon Monate vor dem Unfall Probleme gegeben hatte. Und am Abend vor dem Unfall hatte es menschliches Versagen bei der routinemäßigen Kontrolle der Räder gegeben. Bei der Gedenkfeier in Eschede bat Grube die Hinterbliebenen der Opfer spontan um Entschuldigung für das durch die Bahn entstandene menschliche Leid. Das war eine ehrenwerte Geste, die sich wohltuend abhob von der jahrelangen rein unternehmerischen Sicht der Bahn auf die Katastrophe. Seither haben die meisten Hinterbliebenen ein entspanntes Verhältnis zur Bahn. Bei der diesjährigen Feier zum 20. Jahrestag des Unglücks wird auch der neue Vorstandsvorsitzende der Bahn, Dr. Richard Lutz, wieder anwesend sein.

Hinterbliebenen solcher Katastrophen wird meist psychologische Beratung bei der Bewältigung des Verlustes angeboten. Wie war das bei Ihnen?

Hager-van der Laan: In meinem Beruf als Unternehmensberater hatte ich gelegentlich die Aufgabe, Einzelpersonen in für sie schwierigen beruflichen Situationen weiterzuhelfen. Ich arbeitete dabei mit Methoden der Gesprächspsychologie. Das war das Problem, als nun gewissermaßen Kollegen sich bemühten, mir in meiner Situation weiterzuhelfen: ich konnte nicht naiv auf ihre wohlgemeinten Interventionen reagieren und dachte manchmal, wie wärest du wohl vorgegangen in dieser Situation. Ich habe dann entschieden, mich mit befreundeten Berufskollegen zu treffen und über meine Situation mit ihnen zu reden. Darauf konnte ich mich leichter einlassen.

Wie sehen Sie Ihr heutiges Leben?

Hager-van der Laan: Das wichtigste sind die vielen guten Freunde und die hilfsbereiten Verwandten, die mich in meinem Leben begleiten. Das war schon in Kassel so, auch in Berlin, wo ich studiert und mit meiner Frau erste Anfänge im Beruf gemacht hatte, und das ist auch hier in Worpswede so, meiner Heimat. Ich fühle mich nicht einsam, aber ich vermisse bis heute den intensiven Dialog mit meiner Frau und das Gespräch mit den Kindern, das heute natürlich ein anderes wäre, als in unserer viel zu kurzen gemeinsamen Zeit.

Zur Person

Jens Hager-van der Laan (77), in Bremen geboren, studierte Psychologie und Soziologie. Als Unternehmensberater arbeitet er lange Zeit in Kassel. Bei der ICE-Katastrophe vor 20 Jahren verlor er Ehefrau Karin (damals 54 Jahre alt) und die Kinder Henry (12) und Nina (10). Er lebt heute in Worpswede bei Bremen.

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