Lesermeinung

Substanzlose Angriffe

Thema: Lesermeinung Degenhardt vom 10.1.

Schade. Da gibt jemand seine unternehmerische Identität auf, um schließlich bei Amazon als „ungelernte Kraft“ unter 4000 anderen zu arbeiten. Und trotzdem singt er das Loblieb auf den Betrieb, über dessen Arbeitsbedingungen die Medien leider oft berichten müssen. In der Kritik stehen Lohn- und Arbeitszeitstrukturen, fragwürdige Video-Überwachungen, der Umgang mit ausländischen Kollegen oder die permanente Bevormundung von Mitarbeitern.

Aber Leserbriefschreiber Degenhardt greift ver.di und seine Mitglieder lieber substanzlos an. Schon bei seiner Zahl bezüglich der Streik-Zustimmung rechnet er sich die Statistik schön. Die Dunkelziffer derer, die sich gern an den Ausständen beteiligen würden, dies aus Angst vor Jobverlust aber nicht öffentlich wagen, liegt deutlich höher. Das erfahren wir immer wieder in vertraulichen Gesprächen mit Betroffenen.

Es ist unbegreiflich, wie Leser Degenhardt versucht, das schon seit fünf Jahren andauernde Engagement der Gewerkschaft als Freizeitbeschaffung zu verunglimpfen. Hier - wie an jedem anderen Firmensitz - geht es doch um Menschen mit Berufs- und Zukunftsängsten. Allein der ausgesprochen hohe Personaldurchsatz bei Amazon spricht Bände. Hunderten Saisonkräften wird die Festanstellung in Aussicht gestellt, nur ein geringer Prozentsatz wird tatsächlich neu eingestellt.

Es tut uns leid, dass Leser Degenhardt keine Brückentage nehmen kann und „von seiner angestammten Arbeit“ nicht so gern „in andere Abteilungen verschoben“ werden möchte. Doch davon kann Ver.di seine Streikplanung nicht abhängig machen. Es geht um mehr: Um einen transparenten Tarif, um gegenseitigen Respekt und um ein von Vertrauen geprägtes Betriebsklima.

Mechthild Middeke Andreja Schmidtkunz Gewerkschaftssekretärin DGB Kreisverbandsvorsitzende

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