Reise in wessen Vergangenheit?

Vorweg: Es ist gut und wichtig, dass junge Leute an erinnerungswürdigen Stätten auch mit den grausamen, unmenschlichen und traurigen Seiten unserer Vergangenheit konfrontiert werden. Das betrifft Gedenkstätten am Ort ehemaliger Konzentrationslager genauso wie das Holocaust-Mahnmal oder eben Point Alpha. In wessen Vergangenheit aber reisten die Geistal-Schüler? Wer eigentlich trifft die Auswahl der Interview-Partner, die bei solchen Schülerprojekten den Jugendlichen Rede und Antwort stehen?

Wer achtet darauf, dass den jungen Leuten wirkliche Opfer des DDR-Regimes gegenüberstehen? Solche, deren Biografien zwar typisch für ehemalige DDR-Bürger sind, die sich aber irgendwann einmal vehementer als andere für ihre Freiheit eingesetzt haben? Solche wie Berthold Dücker zum Beispiel, dem 1964 noch die Kneifzange genügte zur Flucht durch den Grenzzaun.

Die Biografien der anderen Interviewpartner jedoch weisen zu viele Stellen zum Zweifeln auf. Gar zu schnell und anscheinend trotz eigenen Wohlverhaltens war man da im „Spezialheim“, „Durchgangsheim“ oder gar im Jugendwerkhof gelandet. Dass man zwangsläufig danach weder Schul- noch Berufsabschluss hatte, widerspricht der Realität genauso wie das tägliche Überfallkommando im Schulalltag der DDR.

Sicher sind die von den Interviewten letztlich tatsächlich erlittenen Demütigungen zu verurteilen, ganz sicher will niemand die radikalen Erziehungsmethoden in vielen DDR-Kinderheimen und Jugendwerkhöfen beschönigen. Die am Projekttag der Geistal-Schüler interviewten Personen jedoch weisen zumeist in ihrer Jugend Biografien auf, die völlig untypisch für DDR-Jugendliche sind.

Damit ist vor allem deren im Interview häufig unbegründete oder plötzliche oder vielleicht politisch verbrämte Einweisung in strengste Erziehungsanstalten gemeint. Ein Kind, das aus unterschiedlichen sozialen Gründen in einem Kinderheim der staatlichen Jugendhilfe der DDR untergebracht war, hatte durchaus ganz normale Entwicklungschancen mit seinen Fähigkeiten und Interessen entsprechenden Schul- und Berufsabschlüssen.

Nur schweres eigenes Fehlverhalten konnte zur Einweisung in Durchgangsheim beziehungsweise Jugendwerkhof führen. Aber auch dort bestand die Möglichkeit, Schul- und Berufsausbildung zu absolvieren.

Letztlich bleibt zu fragen, welche Erkenntnisse die Projektschülerinnen aus dem Interview des US-Soldaten gewonnen haben mögen. Völlig unpolitisch motiviert, entschied er sich gegen den Korea-Einsatz und hatte schließlich auch an Point Alpha „nur Bier, Weiber und Spaß“.

Nachsatz: Drum prüfe, wen du interviewst!

Bärbel Meier
Ludwigsau, Leserin mit
43-jähriger DDR-Erfahrung

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